Mikrobiologisches Phänomen

Sensationsfund im Allgäu: Was ist eigentlich aus dem „Alien-Schleim“ in Sulzbrunn geworden?

Der ehrenamtliche Jodquellen-Betreuer Franz Hösle leuchtet 2014 den Schleim in der Höhle in Sulzbrunn an. Die Entdeckung der Biofilme hatte für viele Schlagzeilen gesorgt.

Der ehrenamtliche Jodquellen-Betreuer Franz Hösle leuchtet 2014 den Schleim in der Höhle in Sulzbrunn an. Die Entdeckung der Biofilme hatte für viele Schlagzeilen gesorgt.

Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Archivbild)

Der ehrenamtliche Jodquellen-Betreuer Franz Hösle leuchtet 2014 den Schleim in der Höhle in Sulzbrunn an. Die Entdeckung der Biofilme hatte für viele Schlagzeilen gesorgt.

Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Archivbild)

2012 entdeckten Forscher in einer Höhle im Oberallgäu einen eigenartigen Schleim. Schnell war von einem Sensationsfund die Rede. Was ist daraus geworden?
11.11.2020 | Stand: 17:49 Uhr

Von „Alien-Schleim“, „lebenden Tropfsteinen“, „Ur-Schleim“ und einem „Sensationsfund“ war die Rede, als 2012 eine mysteriöse Lebensform in einer Höhle in Sulzbrunn (Oberallgäu) entdeckt wurde. Viele Medien berichteten über diesen außergewöhnlichen Fund und die Spekulationen überschlugen sich geradezu. Sogar klimarettende Bakterien wurden in dem Fund vermutet.

Nun – acht Jahre später – ist es ruhig um den damaligen „Sensationsfund“ geworden. Ist der glibberige Schleim in Sulzbrunn also doch keine so bahnbrechende Entdeckung?

Doch, sagt Prof. Tillmann Lüders, Mikrobiologe an der Universität Bayreuth. „Aus mikrobiologischer Sicht ist der Fund eine echte Sensation.“ Der Wissenschaftler wurde 2012 ins Oberallgäu gerufen, nachdem Mitarbeiter des Landesamts für Umwelt dort den seltsamen Schleim entdeckt hatten, der in der Höhle in Sulzbrunn die Decke überzieht. Eigentlich wollten die Experten vom geologischen Dienst die Jodquelle in der Höhle überprüfen, als ihnen der Biofilm auffiel.

Professor Tillmann Lüders (links) und Dr. Felix Beulig (Mitte) erforschen seit Jahren die Biofilme in der Höhle in Sulzbrunn. Jodquellen-Betreuer Franz Hösle (Zweiter von rechts) ist immer dabei, wenn die Forscher in die Höhle hinabsteigen.
Professor Tillmann Lüders (links) und Dr. Felix Beulig (Mitte) erforschen seit Jahren die Biofilme in der Höhle in Sulzbrunn. Jodquellen-Betreuer Franz Hösle (Zweiter von rechts) ist immer dabei, wenn die Forscher in die Höhle hinabsteigen.
Bild: Universität Bayreuth, Lehrstuhl für Ökologische Mikrobiologie

Die Menge an Schleim macht die Sensation

Sie riefen daraufhin das Team um Prof. Lüders hinzu. Das war von der Entdeckung in der Höhle begeistert - "ein ganz einzigartiges System“, wie der Mikrobiologe versichert.

Doch was kann an Schleim so einzigartig sein?

Die Biofilme, diesen Begriff ziehen die Forscher dem Wort „Schleim“ vor, ernähren sich mitunter von Methan, das sie oxidieren und daraus Energie gewinnen. „Dass es methanoxidierende Mikroorganismen gibt, war bereits bekannt“, sagt Lüders. Die eigentliche Sensation sei die Menge an Biofilmen, die in Sulzbrunn zu finden sind. „Das ist weltweit einzigartig“.

Mikroorganismen in Sulzbrunn brauchen keinen Sauerstoff

Außerdem ergaben weitere Untersuchungen, dass die Mikroorganismen auch anaerobe Prozesse betreiben. Vereinfacht gesagt: Sie kommen ohne Sauerstoff zurecht. „Mikroorganismen atmen eigentlich wie wir Menschen. Allerdings sind manche im Gegensatz zu uns auch in der Lage, andere Stoffe zu veratmen“, sagt Mikrobiologe Beulig von der Universität Bayreuth, der die entsprechenden Untersuchungen betreibt.

Glibberige Fäden hängen von der Höhlendecke in Sulzbrunn im Oberallgäu. Was so unspektakulär, vielleicht sogar ein wenig abstoßend aussieht, ist ein mikrobiologisches Phänomen.
Glibberige Fäden hängen von der Höhlendecke in Sulzbrunn im Oberallgäu. Was so unspektakulär, vielleicht sogar ein wenig abstoßend aussieht, ist ein mikrobiologisches Phänomen.
Bild: Prof. Tillmann Lüders

Etwa zweimal im Jahr rücken die Forscher in Sulzbrunn an

Wenn das Forscherteam anrücken will, muss es sich einige Tage vorher bei Jodquellen-Betreuer Franz Hösle anmelden. Denn in der Höhle in Sulzbrunn, in der sich auch die berühmte Jodquelle befindet, ist der Sauerstoffgehalt geringer als an der Oberfläche. Deshalb nimmt der ehrenamtliche Jodquellen-Betreuer auch immer eine Kerze mit, wenn er gemeinsam mit den Forschern die Höhle betritt. „Solange die Kerze brennt, ist alles gut. Dann haben wir genügend Sauerstoff“, sagt der Rentner. Er sorgt dafür, „dass die Leute sicher da runter und wieder raufkommen.“

Zuletzt waren die Wissenschaftler im März 2020, kurz vor dem Corona-Lockdown, in Sulzbrunn, um weitere Proben aus der Höhle zu entnehmen. Das machen sie etwa zweimal im Jahr. Und die jahrelange Arbeit und Erforschung zahlt sich laut den Experten aus. Denn neben den bereits genannten Erkenntnissen hat das Team um Prof. Lüders auch „erste Hinweise darauf, dass es in der Höhle Mikroorganismen gibt, die Jod oxidieren“, sagt sein Kollege Beulig. Dazu führen die Forscher weitere Untersuchungen durch.

Zustand wie vor Millionen von Jahren

Fest steht aber schon jetzt, dass die Höhle allein durch Mikroorganismen bewohnt ist und sich dort unten keine höheren Lebewesen finden. Laut Lüders ist das „eine Analogie zur Erde vor Milliarden Jahren“. Denn dass dieser besondere Biofilm ausgerechnet im Oberallgäu in Sulzbrunn zu finden ist, ist kein Zufall. Die Umgebung ist ein voralpines Molassebecken, das ein Überbleibsel von vor Millionen von Jahren ist. „Was wir heute in Sulzbrunn finden, ist sozusagen ein Fingerabdruck des Tethysmeeres“, sagt Mikrobiologe Lüders. Und tatsächlich wurden in Sulzbrunn Mikroorganismen entdeckt, die sonst nur an Meeresstandorten vorkommen.

„Wir haben dort aber nicht die Ur-Suppe und auch nicht die Wiege des Lebens entdeckt“, sagt der Forscher und räumt so mit einigen Spekulationen um den Sensationsfund des „Alien-Schleims“ in Sulzbrunn auf. Dass die in der Höhle entdeckten, „methanfressenden“ Mikroorganismen auch mögliche Waffen im Kampf gegen den Klimawandel seien, verneint der Professor. „Da müssen wir Menschen schon selbst aktiv werden, um die Erderwärmung einzudämmen.“