Gewerbeflächen contra Wohnungen

Liebherr will Produktion in Kempten erweitern und Wohnungen abreißen

Kempten Liebherr

Weil es sonst keinen Platz für eine Erweiterung gibt, will die Firma Liebherr auf ihrem Firmengelände an der Kaufbeurer Straße die fünf Doppelhäuser oberhalb der Schrebergärten sowie die zwei alten Blöcke mit Mietwohnungen (Bildmitte) abreißen lassen. Viele Wohnungen stehen bereits leer. Die verbleibenden Mieter sollen bis Ende 2022 ausziehen.

Bild: Ralf Lienert

Weil es sonst keinen Platz für eine Erweiterung gibt, will die Firma Liebherr auf ihrem Firmengelände an der Kaufbeurer Straße die fünf Doppelhäuser oberhalb der Schrebergärten sowie die zwei alten Blöcke mit Mietwohnungen (Bildmitte) abreißen lassen. Viele Wohnungen stehen bereits leer. Die verbleibenden Mieter sollen bis Ende 2022 ausziehen.

Bild: Ralf Lienert

Liebherr möchte Standort ausbauen und Arbeitsplätze von über 1300 Menschen sichern. Platz gibt es aber nur noch dort, wo derzeit alte Betriebswohnungen stehen.
01.12.2021 | Stand: 18:01 Uhr

Keine leichte Entscheidung: Die Firma Liebherr will auf ihrem Fabrikgelände an der Kaufbeurer Straße in Kempten zwei alte Blöcke mit Mietwohnungen sowie fünf Doppelhäuser plattmachen, um Platz für neue Produktions- und Büroflächen zu schaffen. Das sorgt Betroffene und lässt andere den Kopf schütteln. Denn günstige Wohnungen sind in Kempten eher Mangelware. Doch das Unternehmen sieht keine andere Möglichkeit: „Wir brauchen den Platz, um den Standort zu sichern und auszubauen“, bedauert Michael Schuster, Geschäftsführer der Liebherr-Verzahntechnik GmbH.

Auf dem Firmenareal an der Kaufbeurer Straße hat Liebherr demnach keinen anderen Platz als den der sanierungsbedürftigen Wohngebäude samt ihrer Gärten und Freiflächen. Man sei zwei Jahre lang sehr intensiv in Gesprächen mit der Stadt gewesen, sagt Schuster – ohne dass sich eine andere Lösung ergab. Aktuell seien noch etwa 30 bis 35 Firmenwohnungen belegt. Viele weitere und auch ein Teil der Doppelhäuser seien bereits leer.

Firma Liebherr: Neuer Wohnungsbau in direkter Umgebung ist baurechtlich nicht möglich

„Nach langer und reiflicher Überlegung hat sich die Familie Liebherr zusammen mit der Geschäftsführung entschlossen, den Liebherr-Wohnungsbau in Kempten nicht dauerhaft fortzuführen“, steht auf einem Aushang bei Liebherr. Neuer Wohnungsbau in der direkten Umgebung sei baurechtlich nicht möglich. Bewohner sprechen mit Blick auf den angespannten Wohnungsmarkt von einer denkbar ungünstigen Zeit. Man habe ihnen angekündigt, dass sie ihre Bleibe bis Ende 2022 verlassen müssen. Es sei schade, wenn Wohnungen eingestampft würden, die einst „der Firmengründer für seine Leute baute“.

„Wir wissen um die Problematik“, sagt Schuster mit Blick auf die Wohnungslage. Man fühle sich den Mitarbeitern verpflichtet und versuche, „zu helfen, so gut es geht“. Das beinhalte eine finanzielle Hilfe für den Umzug, die umso höher ausfällt, je früher Mieter ausziehen. Und das beinhalte Unterstützung bei der Wohnungssuche. Doch was könnten die schon bringen, wenn es kaum freie Wohnungen gibt, sagt ein Mieter.

Liebherr-Verzahntechnik GmbH will in der E-Mobilität Fuß fassen: Automationssysteme für die Batterieherstellung

Schuster betont, dass es bei den Erweiterungsplänen um die Sicherung des Standorts mit über 1300 Arbeitsplätzen gehe. Liebherr will im Zukunftsmarkt der E-Mobilität Fuß fassen. Angedacht ist, in Kempten Automationssysteme für die Batterieherstellung zu fertigen. Es geht um technische Lösungen, also Maschinen, die Hersteller von Batterien in ihren Fabriken einsetzen.

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Hinzu komme, dass bei den Wohngebäuden ein „riesiger Sanierungsaufwand“ bestehe, sagt Schuster. Damit aber würde man sich lange Zeit festlegen, wie es auf diesem Teil des Firmengrundstücks weitergeht. Tatsächlich sei das Areal schon jetzt zu klein. Es fehlten Parkplätze, Büro- und Fabrikflächen. Deshalb habe Liebherr bereits an verschiedenen Stellen (bis nach Biessenhofen) Räume angemietet.

Mancher fragt sich, warum Liebherr nicht zum Beispiel einfach in Richtung Süden erweitert. Tim Koemstedt, Baureferent der Stadtverwaltung, erklärt, woran das scheitert: Abgesehen davon, dass die Grünflächen südlich der Firma Dritten gehören (auch nicht der Stadt), bestehe dort aktuell keine Baumöglichkeit. Der Bebauungsplan des Liebherr-Areals endet direkt nach den Parkplätzen südlich der Fabrikhalle. Planungsrechtlich gelte die angrenzende Wiese als „unbebauter Außenbereich“, sagt Koemstedt. Das bedeutet: Dort darf nur in begründeten Ausnahmen gebaut werden – und auch nicht alles.

Was sich dort in Zukunft entwickeln könnte, stellt der Flächennutzungsplan der Stadt dar: Demnach bleibt die an Liebherr angrenzende Wiesenhälfte eine Grünfläche. Das gilt ebenso für die Hanggrundstücke westlich des Liebherr-Areals. Weitere zusätzliche Gewerbeflächen hält der Flächennutzungsplan nur in Verlängerung des Gewerbegebiets bei der Firma ATU für denkbar.

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