Ausstellung in Kempten

Eine Künstlergruppe am Puls der Zeit

Werkblock des BBK mit der Kuenstlergruppe Eigenart.21 in der Kunsthalle mit dem Thema

So haben sich Bildhauerin Elke Wieland (vorn) sowie Malerin Elke Matthiesen-Streicher mit der Gegenwart künstlerisch auseinandergesetzt.

Bild: Harald Holstein

So haben sich Bildhauerin Elke Wieland (vorn) sowie Malerin Elke Matthiesen-Streicher mit der Gegenwart künstlerisch auseinandergesetzt.

Bild: Harald Holstein

Die Allgäuer Künstlergruppe „Eigenart.21“ beschäftigt sich dezidiert mit der Gegenwart. Bei der Schau in Kempten faszinieren die Werke – und wie sie im Raum platziert sind
12.10.2021 | Stand: 17:31 Uhr

Für seinen diesjährigen „Werkblock“ in der Kunsthalle hat der Berufsverband Bildender Künstler Allgäu/Schwaben-Süd die Oberallgäuer Künstlergruppe mit dem wortspielenden Namen „Eigenart.21“ ausgewählt. Unter dem Titel „zurzeit“ reagieren die fünf Künstlerinnen und der eine Künstler mit Malerei und Skulpturen auf die Gegenwart. Darunter sind auch die Gründungsmitglieder von 1994, Ingrid Kämmerle aus Bad Hindelang und Elke Matthiesen-Streicher aus Weitnau. Trotz Corona blieb die Künstlergruppe via Internet in regem Austausch und bereitete sich gründlich auf ihre gemeinsame Ausstellung vor.

Jeder kann seine Eigenart entfalten, und doch verbinden sich alle Werke zu einer starken Präsentation, die den Raum optimal nutzt. Man spürt die sehenswerte Einheit, die die Künstler in vielen Gesprächen miteinander erreicht haben.

"Bilder verraten mehr, als man über sich weiß", sagt Ingrid Kämmerle

Ingrid Kämmerle sieht sich als spontane, intuitive Malerin, der es um innere Befindlichkeiten geht, die sie zur Zeit vorfindet. Ihre Bilder mit gestischen Linien und Zeichen verbindet sie zu einer Reihe, die von Transformation, Befreiung und Entfaltung erzählen. „Bilder verraten mehr, als man gerade über sich weiß“, sagt die 69-Jährige.

Elke Matthiesen-Streicher geht am deutlichsten auf Tagespolitik ein. Ihre blau-schwarz schimmernden Solarthermie-Objekte weisen auf den Klimawandel hin, und in der übermalten Collage „Neue Ikone“ sind die Portraits von Putin und Trump eingearbeitet. In ihrer Malerei formuliert sie den Wunsch nach einer echten Gemeinschaft in einer Kirche, die auf Ehrlichkeit und Menschlichkeit ohne Machtstrukturen beruht. Die 58-Jährige möchte positive „Vor-Bilder“ schaffen, neue Ikonen eines friedlichen Miteinanders.

Die Kunsthalle zu bestücken, sei eine Herausforderung, sagt Wolfgang Keßler

Ingrid Städeli (65) aus Zürich bleibt da wesentlich abstrakter. Die Skulpturen der 65-Jährigen fangen Gemütsbewegungen, Emotionen, Befürchtungen, Ängste ein und versuchen, sie in einer einfachen, abstrakten Form zum Ausdruck zu bringen. Auch Wolfgang Keßler aus Immenstadt findet eher einen symbolisch-abstrakten Kommentar zur heutigen Zeit. Angeregt von der Spielzeugindustrie seiner mittelfränkischen Heimatstadt Zirndorf, erschafft er riesige Kreisel aus Stein, die „eine gewisse Labilität ausdrücken“. Der 67-Jährige berichtet auch von der Herausforderung, die Kunsthalle mit ihren vier Säulen mit den Skulpturen zu bestücken. Für die Planung baute Elke Wieland ein maßstabgerechtes Modell. Die tatsächliche Platzierung der Kunstwerke habe dann aber noch fast zehn Stunden in Anspruch genommen. Sie ist sehr gelungen, da die Ausrichtung der Objekte auf die Hallenmitte die Besucher kraftvoll in die Ausstellung hineinzieht.

Vorne sind sind Arbeiten von Ingrid Städeli zu sehen, an der Wand Bilder von Hildegard Simon.
Vorne sind sind Arbeiten von Ingrid Städeli zu sehen, an der Wand Bilder von Hildegard Simon.
Bild: Harald Holstein

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Elke Wieland, ebenfalls aus Immenstadt, richtet zwei Steinobjekte gefährlich nahe an den Eckkanten eines Podestes aus. Es scheint, als könnte die leiseste Erschütterung sie abrutschen lassen. Das Ensemble „Kipppunkt weiß“ und „Kipppunkt grau“ gehört für sie zu unserer Zeit und besonders zum Klimawandel. „Wir sind an einer Schwelle, und wenn wir nicht aufpassen, dann kippt es“, sagt die 61-jährige Bildhauerin.

Hildegard Simon aus Hinterstein geht in ihren Bildern der scheinbar zeitlosen Bergwelt nach. In zunehmend abstrakter werdenden Reihenbildern bringt sie sie dennoch zur Auflösung. „Es bleibt nichts, wie es ist“, sagt die Malerin. Im Werk „Zeitfenster“ drängt sie die Entwicklung unserer Zivilisation in einem Bild zusammen: Zwei Höhlenmenschen scheinen auf den Ausgang ihrer Behausung zuzulaufen, doch der Horizont ist von Kühltürmen eines Atomkraftwerks verstellt.

Die Ausstellung läuft bis 30. Oktober (geöffnet Freitag von 14 bis 18 Uhr sowie Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr).