Prävention

Sexuelle Gewalt: Jugendtheatergruppe produziert mit dem Frauennotruf einen Aufklärungsfilm

Präventionsarbeit, Film, Jugendtheatergruppe

Luisa Kämmerer (links) beim Filmdreh im Hof der Robert-Schumann-Schule. Sie spielt die Schülerin Lea Becker. Neben ihr ist Anja Scheidl zu sehen, im Hintergrund (von links) Samuel Morey Gamboa und Marian Hauck. Jochen Gabriel und Julia Schindler haben die Gruppe mit der Arbeit an Kamera und Ton unterstützt.

Bild: Gabi Scheidl

Luisa Kämmerer (links) beim Filmdreh im Hof der Robert-Schumann-Schule. Sie spielt die Schülerin Lea Becker. Neben ihr ist Anja Scheidl zu sehen, im Hintergrund (von links) Samuel Morey Gamboa und Marian Hauck. Jochen Gabriel und Julia Schindler haben die Gruppe mit der Arbeit an Kamera und Ton unterstützt.

Bild: Gabi Scheidl

Die "Bühnentaucher" haben mit der Beratungsstelle Frauennotruf Kempten den Film „Echt jetzt – dafür?“ produziert. Er soll in Schulen gezeigt werden.
18.01.2022 | Stand: 15:00 Uhr

„Wir wollen, dass hingeschaut wird“, sagt Antje Weinreich. Die Heilpädagogin und systemische Familientherapeutin ist beim Frauennotruf Kempten, der Fachberatungsstelle für Betroffene sexueller Gewalt, zuständig für Präventionsarbeit. Hinschauen ist hier im doppelten Wortsinn gemeint – denn zusammen mit Theaterpädagogin Gabi Scheidl und der Jugendtheatergruppe Bühnentaucher hat sie einen Film produziert, der helfen soll, das Thema sexuelle Gewalt in die Öffentlichkeit zu bringen. Denn es werde immer noch zu sehr tabuisiert.

„Echt jetzt – dafür?“ heißt der Film, der quasi eine kreative Lösung für eine schwierige Situation war. Denn normalerweise besteht die Präventionsarbeit von Weinreich in Workshops, die sie an Schulen und Kindertagesstätten gibt. Durch die Pandemie sei das nur sehr eingeschränkt möglich gewesen, sagt sie. Ähnlich ging es den Jugendlichen der Theatergruppe: Auch sie konnten sich nicht wie gewohnt zu Theaterproben treffen.

Jugendtheatergruppe Bühnentaucher entwickelt Film-Szenen bei Online-Treffen

Die Film-Form habe es ihnen erlaubt, die Szenen bei Online-Treffen zu entwickeln. Zum Proben und Drehen trafen sich die Jugendlichen in Kleingruppen. Scheidl und Weinreich wählten als Grundlage das sogenannte Forumtheater nach Augusto Boal. Diese Methode diene dazu, auf Probleme aufmerksam zu machen, erklärt Scheidl. Das Publikum habe dabei die Möglichkeit, Konfliktlösungen zu entwickeln und auszuprobieren. (Lesen Sie auch: Seit Beginn der Pandemie arbeiten mehr Menschen in Teilzeit)

Zuerst sei es ihm schwer gefallen, sich einen Plot für den Film auszudenken, sagt Tim Wahler, der zusammen mit Luisa Kämmerer eine der Hauptrollen spielt. Doch dann habe er sich mit seiner Schulzeit befasst, die noch nicht lange zurückliegt. „Im Nachhinein fällt auf, wie viele kleine Grenzüberschreitungen vorgefallen sind“, sagt der 22-Jährige. Ein selbstgefälliges Lächeln eines Lehrers etwa. Betroffen gewesen seien vorwiegend Mädchen, aber auch Buben.

Film: Ein Lehrer kommt einer Schülerin zu nahe

An diesen Erfahrungen habe er sich dann bedient, um den Lehrer „Herr Rainer“ darzustellen. Dieser bietet der begabten Mathe-Schülerin „Lea Becker“ (Kämmerer) zusätzlichen Unterricht an, damit sie es schafft, in ein Begabtenprogramm aufgenommen zu werden. Doch der Lehrer nutzt das Abhängigkeitsverhältnis aus und kommt seiner Schülerin zu nahe.

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Die Gruppe habe sich auf die Schule als Handlungsort geeinigt, „weil das bei uns allen gerade wichtig ist“, sagt Kämmerer, die selbst die 12. Klasse besucht. Gedreht wurde an der Robert-Schumann-schule, im Spielpark St. Mang, dem evangelischen Gemeindezentrum der Christuskirche St. Mang, am Rathausplatz in Kempten sowie in der Fachberatungsstelle Frauennotruf. Die sexualisierte Gewalt darzustellen, sei unangenehm gewesen, sagt sie. „Aber ich kenne Tim ja schon lange.“ Beide engagieren sich seit etwa zehn Jahren bei den Bühnentauchern. „Ich stelle es mir für die Betroffenen sehr krass vor, weil man ja nicht weiß, was zu tun ist“, betont sie. (Lesen Sie auch: Kein Termin und lange Wartezeiten: Wo ist Darmkrebsvorsorge in Kempten und im Oberallgäu möglich?)

Betroffene von sexueller Gewalt erleben Hilflosigkeit

Das Gefühl der Hilflosigkeit kennt sie auch aus eigener Erfahrung: Wenn ihr jemand in einem Club ans Hinterteil gegriffen habe, sei das so schnell gegangen. „Man kann gar nicht reagieren und man kann es auch gar nicht glauben.“

Genau hier setzt der Film, der künftig in der Präventionsarbeit an Schulen gezeigt werden soll, an. Er solle Betroffenen zeigen, was man machen kann, sagt Kämmerer. Und Außenstehenden vermitteln, aufmerksam zu sein und hinzuschauen. Aufklärungsarbeit ist sehr wichtig, sind sich die beiden Hauptdarsteller einig. Denn es sei ein Vorurteil, dass nur Personen, die sowieso verletzlich sind, Opfer von sexueller Gewalt werden, sagt Wahler. Das könne jedem passieren, betont Kämmerer. Unabhängig davon, wie beliebt jemand sei und wie stabil sein Umfeld ist.

Etwa ein halbes Jahr hat die Gruppe an „Echt jetzt – dafür?“ gearbeitet, schätzt Wahler. Das Geld für die Umsetzung kam aus dem Bundesförderprogramm „Demokratie leben – Miteinander Kempten gestalten“, dem Corona-Förderprogramm des Kemptener Kulturamts und vom Lions Club Kempten, der mit 1000 Euro unterstützte.

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