Artig-Kunstpreis Kempten

Verein Artig zeichnet zwei fränkische Künstlerinnen aus

artig Kunstpreis 2020

Das fand die Jury am besten: "Traumflieger" von Bettina Graber-Reckziegel (Ausschnitt).

Bild: Harald Holstein

Das fand die Jury am besten: "Traumflieger" von Bettina Graber-Reckziegel (Ausschnitt).

Bild: Harald Holstein

Internationale Künstler reichen 650 Arbeiten ein. 73 sind nun in einer niveauvollen Ausstellung zu sehen. Bettina Graber-Reckziegel erhält Kunstpreis, dotiert mit 2500 Euro.

Von Harald Holstein
27.06.2020 | Stand: 12:00 Uhr

Die Verleihung des Artig-Kunstpreises findet normalerweise in den mittelalterlichen Kammern der Galerie Kunstreich auf engem Raum statt. Doch angesichts der coronabedingten Abstandsregeln lud der Verein Artig dieses Mal dazu auf den weiträumig abgesperrten St.-Mang-Platz – und die die Preisverleihung geriet zu einem Happening unter freiem Himmel. Auch wenn das Publikum auf geladene Künstler und wenige Gästen beschränkt wurde, wirkte die kurz gehaltene Veranstaltung wie ein Manifest. Das war ganz im Sinne des Artig-Vorsitzenden Stephan A.Schmidt, möchte er doch auch in Coroana-Zeiten die Künstler unbedingt unterstützen. „Bleibt wie ihr seid und vor allem: Bleibt Künstler“, rief er den Anwesenden zu.

Zwar ist die Zahl der Einreichungen, vermutlich wegen der Corona-Krise, von 1080 auf 650 Werke zurückgegangen, der Kunstpreis hat sich dennoch in den letzten Jahren zu einer viel beachteten Auszeichnung entwickelt. Schmidt nennt ihn einen „Preis von Künstlern für Künstler“ und wehrt sich damit gleichzeitig gegen den Vorwurf, dass für die Teilnahme Gebühren erhoben werden. Wie bei Schachturnieren oder beim Dressurreiten sei es durchaus legitim, Startgelder zu fordern, ist im großformatigen Katalog zur Ausstellung nachzulesen. Nur so sei es möglich, den Hauptpreis mit 2500 Euro und den Sonderpreis mit 1500 Euro auszustatten. Am Ende der Ausstellung wird sogar noch ein von der Leutkircher Brauerei Härle gesponserter Publikumspreis in Höhe von 1000 Euro vergeben.

Zwei Drittel der Künstler reisen nach Kempten zur Preisverleihung

Zwei Drittel der 67 ausstellenden Künstler waren angereist, um der Vergabe des Hauptpreises an Bettina Graber-Reckziegel für ihr Objekt „Traumflieger“ beizuwohnen. Die Keramikkünstlerin aus Vorra (Nürnberger Land) übt mit ihrer poetischen Porzellanarbeit auch unaufdringlich Kritik daran, wie wir mit der Welt und ihren Geschöpfen umgehen. Im Taubenschwarm, der ein Bett überfliegt, sind Tornado-Flugzeuge zu erkennen und sollen zum Nachdenken anregen. „Was wäre, wenn statt den Fliegern wieder mehr Vögel fliegen?“, fragt die Künstlerin.

Ebenfalls aus Franken kommt die Trägerin des Sonderpreises. Nadine Elda Rosani aus Heideck hat die Jury mit ihrer zerbrechlichen, aber nicht gebrochenen Frauengestalt aus Kirschholz überzeugt. In ihrer Skulptur „Was wir nicht sehen“ bezieht sie geschickt Risse und morsche Stellen des Holzes in eine packende Menschendarstellung ein. Obwohl nicht beabsichtigt, ist im Laufe der Arbeit ein Fuß weggebrochen, was die Persönlichkeit der Figur noch steigert. „Mich interessiert das versteckte Ich, das man nach außen nicht so gerne zeigen möchte“, sagt die Künstlerin.

Auch die anderen 71 Werke, die aus Deutschland, Luxemburg und Norditalien kommen, sind auf einem sehr hohen Niveau. Es fällt auf, dass die Arbeiten Gegenständlichkeit und Menschendarstellung zelebrieren. Von abstrakt bis altmeisterlich, von naiv bis neo, bietet die Ausstellung eine enorme Breite an Stilen. Ob Skulptur, Fotografie oder Malerei, die Werke sind bei allem Realismus sarkastisch, politisch und manche sogar verstörend. Genau das macht sie markant und sehenswert.