Meinung

Umbenennung der Knussertstraße: Entscheidung fiel zu schnell

Die Knussertstraße in Kempten wird umbenannt.

Die Knussertstraße in Kempten wird umbenannt.

Bild: Ralf Lienert

Die Knussertstraße in Kempten wird umbenannt.

Bild: Ralf Lienert

Kempten muss die NS-Vergangenheit seiner Ikonen konsequent aufarbeiten, findet unser Autor. Regie dürfen dabei aber nicht Historiker führen.
06.08.2020 | Stand: 12:00 Uhr

Schon vor 27 Jahren haben Kemptens Stadträte mit ihrer Entscheidung gerungen. Am Ende taten sie sich dann aber doch leicht mit ihrem Votum. Denn die Nähe von Generaloberst Eduard Dietl zu Adolf Hitler und seine Beteiligung an Kriegsverbrechen waren weitreichend bewiesen – der Name ließ sich also guten Gewissens aus dem Kemptener Straßenatlas tilgen. Ähnlich klar war die Lage bei Sportfunktionär Carl Diem, dessen Namenszug 2004 dem früheren SPD-Fraktionschef im Stadtrat, Karl Diem, weichen musste.

Forschung brachte Verstrickung ans Licht

Ungleich schwerer ist da der Umgang mit dem ehemaligen NS-Propagandisten Dr. Richard Knussert. Der Gymnasiallehrer ist ein Kemptener Bürger mit einer auf den ersten Blick unscheinbaren Vergangenheit. Erst die Forschung des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin brachte die Verstrickung des beliebten Pädagogen in nationalsozialistische Strukturen in allen Facetten ans Licht.

Der Stadtrat hat sich daraufhin schnell für die Umbenennung der Knussertstraße entschieden – zu schnell. Denn dem Hau-Ruck-Votum mit 29:10 Stimmen lag nur eine einseitige Bewertung von Knusserts Vita vor: der Einsatz für das Reichspropagandaamt Schwaben und die Unterstützung der NS-Ideologie. Seine Verdienste in der Nachkriegszeit dagegen, die Untersuchung der Römerstraßen und die Erforschung der Allgäuer Geschichte, blieben unbeachtet. Diese lückenhafte Betrachtung wird der Person Knusserts nicht gerecht und sorgt dafür, dass an der jüngsten Stadtrats-Entscheidung ein gravierender Makel haftet.

Dabei war die Entscheidung als solche richtig: Ein Unterstützer und Nutznießer des Nationalsozialismus darf nicht als Träger eines Straßennamens geadelt werden – zumindest nicht unkommentiert.

Mit der übereilten Umbenennung ist das Thema nun keinesfalls vom Tisch. Im Gegenteil: Der Stadt steht in den nächsten Jahren der schmerzhafte, aber alternativlose Prozess bevor, die NS-Vergangenheit ihrer Ikonen aufzuarbeiten. Dass diese Herkulesaufgabe vom Institut für Zeitgeschichte angestoßen wurde, ist zu begrüßen – zumal Kempten neben Kaufbeuren die derzeit einzige Stadt im Allgäu ist, die sich nun ihrer Rolle in Zeiten der Diktatur konsequent stellen will.

Tempo muss die Stadt vorgeben

Wie genau und in welchem Tempo dies geschieht, dürfen aber nicht Historiker vorgeben. Das ist allein Sache der Stadt. Dabei sollte klar sein: Nur wenn Kempten die Honoratioren im Stadtbild konsequent, ausgewogen und vor allem unter Einbeziehung der Bürger analysiert, steht am Ende das gewünschte Ergebnis – eine fundierte Aufarbeitung der Geschichte, die von den Menschen verstanden und akzeptiert wird. Dafür braucht es ein durchdachtes Konzept, vielleicht auch eine Kommission, aber auf keinen Fall ein Präsentieren immer neuer „Verdächtiger“.

Am Ende einer kritischen Bewertung einzelner Namen muss auch nicht zwangsweise die Umbenennung einer Straße stehen. Beispielgebend könnte punktuell auch der Augsburger Weg sein: Dort hat der Stadtrat beschlossen, etwa das Straßenschild des Flugzeugkonstrukteurs Messerschmitt mit einem erklärenden Zusatz zu versehen. So wird Geschichte weder getilgt, noch blind verherrlicht. Die Stadt fordert vielmehr dauerhaft dazu auf, sich mit ihr auseinanderzusetzen.