Behindertenhilfe

Experten fürchten Spaltung zwischen „voll“ und „gar nicht“ versorgt

Der Fachkräftemangel macht Einrichtungen der Behindertenhilfe Sorgen.

Der Fachkräftemangel macht Einrichtungen der Behindertenhilfe Sorgen.

Bild: Ralf Lienert (Symbolfoto)

Der Fachkräftemangel macht Einrichtungen der Behindertenhilfe Sorgen.

Bild: Ralf Lienert (Symbolfoto)

Fachkräftemangel sorgt Sozialdienste. Im Gespräch mit Bezirkstagspräsident Sailer diskutieren sie über Standards und die Weiterbildung von Hilfskräften.
18.09.2021 | Stand: 17:14 Uhr

Fehlende Fachkräfte machen Einrichtungen der Behindertenhilfe Sorgen. Auch sonst läuft nicht alles rund, wie ein Fachgespräch mit Bezirkstagspräsident Martin Sailer und Allgäuer Bezirksrätinnen und -räten zeigte. Dabei ging es um die Themen Personalmangel, Pflege und Wohnen. Auswirkungen des Fachkräftemangels könnten zum Beispiel Wartelisten für den Besuch einer Tagesstätte sein oder bei weiterer Zuspitzung der Personallage gar Schließungen von Wohngruppen, hieß es.

„Es kann doch nicht sein, dass ich einem 40-jährigen Bewohner sagen muss, er muss zurück zu seiner 80-jährigen Mutter, weil kein Personal mehr da ist“, sagte Dr. Michael Knauth, Geschäftsführer der Körperbehinderte Allgäu. Ob nicht die Absenkung des hohen Standards zumindest temporär möglich sei? Knauth sprach von einer sozialpolitischen Spaltung, bei der einige „voll umfänglich versorgt“ und andere „gar nicht versorgt“ seien.

Auch Roland Hüber, Vorsitzender der Diakonie Kempten/Allgäu, sorgt sich um adäquaten Nachwuchs im Bereich der Fachkräfte. Bezirkstagspräsident Sailer sagte, man sollte diesen Begriff der Spaltung auch auf anderen politischen Ebenen deutlich machen. Bei der Absenkung der Fachkraftquote werde man aber so schnell keine Lösung finden.

Christine Lüddemann, Geschäftsführerin der Lebenshilfe Kempten, schlug vor, Hilfskräfte mit langjähriger Berufserfahrung über das Berufsbildungswerk der Bayerischen Wirtschaft (BBW) in Augsburg und eine Begleitung vor Ort „nachzuqualifizieren“. Das habe man mit drei Kinderpflegerinnen in der Lebenshilfe Kempten gemacht, die aktuell mit Genehmigung der Regierung je eine Gruppe führen. Das pädagogische Modell könne Schule machen.

„Man braucht einen Rahmen mit Freiheiten – sonst stranguliert man das System.“ Dieses Zitat von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble wurde beim Punkt Wohnen aufgegriffen. Es komme nicht auf die letzten Zentimeter der Raumgröße an, wenn sich Bewohner in ihrem Wohnheim wohlfühlen, hieß es vonseiten der Behindertenhilfe. Es gehe bei Qualität nicht in erster Linie um Gebäude, sondern um die Dienstleistung. Dazu sagte Sailer, dass im Bezirk Schwaben bei den Gebäuden ein Sanierungsstau von rund 360 Millionen Euro bestehe. „Es darf auch nicht alles kaputt geregelt werden. Das Augenmaß fehlt hier auf ganzer Linie.“ Sailer warb dafür, weitere Verbündete wie Allgäuer Abgeordnete mit ins Boot zu holen.

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Dritter Punkt war die Gleichsetzung von Alten- und Behindertenpflege, bei der es dringend andere Grundlagen brauche. Man könne einen geistig fitten, aber körperlich eingeschränkten jungen Mann nicht mit einem Altenheimbewohner gleichsetzen, sagte Knauth. Deshalb brauche es für die Behindertenhilfe einen differenzierten Prüfleitfaden. Knauth: „So wie es aktuell ist, passt das Prüfsystem nicht.“

Arbeitspapier mit Lösungen wird mit der Regierung besprochen

An dem Treffen mit den Bezirksvertretern nahmen die Lebenshilfe Südlicher Landkreis Oberallgäu, Lebenshilfe Kempten, Diakonie, Körperbehinderte Allgäu gGmbH und Allgäuer Werkstätten teil. Es ging um mögliche Lösungen, die nun in Form eines Arbeitspapiers mit zuständigen Stellen bei der Regierung besprochen werden. Im Frühjahr will Sailer bei einem weiteren Gespräch schauen, „was mit unseren Ideen passiert ist“.

Die Tagung machte anhand einiger Beispiele aus der Pandemie-Zeit auch das gute Verhältnis zwischen Bezirk und den fünf Trägern vor Ort deutlich. Der Bezirk habe schnell und unkompliziert bei Anfragen gehandelt, zeigten sich Vertreter und Vertreterinnen der Behindertenhilfe einig. Der Bezirkstagspräsident wiederum lobte, wie die Träger die Krise vor Ort bewältigten. Es sei selbstverständlich gewesen, vonseiten der Bezirksverwaltung schnelle, pragmatische Lösungen zu finden.

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