Kempten/Oberallgäu

Als die Herrschaft hoch oben thronte

Allgäuer Burgenmuseum

Allgäuer Burgenmuseum

Bild: Roger Mayrock

Allgäuer Burgenmuseum

Bild: Roger Mayrock

Geschichte Roger Mayrock aus Kempten zeichnet in Immenstadt das Leben auf einer Burg im Mittelalter nach. Er räumt dabei mit Vorurteilen und Klischees auf, die Ritterfilme und -feste bedienen
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Von Klaus Schmidt
25.09.2019 | Stand: 15:53 Uhr

Das Mittelalter boomt. Doch Feste und Filme, Ritterspiele und Rittermahle bedienen oft nur Vorurteile und Klischees. Das sagt Roger Mayrock, Leiter des Burgenmuseums in Kempten. Bei einem Vortrag im Immenstädter Museum Hofmühle zeichnet er das Leben auf einer Burg im Mittelalter nach und stützt sich dabei auf Forschungsergebnisse und wissenschaftlich fundierte Experimente. Seine Annäherung an die damalige Realität veranschaulicht er mit zahlreichen Illustrationen, die der Grafiker selbst angefertigt hat.

Eine dieser Illustrationen bietet einen Blick über das Illertal bei Burgberg. Der Fluss schlängelt sich in zahlreichen Windungen durch die Auen, teilt sich, schneidet Inseln aus und vereint sich hinter ihnen wieder. Die hügelige Landschaft beherrschen Burgen. Zu ihren Füßen liegen Dörfer und Mühlen.

Jede Burg sei ein Wirtschaftsunternehmen gewesen, ähnlich einem Gutshof, sagt Mayrock. Der Herr habe das Land als Lehen vom Herrscher erhalten und damit seinen eigenen „Regierungsbezirk“. Den Machtanspruch verdeutlichen die Bauwerke, die weithin sichtbar das Land dominieren. Wie die Burgen im Allgäu einst aussahen, lässt sich durch archäologische Ausgrabungen und ähnliche Bauten – etwa in der Schweiz – rekonstruieren.

Erhaltene Baupläne seien die Ausnahme, erklärt Mayrock. Bildquellen aus dem Mittelalter illustrieren mehr die Bedeutung des Burgherren als die Gebäude. Spätere Bildquellen seien selten. So existiere zum Beispiel eine Zeichnung von der Burg Fluhenstein bei Sonthofen, die wohl kurz vor der Zerstörung entstanden sei, sagt Mayrock.

Er erklärt, dass jedoch die meisten Burgen nie eine Belagerungen erlebt haben oder durch kriegerische Auseinandersetzungen zerstört wurden. Konflikte seien vielfach durch Rechtssprechungen gelöst worden. Eher seltener wurde die Fehde ausgerufen. Viele Anlagen seien später verkauft, ihr Material für andere Gebäude verwendet worden. So finde sich zum Beispiel in der Stadtmauer von Kempten ein alter Quader von der Burghalde.

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Wie die Burgen im Allgäu ausgesehen haben, lasse sich also meist nur in mühsamer archäologischer Detektivarbeit aus erhaltenen Hügeln oder Ruinen ableiten. In der Regel habe eine Burg aus einer Vorburg für das Gesinde und einem turmähnlichen Gebäude für die Herrschaft bestanden. Dieser turmähnliche Bau habe zudem einen hoch über der Erde gelegenen Eingang besessen, um die gesellschaftliche Stellung der Bewohner zu verdeutlichen. Eine der spannendsten Burgbauten sei Hugofels bei Immenstadt gewesen. Mayrock stellt sie sich wie Schloss Thun mit fünf Turmspitzen vor.

Erste Burgen um 1000 seien aus Holz gewesen, später sei Stein verwendet worden. In diese Steinbauten seien dann wiederum Holzkemenaten eingebaut worden, um auch im Winter mittels Öfen ein wohnliches Raumklima zu schaffen. Der Bau einer solchen Burg habe zwei bis vier Jahre gedauert. Er sei ein „teurer Spaß“ gewesen, eine Großbaustelle, die Fachleute und Taglöhner beschäftigt habe.

Das Leben auf einer solchen Burg sei nicht so unkultiviert gewesen, wie Mittelalterfilme oder Ritteressen es oft erscheinen lassen, erzählt Mayrock. Bei Ausgrabungen wurde Geschirr und sogar Glas nachgewiesen. Ein Tischtuch auf der Tafel sei üblich gewesen. In jeder Burg gab es eine Badestube. Über Möbel wie Truhen, Sessel, Betten geben gotische Heiligenbilder Auskunft, deren Accessoires im Stil der Zeit dargestellt wurden. Selbst im Nachlass einfacher Menschen wurden ausgeklügelte Gewänder gefunden.

Mayrock ist dabei, noch mehr Informationen zu sammeln, um die Vorurteile über das Mittelalter als einer Zeit permanenter Grausamkeiten, im Schmutz dahinvegetierender Menschen und unzivilisierter Umgangsformen zu widerlegen. Über manches, was Filme und Veranstaltungen präsentieren, schüttelt Mayrock nur schmunzelnd den Kopf: „Fürchterlicher Unfug.“