Online vs. offline

Kemptener Volkshochschulleiter Peter Roth: „Ich sehe die Digitalisierung auch kritisch“

Peter Roth ist Leiter der VHS Kempten. Er spricht über Online-Kurse und darüber, wie wichtig Präsenz-Seminare sind.

Peter Roth ist Leiter der VHS Kempten. Er spricht über Online-Kurse und darüber, wie wichtig Präsenz-Seminare sind.

Bild: Martina Diemand

Peter Roth ist Leiter der VHS Kempten. Er spricht über Online-Kurse und darüber, wie wichtig Präsenz-Seminare sind.

Bild: Martina Diemand

Peter Roth, Leiter der Volkshochschule Kempten, spricht über Online-Kurse und darüber, wie wichtig Präsenz-Seminare sind. Was nimmt er aus der Corona-Krise mit?
16.09.2020 | Stand: 07:31 Uhr

An den Volkshochschulen (VHS) in der Region beginnt das neue Semester. Die Bildungseinrichtungen waren in den vergangenen Monaten ebenfalls stark von der Corona-Pandemie betroffen, stellten ihre Angebote teilweise auf Online um. Peter Roth leitet seit 18 Jahren die VHS Kempten und des nördlichen Oberallgäus. Etwa 900 Kurse bietet die Einrichtung an, jedes Jahr gibt es nach eigenen Angaben 30 .000 Teilnehmer. Im Interview spricht der 59-Jährige darüber, wie sich die Kursangebote und die Teilnehmer in den vergangenen Jahren verändert haben und warum es so wichtig ist, vor Ort in einem Raum gemeinsam zu lernen.

Wie entwickelt sich die Zahl der Anmeldungen in Zeiten von Corona?

Peter Roth: Der Anmeldezeitraum läuft aktuell noch, deshalb gibt es noch keine genauen Zahlen. In den Kursräumen bleibt jeder zweite Platz frei. Die Gruppen werden also kleiner sein als üblich. Ich glaube, viele Interessierte gucken sich erst einmal an, wie das jetzt im Winter abläuft, und warten noch ab.

Mehr Online-Angebote bei der VHS Kempten?

In vielen Bereichen wurden in den vergangenen Monaten die Online-Angebote massiv ausgebaut. Ist das auch ein dauerhafter Weg für die VHS?

Roth: Auch wir haben im vergangenen Semester Online-Kurse angeboten, beispielsweise in fast allen Sprachkursen. Allerdings muss man die Frage stellen, was der Sinn der VHS ist. Neben den Bildungsinhalten, die wir vermitteln, geht es auch um die Begegnung. Das haben wir während des Lockdowns stark gespürt. Deshalb wollten wir im Winter wieder präsent sein. Sonst fehlt die direkte persönliche Kommunikation und Interaktion im Kursraum. Bei uns findet beispielsweise bei den Deutschkursen ja auch Integration statt. Menschen begegnen sich, lernen sich kennen und es entstehen Freundschaften. Ich sehe die Digitalisierung auch kritisch.

Können Sie das näher erläutern?

Roth: Kurse dauerhaft nur online anzubieten, ist nicht die Zukunft der VHS. Das leisten private Anbieter oder das Internet. Es gibt auch Einrichtungen, die verzichten auf das gedruckte Programmheft. Wir bieten nach wie vor ein Printprodukt an, um eine breite Personenschicht anzusprechen – auch mit Blick auf ältere Menschen. Wir bekommen auch die Rückmeldung, dass die Teilnehmer es schätzen, die Kurse hier in den Räumlichkeiten zu besuchen. Viele sitzen den ganzen Tag vor dem Computer, die wollen abends nicht auch noch einen Italienisch-Kurs online machen. Die suchen die Begegnung und bei einer Ortsveränderung passiert ja auch etwas im Kopf, ich bin konzentriert und weiß, jetzt wird gelernt.

Dabei spielt das Thema technische Ausrüstung auch eine Rolle.

Roth: Genau. Wir sind hier gut ausgestattet, verfügen über Glasfaser. Aber wenn jemand in einem Ort wohnt, wo das Internet nicht in der Bandbreite stattfindet, wie es benötigt wird, kann derjenige nicht teilnehmen. Außerdem hat nicht jeder das Knowhow, wie etwa Videoprogramme funktionieren. Das ist zwar kein Hexenwerk, trotzdem schließt es eine Personengruppe aus.

VHS-Publikum ist jünger geworden

Wie hat sich das Angebot der VHS in den vergangenen Jahren verändert?

Roth: Das Publikum ist jünger geworden. Das liegt auch an den neuen Angeboten. 1995 bis Anfang 2000 gab es vor allem EDV-Grundlagen-Kurse. Das war die Zeit, als Computer in die Arbeitswelt eingebunden wurden. Wir erleben aber nach wie vor, dass zum Beispiel ältere Menschen nach ihrem Arbeitsleben ihr Wissen erweitern wollen. Sie besuchen Philosophie-Kurse oder Angebote der Kunstschule. Die schönen Seiten des Lebens. Momentan gibt es auch eine gestiegene Nachfrage nach Finanzrecht und Verbraucherfragen oder für den Bereich Gesundheit.

Was sind die Gründe für diese Entwicklung?

Roth: Es geht heute darum, sich selber etwas Gutes zu tun, sich zu entspannen. Und es geht um Vorsorge. Kurse wie Pilates, Zumba oder Aroha sind gut besucht. Dazu zählt ebenfalls das klassische Yoga, das kommt auch bei Schwangeren gut an. Auch bei der vor vier Jahren gegründeten Kunstschule beobachten wir einen Zulauf. Die Teilnehmer wollen heute selber etwas produzieren, kreativ tätig sein – und zwar auf einer semiprofessionellen Ebene. Es geht aber auch um Regionalität und Nachhaltigkeit. Zum Beispiel gibt es einen Kurs, wo man lernt, wie man Kräuterseife selbst herstellt oder Weiden flechtet.

Gibt es genügend Personal für die Kursleitungen?

Roth: Es gibt immer wieder Probleme, Kurse zu besetzen. Das ist das gleiche Thema wie beim Ehrenamt, die haben überall Schwierigkeiten, beispielsweise auch in den Vereinen. Die Leute wollen sich nicht mehr so fest binden. Dort spielt das Thema Digitalisierung natürlich eine Rolle: Als Bildungseinrichtung muss man den Kursleitern moderne Technik, also Dokumentenkameras und interaktive Tafeln, anbieten. In diesem Bereich darf man nicht abgehängt werden und gerade hier haben wir in den vergangenen Jahren erheblich investiert.

Gibt es etwas, dass Sie aus der Corona-Zeit mitnehmen?

Roth: Wie bereits erwähnt, dass wir Kurse vor Ort anbieten müssen. Wir haben aber auch sehr kurzfristig für die Sommerferien einen Kurs für Schüler auf die Beine gestellt. Neben Mathe, Deutsch und Englisch ging es nachmittags um soziale Netzwerke wie Facebook und um Bildrechte. Außerdem haben wir den Schülern kreative Kurse zum Thema Fotografie, Zeichnen und Skizzieren angeboten. Das Angebot kam gut an und wird in den Herbstferien fortgesetzt.

(Wie sich die Ostallgäuer Volkshochschulen zusammenschließen wollen, erfahren Sie hier.)