Oberallgäu

Schwarzes Loch beim Personal reißt Steuerloch auf

Konsequenzen Haben die Betriebe Probleme, wirkt sich das auf alle aus. Bayernweit gingen 2018 aufgrund fehlender Mitarbeiter 23 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung verloren. Welche Folgen das für die Zukunft der Wirtschaft hat
Von Bastian Hörmann
29.11.2019 | Stand: 18:20 Uhr

Die schwarzen Löcher bei den Fachkräften sind nicht nur ein Problem für die Betriebe selbst. Denn bleiben deren Gewinne aus, fallen weniger Steuern an. Diese fehlen wiederum den Kommunen, um in Kindergärten, ÖPNV und etwa Straßen investieren zu können. Die Industrie- und Handelskammer hat ausgerechnet, dass 2018 in Bayern 23 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung verloren gegangen sind – allein aufgrund fehlender Fachkräfte. Rechnerisch auf Schwaben heruntergebrochen sind das 2,3 Milliarden Euro.

Das entspricht bayernweit vier Prozent der erwirtschafteten Bruttowertschöpfung. Für das Jahr 2030 prognostiziert die IHK sogar 38 Milliarden Euro Verlust. Bereits heute sehen im Allgäu 58 Prozent der Unternehmen in den fehlenden Mitarbeitern ein Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung. Unter den Tourismusbetrieben sind es sogar 64 Prozent.

Auch Professor Marco Gardini wertet den Fachkräftemangel als eine potenzielle Bedrohung für den Tourismus im Allgäu. Der Prodekan der Fakultät für Tourismus an der Hochschule Kempten erklärt, welche Folgen der Fachkräftemangel haben könnte: Im Falle des Tourismus könnten aufgrund nachlassender Qualität weniger Gäste in die Region kommen. Manche Betriebe müssten ihre Angebote bereits jetzt einschränken, etwa den Mittagstisch streichen. Doch Gardini denkt weiter: Wenn es im Allgäu keine Fachkräfte gibt, werden sie oftmals aus anderen Regionen angeworben. Und dann beginne ein anderes Problem: „Urlauber kommen ins Allgäu wegen der Natur und der Lebensart.“ Doch nur, weil man Mitarbeiter etwa in Dirndl steckt, komme noch kein Allgäu-Flair rüber. Erst recht, wenn diejenigen offensichtlich nicht aus der Region stammen. „Der Mitarbeiter ist im Tourismus ein wesentlicher Teil des Produkts.“

Gardinis Schlussfolgerung: „Der Tourismus im Allgäu wird sich verändern, wenn er trotz Fachkräftemangels Umsatzeinbußen verhindern will.“ Statt auf Wachstum müssen Betriebe dann womöglich mehr auf Qualität und etwa Nachhaltigkeit sowie Authentizität setzen – um dann am einzelnen Gast mehr zu verdienen. „Über die reine Quantität wird es nicht mehr funktionieren.“ Dieser Prozess, glaubt Gardini, wird in den kommenden zehn Jahren eine große Rolle spielen. Jeder Gastgeber werde einen solchen Qualitätsschub aber nicht leisten können: „Es wird künftig eventuell weniger Tourismusbetriebe geben.“

Bis dahin, glaubt Gardini, zahlen vor allem die Mitarbeiter die Zeche. Denn sie müssen vielerorts die fehlenden Kollegen ausgleichen. Das belastet Mitarbeiter zusätzlich und vertreibt sie womöglich, was den Fachkräftemangel verschärft. Gardini  spricht von einer „Teufelsspirale“. Auch Christine Neumann, die bei der IHK Schwaben für das Thema Fachkräfte zuständig ist, sagt: Wo Mitarbeiter fehlen, kommt anderes zu kurz. Aber Weiterbildungen blieben eher auf der Strecke. Wer mit der Abarbeitung von Aufträgen beschäftigt ist, heißt es von der Handwerkskammer Schwaben, könne Innovationen und Weiterentwicklung nur schleppend vorantreiben. Das wiederum hat Auswirkungen auf den künftigen Erfolg eines Unternehmens. „Das Gute ist immerhin: Allen geht es gleich“, sagt Neumann zur Wettbewerbsfähigkeit.

Sie verweist auf einen Kostenpunkt, der über fehlende Gewinne hinausgeht: Einen neuen Mitarbeiter einzuarbeiten, koste ein Team „schnell mal ein halbes Jahresgehalt“. Je nach Position können es bis zu eineinhalb Jahresgehälter werden. Hinzukommt, dass vermehrt Mitarbeiter eingestellt würden, die gar nicht die nötige Qualifikation mitbringen – und dann fortgebildet werden. „Dafür gibt es allerdings Zuschüsse“, sagt Christine Neumann.

Ein prominentes Beispiel, was Fachkräftemangel bewirken kann, sind die fehlenden Lokführer der Länderbahn. Das ganze Jahr über macht die Alex-Verbindung Kempten-Oberstdorf Probleme. Das ist nicht nur ärgerlich: Die Strafzahlungen, Leiharbeiterlöhne und Kosten für kurzfristige Qualifizierungen liegen laut Länderbahn-Sprecher Jörg Puchmüller im Millionenbereich.