Weitnau

Nach 49 Jahren: Das sind die neuen Wirte der Alpe Wenger Egg

Wenger Egg

Sieglinde und Michael Möslang (Mitte) verbrachten 49 Sommer auf der Alpe Wenger Egg. Auch ihre Kinder Martin (links) und Rainer (rechts) sind dort groß geworden. Die neuen Pächter Ramona Steinle und Thomas Osterrieder (hinten am Verkaufsfenster) übernehmen.

Bild: Carmen Notz

Sieglinde und Michael Möslang (Mitte) verbrachten 49 Sommer auf der Alpe Wenger Egg. Auch ihre Kinder Martin (links) und Rainer (rechts) sind dort groß geworden. Die neuen Pächter Ramona Steinle und Thomas Osterrieder (hinten am Verkaufsfenster) übernehmen.

Bild: Carmen Notz

Sieglinde und Michael Möslang bewirtschafteten 49 Sommer die Alpe Wenger Egg. Nun gehen sie in Ruhestand. Wer die Nachfolge antritt und was aus der Alpe wird.

21.05.2020 | Stand: 18:52 Uhr

Die Adelegg mit dem Kreuzthal, dem Aussichtsturm Schwarzen Grat und der Alpe Wenger Egg ist ein Naherholungsgebiet, das viele Wanderer und Radler schätzen. Unzählige Stammgäste haben bei Käse- und Wurstbrotzeiten frohe Stunden auf der Alpe Wenger Egg bei Sieglinde und Michael Möslang erlebt. 49 Alpsommer lang haben sie sich mit ihren Söhnen Martin und Rainer um das Jungvieh gekümmert, Gäste bewirtet, Bergfeste gefeiert und jeden Herbst den Alpabtrieb nach Wengen hinunter mit etwa 120 Schumpen und ein paar Kühen gemeistert.

Nicht nur für „Linde und Michl“, wie sie genannt werden, geht eine Ära zu Ende. Auch für die Wald- und Weidegenossenschaft (WWG) Wenger Egg als Eigentümerin. Das 50. Jahr auf der Alpe wäre ein krönender Abschluss gewesen, doch die Gesundheit der beiden Älpler-Senioren mit 82 und 84 Jahren hat es nicht mehr zugelassen. Die WWG mit ihrem neuen Vorsitzenden German Sutter spricht den beiden ein ganz großes Dankeschön für die wertvolle Arbeit, ihre Verlässlichkeit und lange Treue aus.

„Mit Ramona Steinle und Thomas Osterrieder aus Ottobeuren haben wir junge, engagierte und motivierte Leute vom Fach gewinnen können und wünschen ihnen viel Freude mit der neuen Aufgabe“, sagt Sutter.

Nun auch Kaffee und Kuchen für die Gäste

Das junge Paar kennt sich seit einigen Jahren und ist sehr naturverbunden. Es war ein Traum der beiden, mal eine Allgäuer Alpe zu bewirtschaften. „Wir freuen uns riesig, dass es mit der Wenger Egg geklappt hat. Wir werden gut für das Jungvieh und unsere Gäste sorgen“, sagt das Paar. Ramona Steinle ist Heilerziehungspflegerin mit viel Erfahrung in der Gastronomie, Thomas Osterrieder hat als Landwirtschaftsmeister und Industriemechaniker beste Voraussetzungen fürs Älplerleben. Außer Brotzeiten gibt es nun auch Kaffee und Kuchen für die Gäste. Die kleinen Besucher dürfen sich neben dem Spielplatz an Kaninchen, Zwerghühnern und Geißen der neuen Pächter erfreuen. Auch Modernes wie das W-Lan und Smartphones halten Einzug. Doch wie all die Jahre werden derzeit die Almen „Ghaget“ (Zäune erstellt). Anfang Juni kommen die Schumpen hoch. Und dann erklingen mehr als Hundert Glocken.

Viehscheid in Wengen (Oberallgäu) - 120 Rinder werden von der Alpe Wenger Egg ins Tal getrieben - für Michael Möslang war es 2019 der 48. Alpsommer - den Kranz band seine Schwiegerrochter Barbara Möslang
Viehscheid in Wengen (Oberallgäu) - 120 Rinder werden von der Alpe Wenger Egg ins Tal getrieben - für Michael Möslang war es 2019 der 48. Alpsommer - den Kranz band seine Schwiegerrochter Barbara Möslang
Bild: Ralf Lienert

Pacht seit 1934

Sieglinde Möslang ist auf der Alpe Wenger Egg im Sommer aufgewachsen. Seit 1934 hatten ihre Eltern namens Fuchs diese Pacht. Jeden Tag musste sie mit ihren Geschwistern auf einem Fußpfad runter in die Schule nach Wengen und wieder hochsteigen. Ihren Mann Michael aus Bolsternang hat sie 1957 beim Almabtrieb in Wengen kennengelernt, 1961 haben sie geheiratet. Als der Vater von Sieglinde unerwartet im Alpsommer 1970 verstarb, lag es nahe, dass sie „als Hirte und Wirte“ weitermachen.

49 Alpsommer auf 1050 Höhenmetern

49 Alpsommer von Mai bis September haben sie auf 1050 Höhenmetern erlebt. In der Zeit war alles dabei: Schnee im Juli, Dauerregen und schwere Gewitter, Schumpen, die ausbrechen und tagelang gesucht werden mussten, ebenso lange Trockenheit. Doch das Quellwasser habe immer gereicht. Weder Michael noch Sieglinde Möslang hatten je einen Führerschein – Motorrad und Traktor genügten vollauf.

Anfangs ohne Strom und Telefon

Auch ihre zwei Buben Martin und Rainer sind auf der Alpe groß geworden. Sie haben immer mitgeholfen, später auch die Schwiegertöchter und Enkel. „Wir hatten anfangs weder ein Telefon, noch Strom, nur Holzherd und Kachelofen.“ 1985 wurde die Hütte erweitert und besser ausgestattet. Die Stromleitung kam erst 2007. Die Bewirtung erfolgte wie heute noch durch das Küchenfenster und Sieglinde erinnert sich: „Wir wussten fast immer, welche Gäste an welchem Tag zu uns kamen. Radler, Sportler, Stammtische und Besucher aus allen vier Richtungen.“ Das traditionelle Bergfest an Mariä Himmelfahrt haben die Möslangs 49 Mal mit den Wengener Vereinen gestemmt, ebenso die Bergmesse für die Gefallenen am Ragger Horn.

Zufrieden und dankbar sind Linde und Michl für viele schöne Stunden und Erlebnisse auf der Wenger Egg, wo sie ihr halbes Leben geschafft haben und jetzt gerne mal als Besucher kommen.

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