Geschichte

Warum ein Kaufbeurer Kirchlein der Bürokratie zum Opfer gefallen ist

Schropp Eine Liebe in Bildern Abbildung 118

Bis zu ihrem Abbruch 1805 stand die Friedhofskirche St. Sebastian am südlichen Ortsausgang von Kaufbeuren an der Landstraße nach Füssen. Heute befindet sich dort eine Grünfläche zwischen Ganghoferstraße und Altem städtischem Friedhof. Andreas Schropp malte das Gotteshaus 1846 aus seiner Erinnerung heraus.

Bild: Schwangart/Mathias Wild

Bis zu ihrem Abbruch 1805 stand die Friedhofskirche St. Sebastian am südlichen Ortsausgang von Kaufbeuren an der Landstraße nach Füssen. Heute befindet sich dort eine Grünfläche zwischen Ganghoferstraße und Altem städtischem Friedhof. Andreas Schropp malte das Gotteshaus 1846 aus seiner Erinnerung heraus.

Bild: Schwangart/Mathias Wild

Zwei Aquaralle des Konditormeisters Andreas Schropp erinnern an die Kaufbeurer Friedhofskirche St. Sebastian. Das spätgotische Gotteshaus wurde 1805 als „überflüssig“ erachtet und abgerissen.

Von Helmut Lausser (Heimatverein)
07.06.2020 | Stand: 15:51 Uhr

Kaufbeuren Eine einmalige Dokumentation der Kaufbeurer Stadtgeschichte hat der 1781 hier geborene Konditormeister Andreas Schropp mit seinen mehr als 300 Aquarellen hinterlassen. Dabei waren gerade die ersten Jahre nach dem Übergang der alten Reichsstadt an das Königreich Bayern eine Zeit dramatischer Veränderungen. Gebäude, die Jahrhunderte lang das Stadtbild geprägt hatten, wurden abgerissen. So auch die Friedhofskirche St. Sebastian.

Aus der Erinnerung gemalt

Um Unwiederbringliches für die Nachwelt zu erhalten, malte Schropp Mitte der 1840er-Jahre aus der Erinnerung Gebäude, die zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr existierten. Ein Beispiel sind die 1846 entstandenen Darstellungen der Kaufbeurer Friedhofskirche, die auf Anordnung der Landesdirektion abgebrochen wurde.

Der Bau des Gotteshauses, das der Gottesmutter Maria und dem Pestpatron Sebastian geweiht war, hatte mehrere Gründe: Zum einen stieß die Aufnahmefähigkeit des Friedhofs an der Stadtpfarrkirche St. Martin an ihre Grenzen.

Pest wütete in Schwaben

Zum anderen forderte die 1483/84 im südlichen Schwaben grassierende Pest auch in der Wertachstadt zahlreiche Opfer. Mit dem von den Bürgermeistern Jörg Spleiß und Ulrich Schweithard begleiteten Bau der Friedhofskirche wurde am 18. Oktober 1484 begonnen. Ihre Weihe erfolgte nach der im Pfarrarchiv von St. Martin überlieferten Inschrift am 8. Juli 1485.

Die kleine Kirche lag in der Nordostecke des neuen, mit einer Backsteinmauer umrahmten Friedhofs, der unmittelbar neben der Landstraße nach Füssen angelegt worden war. Der Hauptzugang zur Kirche, zu dem ein Weg von der Stadt her angelegt wurde, erfolgte auf der Nordseite. Ein weiterer Ausgang wies nach Süden auf den Friedhof. Im zeitgenössischen Stil der Spätgotik schloss sich dem Langhaus im Osten der etwas schmalere Chor mit einem Fünfachtel-Abschluss an. Am nördlichen Übergang vom Langhaus zum Chor erhob sich ein vierstöckiger Turm mit zwei Glocken und einem Satteldach. Der Innenraum von St. Sebastian enthielt zwei Seitenaltäre, eine Kanzel und eine Orgelempore.

Nach einer im Jahre 1748 entstandenen Beschreibung war an den Mauern des Gotteshauses eine Vielzahl von Epitaphien angebracht, gemalte Holztafeln im Inneren und Steinplatten an den Außenwänden. Diese erinnerten vor allem an Honoratioren der Stadt, die im Verlaufe des 16. und frühen 17. Jahrhunderts gestorben waren. Von ihnen hat sich allerdings nur das von Daniel Erb, genannt Franck, 1599 geschaffene Epitaph der Familie des Bürgermeisters Ludwig Bonrieder mit der Darstellung des Propheten Jonas und dem Walfisch erhalten. Es hängt heute im Arbeitsraum des Pfarrarchivs von St. Martin.

Konfessionen streng getrennt

Nach der Einführung der Reformation in Kaufbeuren wurde der Friedhof zunächst als Begräbnisstätte der lutherischen Einwohnerschaft verwendet, während die Katholiken ihre letzte Ruhestätte weiter rund um St. Martin fanden. Diese Trennung ließ sich wegen des Bevölkerungswachstums nach dem Dreißigjährigen Krieg aber nicht aufrechterhalten. Trotzdem wurde noch bis ins 20. Jahrhundert hinein streng darauf geachtet, dass in einer evangelischen Grabstätte keine katholische Leiche bestattet wurde, und umgekehrt.

Mit dem Übergang an Bayern griffen auch in Kaufbeuren die dem Zeitalter der Aufklärung geschuldeten Gesetze. St. Sebastian fiel unter die „überflüssigen Nebenkirchen“, die aus Ersparnisgründen umgewidmet oder zum Abbruch verkauft werden sollten. Gleichzeitig geriet das Kirchlein ins Visier der bayerischen Gesundheitsfürsorge, die davon ausging, dass Friedhöfe giftige Ausdünstungen verströmten. Die Gottesäcker um St. Martin, beim Spital und bei St. Dominikus wurden aufgehoben und eingeebnet. Der Friedhof im Süden der Stadt musste im Gegenzug erweitert werden, wurde aber wegen seiner Nähe zur Füssener Landstraße um 50 Meter nach Westen versetzt. Die Sebastianskirche wurde samt Turm und Friedhofsmauer im Juni 1805 abgebrochen, die Glocken nach St. Martin gebracht. Der neue Gottesacker wurde mit einem Lattenzaun und einer Hecke aus Fichten- und Tannenbäumchen umgeben. Das aufgegebene Areal zwischen Friedhof und der heutigen Ganghoferstraße ist nach wie vor eine Grünfläche mit Bäumen.

Literatur:

Jürgen Kraus und Stefan Fischer (Herausgeber): „Eine Liebe in Bildern. Die Kaufbeurer Ansichten des Konditormeisters Andreas Schropp“, Verlage Schwangart und Bauer, Kaufbeuren und Thalhofen 1997.