Liebe in Corona-Zeiten

„Hochzeitsboom“ bleibt in Kirchen aus: Warum Paare abwarten wollen – andere wiederum nicht

Hochzeit Allgäu

Das „Ja“-Wort in der Kirche mit dem Segen des Pfarrers geben sich derzeit weniger Paare als sonst.

Bild: Symbolfoto: Ralf Lienert

Das „Ja“-Wort in der Kirche mit dem Segen des Pfarrers geben sich derzeit weniger Paare als sonst.

Bild: Symbolfoto: Ralf Lienert

Während in den Standesämtern in Kempten un Umgebung im Sommer Hochbetrieb herrscht, finden in vielen Gotteshäusern kaum Trauungen statt.
30.08.2021 | Stand: 05:21 Uhr

„Es war ein überwältigendes Gefühl“, sagt Edith Ostermayr. „Unsere Gäste haben den langen Weg nur für den Gottesdienst auf sich genommen.“ Die 35-Jährige und ihr Mann Daniel Ostermayr gaben sich am 15. Mai diesen Jahres – mitten im Corona-Lockdown – das Ja-Wort. Nur noch zwei andere Paare hätten diesen Schritt in der Basilika St. Lorenz in diesem Jahr gewagt, sagt Pfarrsekretärin und Ansprechpartnerin für Hochzeitspaare Josephine Vögele. „Sonst haben wir jährlich etwa 35 Hochzeiten“, sagt sie. Angesichts der Corona-Lage aber hätten viele Paare ihren Termin um ein weiteres Jahr verschoben. (Lesen Sie auch: Aus dem Standesamt auf die Drehleiter: Feuerwehr-Hochzeit sorgt in Kaufbeuren für Aufsehen.)

Eine einzige Hochzeit im vergangenen Jahr

„Etwas besser ist es immerhin. Vergangenes Jahr war es nur eine einzige Hochzeit“, sagt Vögele. Dabei sei die Feier in der Kirche selbst oft gar nicht das Problem. In der Kemptener Basilika zum Beispiel gebe es 120 Plätze. Sie sagt: „Hier haben wir die gleichen Auflagen wie bei Gottesdiensten.“ Dazu zähle neben dem Abstandsgebot auch, dass das Brautpaar mit FFP2-Maske zum Altar schreiten muss. Das wiederum schrecke viele Paare ab.

Auch in der Pfarreiengemeinschaft Dietmannsried würden nur wenige Paare mit Mundschutz heiraten wollen, sagt Pfarrsekretärin Alexandra Gayer. Eine Hochzeit habe bisher stattgefunden, drei weitere seien für September und Oktober geplant. Die Corona-Auflagen allein seien nicht der Hauptgrund für die Absagen. „Es ist eher die Unsicherheit. Eine Hochzeit ist ja nicht mal eben geplant“, sagt Gayer.

Für das Paar ist es wichtig, dass alle Familienmitglieder dabei sind

Eines der Paare, das seine Hochzeit in Dietmannsried erneut verschoben hat, sind Julia und Matthias Hofmann, beide 35. Sie kommen aus dem Ortsteil Überbach und wollen dort in einer kleinen Kirche heiraten. „Unsere 60 Gäste hätten darin niemals mit Abstand Platz“, sagt Matthias Hofmann. Dass alle Familienmitglieder – auch die älteren – an diesem Tag dabei sind, sei wichtig für sie. Auch auf den Ort komme es für die gläubigen Christen an. „Wir wollen dort auch unsere Tochter taufen lassen. Es soll für uns eine Art Familienkirche werden“, sagt er.

Im Standesamt in Kempten hätten in diesem Jahr allein im Juni und Juli 95 Paare geheiratet, sagt Pressesprecherin Selina Braun. „2019 waren es in diesen Monaten etwa 70 Trauungen.“ Ein „Hochzeitsboom“, von dem in den Kirchen wenig ankommt, sagt die stellvertretende evangelische Dekanin Jutta Holzheuer aus Kempten. In der St.-Mang-Kirche heirateten drei Paare, in der Christuskirche zwei. „Vor allem sagen die Paare ab, weil sie so kurzfristig keine Gaststätte für ihr großes Fest finden“, sagt sie.

Erhebliche Personalprobleme im Traditionsbetrieb

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Keine Möglichkeit, ein größeres Feier auszurichten, sieht derzeit beispielsweise der Gasthof „Krone“ in Niedersonthofen. Chefin und Dorfwirtin Sabine Willner beklagt wie andere in der Gastronomie, dass sie erhebliche Personalprobleme habe. Gesucht werden in der „Krone“ Servicekräfte – vor allem für die Küche. Derzeit müssten ihr 78-jähriger Vater und ihre 77-jährige Mutter mithelfen, damit der Traditionsbetrieb über die Runden komme. Der Saal, der normalerweise für Feste und Feiern ausgebucht sei, bleibe deshalb geschlossen.

Im „Michlhof“ in Kempten, dem Veranstaltungsort des Gasthofs „Waldhorn“, fanden in diesem Sommer Hochzeiten statt. „Die Stimmung war super, man spürt, dass sich bei den Menschen etwas angestaut hat“, sagt Geschäftsführer Thomas Heel. Die Hochzeitsgesellschaften würden sich konsequent an die Corona-Regeln halten. „Viele Gäste sind geimpft, alle anderen getestet.“ Auch er habe Paaren absagen müssen, was nicht unüblich sei. Heel sagt: „Wir können nicht jeden Wunschtermin erfüllen.“

Für das Ehepaar Ostermayr aus Kempten fiel eine Feier nach dem Gottesdienst aus. Edith Ostermayr sagt: „Manchmal muss man loslassen, um ein anderes Erlebnis geschenkt zu bekommen.“

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