Geschichte

Diskussion um NS-Zeit in Kempten entfacht

Ein noch nicht aufgearbeitetes Thema: der Nationalsozialismus in Kempten. Die Historikerin Dr. Martina Steber hat mit einem Vortrag im Rahmen des „Bewegten Donnerstag“ eine Debatte entfacht. Im Bild zu sehen sind am 1. Mai 1933 auf dem Königsplatz der damalige Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt (mit Zylinder und Kette) und rechts neben ihm Anton Brändle, NSDAP-Kreisleiter Kempten-Stadt.

Ein noch nicht aufgearbeitetes Thema: der Nationalsozialismus in Kempten. Die Historikerin Dr. Martina Steber hat mit einem Vortrag im Rahmen des „Bewegten Donnerstag“ eine Debatte entfacht. Im Bild zu sehen sind am 1. Mai 1933 auf dem Königsplatz der damalige Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt (mit Zylinder und Kette) und rechts neben ihm Anton Brändle, NSDAP-Kreisleiter Kempten-Stadt.

Bild: Ralf Lienert (Repro)

Ein noch nicht aufgearbeitetes Thema: der Nationalsozialismus in Kempten. Die Historikerin Dr. Martina Steber hat mit einem Vortrag im Rahmen des „Bewegten Donnerstag“ eine Debatte entfacht. Im Bild zu sehen sind am 1. Mai 1933 auf dem Königsplatz der damalige Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt (mit Zylinder und Kette) und rechts neben ihm Anton Brändle, NSDAP-Kreisleiter Kempten-Stadt.

Bild: Ralf Lienert (Repro)

Historikerin fordert frischen Blick auf die NS-Zeit vor Ort und löst eine Debatte aus. Der Kulturamtsleiter hält diese für überfällig – auch wenn es wehtut.
09.06.2020 | Stand: 22:20 Uhr

Der Vortrag der Historikerin Dr. Martina Steber über die NS-Zeit in Kempten hat eine heftige Debatte ausgelöst. Sie forderte jüngst, einen „frischen Blick“ auf die Geschichte der Stadt zu werfen. Der Kemptener Kulturamtsleiter Martin Fink, dessen Amt den Vortrag organisiert hat, begrüßt die angestoßene Diskussion – diese sei längst überfällig. „Es tut natürlich weh, an das Thema ranzugehen.“

Es sei jedoch an der Zeit, den Nationalsozialismus in Kempten vorurteilsfrei in den Blick zu nehmen, sagt er. „Es ist nicht unsere Aufgabe, Heiligtümer zu errichten, sondern Geschichte aufzuarbeiten.“ Die Stadt wolle den Prozess weiter vorantreiben und dabei auch künftig sowohl mit „exzellenten Forschern wie Frau Steber von außerhalb“ als auch mit Experten vor Ort zusammenarbeiten.

Institut weist Kritik vehement zurück

Das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, bei der Steber stellvertretende Leiterin der Forschungsabteilung München ist, weist indes die Kritik in einem Kommentar in unserer Zeitung vehement zurück, die Historikerin habe schlampig recherchiert. So gibt es etwa über die Umbenennung des Kemptener Königsplatzes in der Literatur unterschiedliche Angaben. Steber stützte sich in ihrem Vortrag auf Herbert Müllers Beitrag zur „Geschichte der Stadt Kempten“. Darin heißt es, dass der damalige Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt den Königsplatz 1933 in Adolf-Hitler-Platz umbenannt habe. Das hat Steber korrekt zitiert. Der gleiche Autor schreibt allerdings in seiner Dissertation, dass erst Kreisleiter Anton Brändle im Jahr 1942 die Umbenennung zum „Platz des Führers“ veranlasste. Darin verweist Müller auf Ratsprotokolle.

Zum Thema „Rassenhygiene“: Welche Rolle spielte der damalige Kemptener Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt während der NS-Zeit? Unter anderem diese Frage warf Dr. Martina Steber in ihrem Vortrag auf. Sie verwies darauf, dass Merkt in den Hauptausschuss der „Münchener Gesellschaft für Rassenhygiene“ gewählt worden war. Der Kemptener OB hat den Posten zwar nicht angetreten, jedoch nur aus Zeitgründen: „Denn es ist mir praktisch nicht möglich, zu Sitzungen des Hauptausschusses nach München zu fahren. Dazu habe ich angesichts meines Berufes und angesichts der vielen Ehrenämter, die ich bekleide, leider keine Zeit“, schrieb Merkt in einem Brief und äußerte den Wunsch, dass „die Ziele der Münchener Gesellschaft für Rassenhygiene immer mehr Ziele der Allgemeinheit, der Regierungen und der Gesetze werden.“ Auch an anderer Stelle hatte sich Merkt positiv über „Rassenhygiene“ geäußert.

Zum Thema Wytschaete-Denkmal: Steber erwähnte das „Wytschaete-Denkmal“, das es in der Region durchaus gibt und das vor allem für die akademische, Kemptener Ferienvereinigung Algovia eine zentrale Bedeutung hatte. Damit wollte die Historikerin zeigen, „dass das Gedenken an den Ersten Weltkrieg und seine Gefallenen ein fester Bestandteil der nationalistischen Erinnerungskultur war“, sagt die Historikerin. Die Algovia hat auf der Burgruine Wagegg bei Haldenwang eine Gedenktafel für ihre Mitglieder angebracht, die bei der Einnahme des Wytschaete-Bogens in Flandern 1914 gefallen waren.

Umfassendes und facettenreiches Bild fehlt

Ohnehin ist die Person Merkt und deren Bedeutung während der NS-Zeit in Kempten nach wie vor umstritten. Allerdings: „Es gibt keine moderne Biografie über ihn, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt“, sagt Markus Naumann, Vorsitzender des Heimatvereins Kempten. „Deshalb wird es Zeit, dass jemand zur Person Dr. Otto Merkt forscht, weil er zu den bedeutendsten Politikern Kemptens im 20. Jahrhundert gehört.“ Naumann wünscht sich, dass dabei ein umfassendes und facettenreiches Bild zu dem ehemaligen OB gezeichnet wird. Dazu gehörten auch die Themen „Eugenik“ und monarchistische Einstellung. „Nur so können wir Merkt einordnen, einschätzen und abwägen, um ihn letztlich gerecht beurteilen zu können.“

Merkt ist ein Beispiel unter mehreren, sagt Kulturamtsleiter Fink. „Als Stadt müssen wir das gesamte NS-Thema aufarbeiten – ohne Scheuklappen, ohne Barrieren und ohne geschützte Bereiche für Stadtgrößen.“ Auch die Kemptener Kulturbeauftragte Annette Hauser-Felberbaum (Freie Wähler) hält die Diskussion für sehr wichtig: „Als Kulturbeauftragte möchte ich eine öffentliche Diskussion um die NS-Zeit in Kempten anstoßen“, sagt sie. „In Zusammenarbeit mit dem Kulturamt stelle ich mir zeitnah ein Forum vor, in dem Wissenschaftler eine sachlich bezogene Diskussion führen.“

Hier lesen Sie den Artikel zum Vortrag.

Hier finden Sie den Kommentar.