Maibaum-Bräuche im Allgäu

"Wer erwischt wird, hat Pech": Diese ungeschriebenen Gesetze gelten beim Maibaumklau im Allgäu

Zu den Bräuchen rund um den ersten Mai gehört auch der Maibaumklau. Welche Regeln dabei gelten, lesen Sie hier.

Zu den Bräuchen rund um den ersten Mai gehört auch der Maibaumklau. Welche Regeln dabei gelten, lesen Sie hier.

Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Symbolbild)

Zu den Bräuchen rund um den ersten Mai gehört auch der Maibaumklau. Welche Regeln dabei gelten, lesen Sie hier.

Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Symbolbild)

Um den Maibaum gibt es im Allgäu viele Traditionen. Dazu gehört der Maibaumklau. Worauf Diebe achten müssen und warum Wächter nicht zu viel Bier trinken sollen.
01.05.2022 | Stand: 07:34 Uhr

Kurz vor dem ersten Mai geht es wieder los: Junge Allgäuerinnen und Allgäuer spitzeln hinter Hausecken, kundschaften versteckte Stadel aus und schmieden Pläne. Wenn sie dem Nachbardorf den begehrten Maibaum abluchsen wollen, verwandeln sich Jugendliche und junge Erwachsene in Tüftler, Strategen und schließlich in Diebe. Doch ein Maibaum wird nicht einfach so geklaut. Wie der Diebstahl gelingt, welche ungeschriebenen Gesetzte gelten und wie man ihn verhindert.

Warum werden Maibäume im Allgäu überhaupt geklaut?

In fast jeder Ortschaft im Allgäu wird viel Wert auf den geschmückten Maibaum gelegt. Einige Gemeinden konkurrieren hierbei auch – um den am schönsten geschmückten oder den höchsten Maibaum. Nicht selten ist der Baum weit über 30 Meter hoch.

Warum sich im Zuge von Maibaumaufstellen und Maifeierlichkeiten auch die Tradition des Maibaum-Diebstahls entwickelt hat, ist nicht genau geklärt. "Ich weiß nicht, warum man das macht", sagt Franz Merk in Altusried (Landkreis Oberallgäu). Er ist ehemaliger Vorsitzender des Trachtenvereins Koppachtaler und wirkt seit Jahren beim Maibaumaufstellen mit. "Wahrscheinlich geht es vor allem darum, andere Vereine zu ärgern, Bier und eine Brotzeit zu bekommen", sagt er mit einem Lachen.

Ist das Maibaum klauen überhaupt erlaubt?

Eigentlich ist der Maibaumklau Diebstahl. Doch zu den ungeschriebenen Gesetzen der Tradition gehört, dass die Polizei bei der Verfolgung der "Straftat" beide Augen zudrückt. Wer von sich aus als Bestohlener die Polizei oder einen Anwalt einschaltet, hat Respekt und Achtung in den Nachbargemeinden schnell verloren. Denn das gilt als unehrenhaft und gehört sich einfach nicht.

Franz Merk, ehemaliger Vorsitzender des Altusrieder Trachtenvereins, wirkt seit Jahren beim Maibaum-Aufstellen in Altusried mit. Er weiß, welche ungeschriebenen Gesetze bei dem Brauch gelten.
Franz Merk, ehemaliger Vorsitzender des Altusrieder Trachtenvereins, wirkt seit Jahren beim Maibaum-Aufstellen in Altusried mit. Er weiß, welche ungeschriebenen Gesetze bei dem Brauch gelten.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Archivbild)

Welche ungeschriebenen Regeln gelten im Allgäu beim Maibaumklau?

Doch auch wenn die Polizei nicht in den Maibaumklau involviert ist, gelten strenge Regeln, die auf keinen Fall gebrochen werden dürfen. "Diese können zwar von Gemeinde zu Gemeinde ein bisschen anders sein", sagt Merk. Doch im Grunde sind sie im gesamten Allgäu ähnlich.

  • Oberste Regel: Der Baum darf nicht beschädigt werden. Böswillige Scherze, wie etwa das Zersägen des Baumstamms, sind verboten. Das Glück und das Geschick der Diebe sollte siegen, nicht die mutwillige Beschädigung. "Brauchtum ist schön und macht Spaß, aber nur wenn es nicht übertrieben wird", sagt Merk.
  • Der Wald ist tabu: Auch wenn oft bekannt ist, welcher Baum im Wald auserkoren wurde, darf er niemals von den Maibaum-Dieben gefällt werden. Das ist Holzdiebstahl und der wird auch geahndet. Erst wenn der Maibaum in der Ortschaft ist, geht es los.
  • Nur den Stamm klauen: Nur der entastete Stamm gilt als Beute. Maibaumschmuck – und damit Zunftzeichen, Bänder und Kränze – sind tabu.
  • Nur unbewachte Maibäume: Ein Maibaum darf nur gestohlen werden, wenn er unbewacht ist - auch wenn nur eine Person am Versteck Wache hält und zehn Diebe anrücken. Der Wächter darf nicht bedroht oder überwältigt werden.
  • Maximal zwei Wochen vorher: Der Baum darf laut Merk maximal zwei Wochen vor dem ersten Mai geklaut werden. Wenn der Baum schon einen Monat vor dem Stichtag gestohlen wird, gelte das nicht als ehrbarer Maibaumklau.
  • Wer erwischt wird, hat Pech: Diebe müssen geschickt genug sein, um unbemerkt mit dem Maibaum, der oft mehr als 30 Meter misst, das Dort zu verlassen. Grundsätzlich aber gilt: Wer mit der Beute innerhalb der Gemeindegrenze ertappt wird, der hat Pech gehabt. Die vermeintliche Trophäe muss wieder abgegeben werden.
  • Nur der neue Baum gilt als Trophäe: "Das klingt blöd, ist bei uns aber schon passiert", sagt Merk mit einem Lachen. In Altusried habe eine Nachbargemeinde einmal den drei Jahre alten, bereits abgebauten Maibaum statt den neuen geklaut.
  • Zurück klauen ist erlaubt: Den eigenen Baum bei der Nachbargemeinde zurück zu klauen ist theoretisch erlaubt, sagt Merk. Aber das kommt eher selten vor. Schließlich weiß der bestohlene Verein ja zunächst nicht, wer ihn erbeutet hat und wo er versteckt wird.
  • Kleidung ist egal: Welche Kleidung die Diebe tragen spielt nach Altusrieder Tradition keine Rolle. "Meist ist das ja eine Nacht- und Nebelaktion", sagt Merk. "Da sollte man nicht unbedingt Tracht mit einem weißen Hemd tragen."
  • So wenig Menschen wie möglich einweihen: Franz Merk rät Vereinen auch, so wenig Menschen wie möglich vom Versteck des Maibaums zu erzählen. "Je weniger Leute Bescheid wissen, desto geringer ist die Gefahr, dass jemand plappert.
  • Nicht zu viel Bier bei der Wache: Bei der Maibaumwache werden gerne ein paar Bier getrunken, sagt Merk. Aber: "Es ist auch schon vorgekommen, dass Wächter so betrunken waren, dass sie eingeschlafen sind und nicht mitbekommen haben, wie der Baum geklaut wurde." Das sollte nicht passieren.
  • Brotzeit als Auslöse: Wenn der Maibaumklau erfolgreich war, dann wird zwischen den beiden Gemeinden verhandelt. Der bestohlene Verein muss den Dieben ein paar Kästen Bier und eine Brotzeit bezahlen, um den Baum zurückzubekommen. "Und meistens trinkt und isst man das dann gesellig zusammen", sagt Merk.

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Auch hier habe jede Allgäuer Gemeinde ihre eigene Strategie. Wie die Altusrieder ihren Baum verteidigen, verrät Merk nicht. "Schließlich ist unser Baum nach dem Rechtsstreit, der durch die Medien ging, ziemlich begehrt." Ein Ehepaar hatte sich zwölf Jahre mit der Gemeinde um den Maibaum in Altusried gestritten. Der Grund: Stare, die den Baum alle Jahre wieder gegen Ende des Sommers anfliegen, verschmutzen mit ihrem Kot angeblich das Haus der Nachbarn. Vor zwei Jahren schließlich zog die Ehefrau vor Gericht. Doch der Verein und das Ehepaar haben sich im März nun überraschend geeinigt.

Die Gemeinde Burgberg fällt ihren neuen Maibaum laut Merk beispielsweise erst am frühen Morgen des ersten Mai. Helferinnen und Helfer bereiten ihn vor und stellen ihn dann direkt auf. "So kann er gar nicht geklaut werden."

Hier finden Sie die Maibaum-Termine im Allgäu:

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