Fossil aus Pforzen

Raufbolde und Einhörner: Vor Millionen Jahren lebten im Allgäu Nashörner

Eine Gruppe von Breitmaulnashörnern in Namibia. Im Unterschied zum fossilen Nashorn aus der Hammerschmiede sind es Grasfresser.

Eine Gruppe von Breitmaulnashörnern in Namibia. Im Unterschied zum fossilen Nashorn aus der Hammerschmiede sind es Grasfresser.

Bild: Madelaine Böhme

Eine Gruppe von Breitmaulnashörnern in Namibia. Im Unterschied zum fossilen Nashorn aus der Hammerschmiede sind es Grasfresser.

Bild: Madelaine Böhme

Noch in der Frühzeit der Europäischen Aufklärung wurden fossile Nashörner für biblische Wesen gehalten. Was Forscher über die Dickhäuter aus dem Allgäu wissen.
18.04.2021 | Stand: 11:30 Uhr

Menschenaffe Udo ist sicherlich der bekannteste Fund aus der Hammerschmiede, einer Tongrube am Ortsrand von Pforzen. Doch bei weitem nicht der Einzige – im Gegenteil. Über 15 000 Fossilien wurden dort bereits geborgen, darunter allein Relikte von 134 verschiedenen Wirbeltierarten. Jeden Monat stellt die Paläontologin Madelaine Böhme, Udos Entdeckerin, in der AZ-Serie „Fossil des Monats“ einen der spannendsten Funde vor. Diesmal geht es um einen Dickhäuter:

„Es war im Jahr 1515, als Albrecht Dürer ein einhörniges Nashorn, ein Rhinoceros unicornis, zeichnete. Das Tier wurde lebend von Indien nach Lissabon verschifft und kündete von der Andersartigkeit der Tierwelt des Orients. Trotzdem wurden noch in der Frühzeit der Europäischen Aufklärung Funde fossiler Nashörner für biblische Einhörner gehalten. So geschehen bei den 1663 nahe Quedlinburg gefundenen und durch Gottfried Wilhelm Leibniz popularisierten Resten eines eiszeitlichen Wollhaar-Nashorns.

Nashörner waren in Europa keine Seltenheit

Dabei sind Nashörner in der Naturgeschichte Europas keine Seltenheit. Mindestens 50 verschiedene Nashorn-Arten hatten unseren Kontinent in den vergangenen 35 Millionen Jahren besiedelt. Häufig lebten bis zu vier Arten gleichzeitig in einem Biotop. Das Spektrum ihrer ökologischen Anpassung ist breit und reicht von Blattfressern zu Grasfressern, von hochbeinigen, rennenden Formen zu plumpfüßigen Schwergewichten von drei Tonnen Körpermasse.

Wir kennen einhörnige und zweihörnige Arten und solche, welche ihre Hörner in der Evolution ganz verloren haben. Zu dieser Gruppe zählen die zwei Hammerschmiede-Nashörner. Das häufigere unter ihnen heißt Hoploaceratherium belvederense. Es ist ein mittelgroßes, schlankfüßiges Nashorn, das eine Tonne wog und wahrscheinlich nur ein kleines Nasenhorn hatte. Wahrscheinlich deshalb, weil die Nasenhörner aus Keratin, aus Horn, bestehen und fossil nicht erhaltungsfähig sind. Erst wenn wir einen kompletten Schädel gefunden haben, können wir an der Beschaffenheit des Nasenbeins erkennen, ob ein Horn vorhanden war.

Bei hornlosen oder kleinhörnigen Nashörnern sind jedoch ein Paar der unteren Schneidezähne zu Hauern verlängert, insbesondere bei den Männchen. Diese werden dann, statt Hörnern, zum Imponieren oder als Waffe bei inner- oder zwischenartlichen Kämpfen verwendet. (Lesen Sie auch: Im Dienste der Wissenschaft: Schweizer vergraben 2000 Unterhosen - Was das bringen soll)

Allgäuer Nashörner waren Blattfresser

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Inwieweit das Hammerschmiede-Nashorn zu den angriffslustigen Dickhäutern zählte, ähnlich dem Afrikanischen Spitzmaulnashorn, wissen wir noch nicht. Dazu ist die Biologie dieser selten gefundenen Art noch zu unbekannt. Die Form seiner Backenzähne verrät jedoch den Blattfresser und es ist sehr wahrscheinlich, dass sich Hoploaceratherium von Sträuchern ernährt hat, welche die Auen der bayerischen Flüsse vor über elf Millionen Jahren in Hülle und Fülle bewuchsen.“

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