Aktuelle Diskussion in Kempten

Soll Kempten die Knussertstraße umbenennen?

Soll die Knussertstraße in Kempten umbenannt werden? Unsere Autoren sind unterschiedlicher Meinung.

Soll die Knussertstraße in Kempten umbenannt werden? Unsere Autoren sind unterschiedlicher Meinung.

Bild: Ralf Lienert

Soll die Knussertstraße in Kempten umbenannt werden? Unsere Autoren sind unterschiedlicher Meinung.

Bild: Ralf Lienert

Ja, weil er Karriere im NS-System gemacht hat. Nein, weil Geschichte nicht einfach aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwinden soll. Ein Pro und Contra.

05.07.2020 | Stand: 17:59 Uhr

Kempten beschäftigt sich mit seiner Vergangenheit während des Nationalsozialismus. Mehr dazu lesen Sie hier.

Nun liegt ein Antrag vor, die Knusserstraße umzubenennen. Warum, lesen Sie hier.

Was spricht dafür, was dagegen? Das sind die Meinungen unserer Autoren:

 

Contra: Umbenennung ist nicht der einzige Weg

Von Ralf Lienert

Straßennamen werden heute vielfach unter einem neuen Blickwinkel beurteilt. „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege.“ Das schrieb Immanuel Kant 1764 in seinen Buch „Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen“. Damit ist der Philosoph, Aufklärer und Anthropologe ein Rassist. Kants Aussage über „die Negers“ reicht derzeit, um alle Straßen, die seinen Namen tragen, sofort in Frage zu stellen. Das gilt für Burghausen, Miesbach, Waldkraiburg, München und Kempten.

Wollen wir gleich morgen handeln oder dem Vorschlag von Oberbürgermeister Thomas Kiechle folgen, erst einmal alle Straßennamen in Kempten zu prüfen? Es gibt aktuell 818 Straßen und Plätze in Kempten, davon sind 239 nach Personen benannt. Über 80 Personen haben einen Bezug zu der Zeit zwischen 1933 und 1945. Beispiele dafür sind Messerschmitt, Daimler, Diesel, Porsche, Dornier…

Nicht aus kritischem Bewusstsein der Öffentlichkeit tilgen

Namen, die eine Rolle in der deutschen Geschichte spielen, könnten so aus einem auch kritischen Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwinden. Eine Umbenennung ist nicht der einzige Weg. Man kann mit Tafeln und Stelen diesen Teil der Stadtgeschichte erklären. Dies scheint mir ehrlicher, als den vermeintlich einfachen Weg zu gehen und unliebsam gewordene Namen zu tilgen.

Der international renommierte Historiker Götz Aly hat dazu bereits 2012 einen passenden Hinweis gegeben: „Sofern Straßen die Namen von Menschen tragen, erinnern sie nicht an Vorbilder, sondern an jene Kriterien, nach denen sich die Namensgeber in ihrer Zeit richteten. Sie dokumentieren Sitten, Vorlieben, Moden und Irrtümer.“ 

 

Pro: Loslassen - auch, wenn es wehtut

Von Aimée Jajes

Nach welchen Kriterien wählt eine Stadt den Namen einer neuen Straße aus? Handelt es sich nicht um Vogelarten, Gewässer oder sonstige geografische Bezüge, sondern um Personen als Namensgeber, dann möchte man doch besondere Persönlichkeiten ehren. Dann entscheiden sich die Verantwortlichen in der Regel für diejenigen Frauen und Männer, die sich – wenn möglich vor Ort – verdient gemacht haben.

Wenn eine Stadt eine Straße nach einer Person benennt, dann ist das eine große Auszeichnung. Dann ist der Name im Stadtbild verankert, dann erinnern Straßenschilder an den Menschen.

Es gibt keinen Grund zu kritisieren, dass die Knussertstraße so heißt wie sie heißt. Als die Verantwortlichen den Namen gewählt haben, wollten sie damit die Leistungen des Heimatforschers Dr. Richard Knussert hervorheben. Sie ehrten ihn für seine Arbeiten über römische Straßen im Allgäu.

Neue Erkenntnisse, neue Diskussion

Wenn allerdings viele Jahre später weitere Erkenntnisse über eine Person wie Knussert ans Licht kommen, dann ist es unbedingt angebracht, eine solche Straßenbenennung zu hinterfragen und zu diskutieren. Menschen, die sich den Nationalsozialismus und dessen System, unter dem so viele andere unwürdigst zu leiden hatten, zunutze machten, sollten keine derartige Auszeichnung erfahren.

Natürlich sollte ein Straßenschild nicht einfach über Nacht abgehängt werden. Wichtig ist ein offener Diskurs, den es in Kempten nun auch gibt. Eine gute Idee ist zudem, die Umbenennung – sollte es denn dazu kommen – mittels eines Schildes zu erklären. Schließlich geht es keineswegs darum, die Vergangenheit wegzuwischen und zu leugnen. Im Gegenteil: Es geht darum, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und aus ihr zu lernen. Dazu gehört es auch loszulassen. Selbst, wenn es wehtut.

 

>>> Ein Interview mit Oberbürgermeister Thomas Kiechle zur Debatte über die NS-Zeit in Kempten <<<