Vor 100 Jahren gegründet

Gartenbau-Vereine sollten Essen auf den Tisch bringen

Gartenbauverein Waltenhofen - Grüne Woche - Repro Stefan Pscherer

Die „Schwäbische Grüne Woche“ war 1995 ein Höhepunkt des Gartenbauvereins Waltenhofen.

Bild: Foto: Stefan Pscherer

Die „Schwäbische Grüne Woche“ war 1995 ein Höhepunkt des Gartenbauvereins Waltenhofen.

Bild: Foto: Stefan Pscherer

Nach dem Ersten Weltkrieg sollten die Gartenbau-Vereine helfen, das Volk zu ernähren. Was das mit Bienen zu tun hat.

03.06.2020 | Stand: 12:12 Uhr

Einst hießen sie Obst- und Bienenzuchtvereine, heute werden sie Vereine für Gartenbau und Landschaftspflege genannt – und die Imker sind längst nicht mehr dabei. Viele dieser Gruppen wurden 1920 gegründet und feiern heuer ihr 100-jähriges Bestehen. In der Region um Kempten sind die Kimratshofener, die Krugzeller und die Waltenhofener mit von der Partie. Warum das alles so ist, hängt eng mit der Geschichte Deutschlands zusammen.

Es war vermutlich recht kalt, als sich am 21. November vor 100 Jahren 54 Kimratshofener versammelten und einen Obst- und Bienenzuchtverein gründeten. Zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg war die Not in den Städten und Dörfern groß. Von staatlicher Seite wie auch im privaten Umfeld seien deshalb große Anstrengungen unternommen worden, um die Nahrungsmittelproduktion im eigenen Land zu erhöhen, heißt es in der Chronik des Vereins.

Erfahrungen und Fachwissen austauschen

Die ersten Gruppen waren schon um die Jahrhundertwende entstanden. Doch nun war es mehr denn je geboten, dass die Obstbaumbesitzer Erfahrungen und Fachwissen austauschten.

Dabei zeigte sich ein wesentlicher Unterschied zwischen Stadt und Land, der dem zur Verfügung stehenden Platz für den Anbau geschuldet ist: Während auf den Dörfern vorwiegend Obstbaumvereine gegründet wurden, waren es in der Stadt vor allem Kleingarten-Vereine. „Sie finden deshalb keinen Kemptener in unserem Kreisverband“, sagt Hedwig Gerhardt, Vorsitzende des Gartenbauvereins Kimratshofen.

Allerdings verpachtet der Gartenbauverein Waltenhofen seit 1946 Kleingärten. Etwa eineinhalb Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte der Ausschuss beschlossen, solche Gärten für Einheimische und Flüchtlinge anzulegen.

Der Krieg führte außerdem zu einem Umbruch in der Vereinslandschaft, der noch bis heute gegenwärtig ist. „Das Deutsche Reich sollte in seiner Nahrungsversorgung möglichst unabhängig vom Ausland werden“, schreibt Dr. Raphael Gerhardt, der Sohn der Vorsitzenden, in der Chronik. Er leitet das Heimatmuseum in Günzburg und hat in den Landesarchiven gestöbert. 1936 sei deshalb die organisatorische Trennung von Obstbau und Imkerei in zwei Vereine angeordnet und dem nationsozialistischen „Reichsnährstand“ unterstellt worden.

Imker sind eigenständig

In der Chronik des Gartenbauvereins Krugzell, die die Vorsitzende Margit Buhmann verwahrt, ist zum Jahr 1936 vermerkt, dass 14 der 53 Mitglieder von da an die „Ortsfachgruppe Imker“ bildeten. Noch heute sind die Imkervereine eigenständig, teilen sich aber nicht selten die Gründungsurkunde mit den Obstbauern – so wie auch in Kimratshofen, Krugzell und Waltenhofen.

Stefan Pscherer, Geschäftsführer des Landschaftspflegeverbandes Oberallgäu-Kempten, sitzt seit einem Jahr auch dem Waltenhofener Gartenbauverein vor. Das Ziel, alles Unwerte auszumerzen, hätten die Nazis nicht nur in Bezug auf Menschen, sondern auch auf Pflanzen gehabt.

Deshalb seien Kartoffelsorten, die nicht genügend Ertrag brachten, verschwunden. Doch viele dieser ehemals deutschen Sorten hätten im Osten überlebt und würden heute zum Teil russische Namen tragen.