Funkelnde Klangsterne

Musik einer komponierenden Kurtisane im Kloster Irsee

Mit einem enormen Instrumentarium und ebensolchem Können präsentierte das Ensemble Alba Canta unter dem Motto „Fonte Lattaia – die Quellen der Milchstraße“ Musik der italienischen Renaissance im Festsaal des Klosters Irsee.

Mit einem enormen Instrumentarium und ebensolchem Können präsentierte das Ensemble Alba Canta unter dem Motto „Fonte Lattaia – die Quellen der Milchstraße“ Musik der italienischen Renaissance im Festsaal des Klosters Irsee.

Bild: Mathias Wild

Mit einem enormen Instrumentarium und ebensolchem Können präsentierte das Ensemble Alba Canta unter dem Motto „Fonte Lattaia – die Quellen der Milchstraße“ Musik der italienischen Renaissance im Festsaal des Klosters Irsee.

Bild: Mathias Wild

Ensemble Alba Canta haucht fast vergessener italienischer Renaissance-Musik neues Leben ein. Beim Konzert in Irsee spielen Komponistinnen eine wichtige Rolle.
25.01.2023 | Stand: 09:00 Uhr

Die Renaissance – gemeinhin definiert als das 16. Jahrhundert – war eine Zeit der Umbrüche und Gegensätze. Konfessionelle Kämpfe und Kriege, Not und Krankheiten auf der einen Seite. Das Erblühen von Wissenschaft und Kunst auf der anderen Seite. Von Lebensfreude und Vitalität in dieser Epoche zeugt in besonderem Maße die – leider oft nicht schriftlich überlieferte – Musik Italiens. Genau diesen musikalischen Schatz zu heben, ist das Anliegen des siebenköpfigen Ensembles Alba Canta, das auf Einladung des Kulturring Kaufbeuren und der Schwabenakademie im Festsaal von Kloster Irsee konzertierte.

Musik zwischen an Exzess grenzender Lebensfreude und meditativer Ruhe

Mit lebendig-inspiriertem Solo-Gesang, hauptsächlich von Andrea Kaltenecker, immer wieder erweitert zum Duo oder Mini-Chor, breitete Alba Canta ein faszinierend vielfältiges Tableau an Gefühls- und Empfindungswelten vor der Zuhörerschaft aus. Immer wieder neu ausgeleuchtet wurden die in Musik gegossenen Befindlichkeiten zwischen an den Exzess grenzender, turbulenter Lebensfreude und meditativ-suggestiver Ruhe durch ein umfangreiches Sammelsurium an Instrumenten: vom Psalterium (heute eher als Hackbrett bekannt) über diverse Gamben, Theorbe, Barockgitarre, natürlich Blockflöten bis zu „Exoten“ wie Citola und Vihuela. Besonders tragende Rollen im musikalischen Geschehen kamen auch Eva Röll (Violine und Viola) sowie dem Perkussionisten Sebastian Flaig zu, der mit Handtrommeln in verschiedenen Größen, Zimbeln und vielerlei mehr höchst interessante Effekte zu produzieren verstand. Und dann war da noch Walter Waidosch, der außer mit Instrumentalspiel und Gesang den Abend hauptsächlich mit einer informativ-intellektuellen Moderation bereicherte. Die war auch nötig, wies der Programmzettel doch heute weitgehend unbekannte Namen auf – darunter übrigens nicht wenige komponierende Frauen.

In den Texten geht es um die Nacht, die Liebe, die Schönheit, das Begehren, um den Schlaf und seinen "großen Bruder"

Worum ging es also in dieser mal rauschhaften, mal sinnlichen, immer anrührenden Ansammlung von „Italienischen Liedern der Renaissance, taumelnd zwischen Liebe und Tod“, wie bereits der Untertitel des Programms verriet? Nun, um das, um was es meistens in der Musik seit ihrem Anbeginn geht: um die Nacht, die Liebe, die Schönheit, das Begehren, aber auch um Schlaf und vor allem seinen „großen Bruder“, den Tod, dem man oft genug mit zündenden Tarantella-Rhythmen davon zu tanzen versuchte. Da fanden sich dann immer wieder rasante venezianische oder auch toskanische Tänze, meist keinem Schöpfer zuzuordnen, in denen neben dem Abend, der Nacht, der Schönheit allgemein oder im Besonderen der Augen auch mal einem der damaligen Modenamen, „Nina“ oder „Ninetta“ sowie dem exotischen Reiz schöner Fremder gehuldigt wurde. Viele der unbekannten Tonkünstler, etwa Tullia d’Aragona, Lionardo Giustiniani oder Caterinuccia, die gerne Texte von Petrarca oder Torquato Tasso vertonte, hatten eigentlich andere „Hauptberufe“, beispielsweise Kurtisane, Doge von Venedig oder Hausherrin auf einem toskanischen Landgut.

Gezupfte Saitenklänger als unerbittlicher Sekundenschlag

In jedem Fall erlebte das Publikum, das wegen des Wintereinbruchs nicht so groß war, wie man es diesem herausragenden Konzert gewünscht hätte, einen mitreißenden, betörenden, lange in einem nachklingenden Reigen sehr farbig abschattierter Klangeindrücke. Glanzpunkte gab es dabei viele. Eine „Chiacona“ von Gabriello Chiabrera voll flirrender Geigen-Tremolos über einem zu Beginn mit dem Psalterium intonierten Quartabstiegs, gefolgt von spannungsreich Perkussionseffekten. Äußerst fein gewoben auch „La Pellegrina“ von Lionardo Giustiniani: Unterlegt von exotisch anmutendem Schlagwerk-Sound umgarnen einander zwei zarte, schwebende Linien, die zunehmend Fahrt aufnehmen und mit morisken Farben ein Maximum an Intensität erreichen. Schön auch die eher melodiös-sanglichen Stücke des Abends: Das „Amore Alma“ von Caterinuccia oder der venezianische Tanz „Alla Rosina“. Tiefgründig, geistreich und geheimnisvoll auch das vielleicht an die Endlichkeit des Lebens gemahnende „Se forse“ der Kurtisane Tullia d’Aragon, deren Salon ein kultureller Treffpunkt ihrer Zeit war: Tonrepetitionen auf gezupften Saiten gingen als eine Art unerbittlicher Sekundenschlag unter die Haut.

Auch der rätselhafte Titel des Konzertprogrammas wird aufgelöst

Bleibt abschließend noch aufzuklären, was es mit dem Titel des Konzerts „Fonte Lattaia – die Quellen der Milchstraße“ - auf sich hat. Auch das erfuhren die Zuhörerinnen und Zuhörer von Moderator Waidosch: Es geht um das sich in einem alten Quellbrunnen spiegelnde Licht der Sterne der Milchstraße – ein sicher viele Stücke des Abends prägendes Bild.

Lesen Sie auch:

Die "Musicbanda" Franui verblüfft das Kaufbeurer Publikum

So war das Konzert von Mattias Schriefls Band in Kaufbeuren