Krasse Gegensätze an der Kirchenorgel

Wie Martin Sturm den Orgelsommer Kaufbeuren rockt

Martin Sturm sorgte beim jünsten Konzert im Zuge des Internationalen Orgelsommers Kaufbeuren für begeisterte Verblüffung bei den Zuhörerinnen und Zuhörern in der Dreifaltigkeitskirche.

Martin Sturm sorgte beim jünsten Konzert im Zuge des Internationalen Orgelsommers Kaufbeuren für begeisterte Verblüffung bei den Zuhörerinnen und Zuhörern in der Dreifaltigkeitskirche.

Bild: Victor Marin (Archivbild)

Martin Sturm sorgte beim jünsten Konzert im Zuge des Internationalen Orgelsommers Kaufbeuren für begeisterte Verblüffung bei den Zuhörerinnen und Zuhörern in der Dreifaltigkeitskirche.

Bild: Victor Marin (Archivbild)

Martin Sturm aus Weimar sorgt beim Konzert in der Kaufbeurer Dreifaltigkeitskirche nicht nur mit seinen brillanten Improvisationen für begeisterte Verblüffung.
27.09.2022 | Stand: 05:00 Uhr

Das war krass: Einen intensiven Abend voller virtuoser Gegensätze bescherte Martin Sturm den leider nur wenigen Zuhörerinnen und Zuhörern beim jüngsten Konzert des Internationalen Orgelsommers Kaufbeuren. Der 1992 geborene Musiker entlockte der Seifert-Orgel in der Dreifaltigkeitskirche insbesondere bei seinen brillanten Improvisationen Klänge, die dort so wohl noch nie zu hören waren. Aber auch die Stücke anderer Komponisten auf ging der Professor an der Musikhochschule in Weimar höchst unkonventionell an.

Gleich der Auftakt mit Johann Sebasian Bach wird zum überraschenden Ereignis

Ist ein Johann Sebastian Bach bei den Kollegen oft eine willkommene Eröffnung, so machte Sturm gleich den Auftakt zum überraschenden Ereignis. Zwar ist Präludium und Fuge in D (BWV 532) durchaus auf virtuose Effekte, insbesondere am Pedal, ausgelegt. Doch die intonatorische Tiefe und Breite, gepaart mit einer höchst kontrastiven Tempo-Gestaltung, die Sturms Interpretation eröffnete, ließen das Werk in einem völlig neuen Licht erstrahlen. Kaum waren die letzten dröhnenden Töne der größten Pfeifen verklungen, ließ Sturm die kleinsten zwitschern und tirilieren: „Variationen von der lieblich Nachtygall“ war seine filigran-gewitzte Improvisation betitelt.

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Von der "lieblich Nachtygall" zum dramatischen Aufwallen

Dann ging es im krassen Kontrast wieder zurück zum Bach’schen Dröhnen und noch weit darüber hinaus. Franz Liszts „Evocation a la Chapelle Sixtine“ interpretierte Sturm deutlich dorthin, wo das späte Werk des Komponisten steht: an die Grenze zur Moderne. Düsternis und dramatische Aufwallen kostete Sturm voll aus, um dann das von Liszt zitierte „Ave verum“ von Mozart so fein und klar zu ziselieren, dass eine ungeheure Spannung in Ohren und Hirnen des Publikums entstand. Die folgende Improvisation „Metamorphose“ tat wenig dafür, diesen Zustand der begeisterten Verblüffung aufzulösen – im Gegenteil. Sturm entlockte dem Instrument in der Dreifaltigkeitskirche in wildem Wechsel Sequenzen, die einmal wie die Filmmusik zu einem Thriller, ein anderes Mal wie ein Hans-Werner-Henze-Stück, dann wie ein Didgeridoo oder ein Percussion-Set klangen. Eben eine totale Verwandlung dessen, was man landläufig mit einer Kirchenorgel in Verbindung bringt.

Da wirkt César Francks Musik schon fast konventionell

Da wirkte das anschließende Cantabile aus den „Trois Pieces für Grand-Orgue“ von César Franck – sicher alles andere als ein Wohlfühlstück – schon fast konventionell. Jedenfalls ließ Sturm die spätromantischen Qualitäten des Liszt-Zeitgenossen einfach für sich stehen. Doch die Verschnaufpause, die eigentlich keine war, endete wiederum abrupt mit der finalen Improvisation. In „Symphonische Skizzen“ definierte Sturm die alte Phrase „alle Register ziehen“ ganz neu und bot einen atemberaubenden Parforceritt durch Klangwelten und Epochen hin zu den Grenzen des Orgelklangs. Am Ende sorgte selbst die kleine Zuhörerschar für donnernden Applaus.