Meinung

Kommentar zu NS-Geschichtsvortrag:  Schlampig recherchiert

Kempten Jägerdenkmal

Mitunter bei der Einordnung von Dr. Otto Merkt (Kemptener OB von 1919 bis 1942, im Bild mit Zylinder, Amtskette und Gehrock) wiederspricht unser Autor Ralf Lienert der Historikerin Dr. Martina Steber.

Bild: Ralf Lienert

Mitunter bei der Einordnung von Dr. Otto Merkt (Kemptener OB von 1919 bis 1942, im Bild mit Zylinder, Amtskette und Gehrock) wiederspricht unser Autor Ralf Lienert der Historikerin Dr. Martina Steber.

Bild: Ralf Lienert

Unser Autor Ralf Lienert sagt: Historikerin hat den Kemptener OB Dr. Otto Merkt fälschlicherweise in die braune Ecke gestellt.

09.06.2020 | Stand: 19:48 Uhr

Der Online-Vortrag von Dr. Martina Steber über die NS-Vergangenheit der Stadt Kempten (>>den Bericht dazu finden Sie hier<<) hat ein großes Publikum angelockt: 200 Interessierte meldeten sich an, 151 verfolgten über zwei Stunden die Worte von Dr. Martina Steber. Allerdings mit Beigeschmack. Steber schaute kritisch auf die Kemptener NS-Zeit, stellte den damaligen Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt und seine Haustafeln und Gedenksteine in die braune Ecke, brandmarkte ihn und sein völkisches Denken als Feind der Republik. Doch einige der vorgelegten Beweise waren schlampig recherchiert. Die Behauptung, Merkt habe den Königsplatz 1933 zum Adolf-Hitler-Platz gemacht, ist falsch.

Falsche Fakten über Kemptens NS-Vergangenheit

In dem von Steber zitierten Buch über Kemptener Kommunalpolitik steht doch, dass es Kreisleiter Anton Brändle war, der in seiner ersten Sitzung als OB am 1942 aus dem Königsplatz einen „Platz des Führers“ machte. Aus der Bahnhofstraße wurde nie die Hindenburg-Straße und das von ihr erwähnte Wytschaete-Denkmal ist nicht bekannt. Zum Vorwurf, Merkt sei ein überzeugter Rassenhygieniker gewesen, weil er in den Hauptausschuss der „Münchener Gesellschaft für Rassenhygiene“ gewählt wurde, gehört auch die Tatsache, dass er das Amt ablehnte. 

Das des damaligen Kemptener OBs muss anders gezeichnet werden

Ebenso beachtet werden muss, dass Merkt den Hitlerputsch 1923 verurteilt hatte. Er machte seinerzeit klar, „dass man sich in diesen Tagen hinter die Regierung Kahr stellen musste und dass die Gegenpartei [die Nationalsozialisten] das von ihr so heiß ersehnte Ziel deutschen Glückes auf dem bisher eingeschlagenen Wege nicht erreichen werde“. Merkt pflegte ein enges Verhältnis zum jüdischen Bankier und Stadtrat Sigmund Ullmann. Mit ihm vereinbarte er die Übernahme des jüdischen Friedhofs und versteckte die Kultusgegenstände im Rathaus. Am 9. November 1938 stellte er Stadtpolizisten zum Schutz vor jüdische Häuser. Als er gegen die Deportation in Konzentrationslager protestierte, wurde er aus seinem Amt als Rathauschef verabschiedet.

Was zählt, sind die Fakten

Letztlich gilt eines: Fakten, Fakten, Fakten. Das beherzigte der Kemptener Dr. Wolfgang Petz, als er mit der Mär der letzten Hexenverbrennung in Kempten aufräumte und die Originalquellen studierte.

 

Das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin widerspricht der Meinung des Kommentators vehement. Mehr dazu lesen Sie hier.