Kaufbeuren

Kaufbeurer Festival lässt Regisseur gegen Fake-News kämpfen

Jurysitzung Filmzeit Drehbuchwettbewerb

Im prächtigen Alten Sitzungssaal des Kaufbeurer Rathauses tagte die Jury des ersten Filmzeit-Drehbuchwettbewerbs: (von links) Alfred Riermeier, Jugend-und Familienreferatsleiter der Stadt, Oberbürgermeister und Gremiumsvorsitzender Stefan Bosse sowie Birgit Kern-Harasymiw und Rainer Schicht vom Festival-Team.

Bild: Mathias Wild

Im prächtigen Alten Sitzungssaal des Kaufbeurer Rathauses tagte die Jury des ersten Filmzeit-Drehbuchwettbewerbs: (von links) Alfred Riermeier, Jugend-und Familienreferatsleiter der Stadt, Oberbürgermeister und Gremiumsvorsitzender Stefan Bosse sowie Birgit Kern-Harasymiw und Rainer Schicht vom Festival-Team.

Bild: Mathias Wild

Filmzeit vergibt Preis für ein Drehbuch, das bis zum Herbst realisiert werden muss. Warum die Story von Alexander Löwen perfekt in die Corona-Zeit passt.
21.05.2020 | Stand: 06:30 Uhr

Er war für alle Beteiligten spannend – nicht nur weil es sich um eine Premiere handelte, sondern vor allem weil die Corona-Krise auch hier die Planungen einmal mehr ordentlich durcheinanderwirbelte. Doch trotz aller Widrigkeiten tagte nun die Jury des Drehbuchwettbewerbs der Filmzeit Kaufbeuren. Die Macher des Autorenfilmfestivals hatten in Zusammenarbeit mit dem städtischen Projekt „Kaufbeuren aktiv“ und dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ die Auszeichnung erstmals ausgelobt. Teilnahmeberechtigt waren professionelle und semiprofessionelle Filmemacher, die entweder im Allgäu leben oder hier aufgewachsen sind und noch einen Bezug zur Region haben. Gewonnen hat der aus Kempten stammende Alexander Löwen mit seinem Drehbuch „Grad Deutscher Härte“. Das Preisgeld von 4000 Euro wird allerdings nur ausgezahlt, wenn das Drehbuch bis Anfang September in Kaufbeuren realisiert wird. Premiere soll das Ergebnis dann im Oktober bei der 13. Filmzeit in der Wertachstadt feiern.
Zum Auswahlgremium gehörte auch Oberbürgermeister Stefan Bosse, der sich sehr angetan von den Einreichungen zeigte. „Durch den Wettbewerb hatte ich Gelegenheit, erstmals auch Drehbücher für Kurzfilme zu lesen. Und ich bin wieder sehr begeistert, mit welcher Konsequenz die eingereichten Beiträge spannende, berührende oder aufrüttelnde Themen anpacken und kurz und knapp auf den Punkt bringen.“

 

Düsteres und Ermutigendes

 

Viele Themen der eingereichten Drehbücher erhalten durch die Corona-Krise derzeit eine (neue) Aktualität: häusliche Gewalt, Kindesmissbrauch, Cyber-Mobbing, Ressentiments gegen Ausländer, Andersgläubige und Andersdenkende. Aber auch düstere Visionen aus ferner Zukunft mit Rückblicken auf das Krisenjahr 2020, Fleischorgien in Zeiten, in denen Fleischkonsum zunehmend verpönt sein wird, Verschwörungstheorien, aber auch Geschichten, bei denen sich Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und konträren Ansichten annähern, sind Themen der beim Wettbewerb gesichteten Filmprojekte. „Wir sind sehr beeindruckt von der Professionalität der eingereichten Arbeiten“, sagt Alfred Riermeier, Jugend- und Familienreferatsleiter der Stadt Kaufbeuren, der gemeinsam mit Festivalleiterin Birgit Kern-Harasymiw und ihrem Filmzeit-Kollegen und Mediengestalter Rainer Schicht sowie OB Bosse in der Jury saß. „Neben den formellen Kriterien, die alle Einreichungen erfüllt haben, haben wir nicht nur die Story begutachtet, sondern insbesondere auch die Machbarkeit der Realisierung in dieser besonderen Zeit mit Einschränkungen in unsere Entscheidung einfließen lassen“, erläutert Schlicht. Was ist möglich in dem begrenzten finanziellen Rahmen? Müssen für ein Drehbuch professionelle Darsteller engagiert werden oder lässt sich der Stoff auch mit Laienschauspielern glaubhaft und authentisch umsetzen? Um diese Fragen ging es bei der Sitzung des Auswahlgremiums.
 

Schüler von Michael Haneke und Werner Herzog


Zum Sieger wurde schließlich Alexander Löwen gekürt, der Spielfilmregie an der Hochschule für Fernsehen und Film in München studiert. Er absolviert Meisterklassen unter anderem bei Doris Dörrie, Michael Haneke, Werner Herzog und Marcus H. Rosenmüller. Neben dem Studium arbeitet er freiberuflich als Theater-und Filmregisseur. Sein nun prämiertes Drehbuch „Grad Deutscher Härte“, das sich mit Verschwörungstheorien beschäftigt und Grenzen aufzeigt, hat die Jury überzeugt. Ein satirischer Stoff, der Anregungen für vielfältige Diskussionen biete und für ein besseres Demokratieverständnis mit weniger Fakes und mehr Fakten werbe, lautet die Jury-Begründung. „In diesem von Corona gebeuteltem Jahr 2020 kennt die Absurdität von im Netz aufgestellten Behauptungen und Theorien keine Grenzen mehr. Nur mit Fakten ist schwer dagegen anzukämpfen. Da ist die Taktik der alten Ida, eine der beiden Hauptfiguren in dem Film, herzerfrischend anders,“ freut sich Kern-Harasymiw. Die Dreharbeiten sind für den Sommer geplant – wenn nicht das Virus wieder andere Fakten schafft.