Spitzenkandidatin der Grünen zu Besuch

So wichtig sind Kunst und Kultur für Mensch und Demokratie

Claudia Roth

Über den Zusammenhang von Kultur und Demokratie sprachen (von links) Moderatorin Chrissi Myrtsidou-Jung vom Kreisvorstand, Dr. Thorolf Lipp, Monika Schubert, Claudia Roth, Ramona Wegenast, Adi Hoesle und Lucia Golda.

Bild: Andreas Filke

Über den Zusammenhang von Kultur und Demokratie sprachen (von links) Moderatorin Chrissi Myrtsidou-Jung vom Kreisvorstand, Dr. Thorolf Lipp, Monika Schubert, Claudia Roth, Ramona Wegenast, Adi Hoesle und Lucia Golda.

Bild: Andreas Filke

Claudia Roth verdeutlicht in Marktoberdorf den Stellenwert der Kultur in der Demokratie. Für sie ist sie kein Sahnehäubchen in finanziell guten Zeiten.
13.09.2021 | Stand: 11:30 Uhr

Für Claudia Roth, die bayerische Spitzenkandidatin der Grünen und Vizepräsidentin des Bundestags, war das Theaterkino Filmburg in Marktoberdorf neu und doch vertraut. „Kunst und Kultur ist meine Herkunft – ich bin nie von der Bühne runtergegangen“, sagte sie. Schon war sie mittendrin im Thema. Denn sie wollte in einer Gesprächsrunde aufzeigen, wie und warum Kultur wichtig für eine gelebte Demokratie und sie deshalb auch in Coronazeiten systemrelevant ist.

Die Ostallgäuer Grünen hatten keine Veranstaltung mit Haudrauf auf den Kontrahenten organisiert. Natürlich forderte Roth auf, unbedingt zur Wahl zu gehen und eine der demokratischen Parteien zu stärken – am besten die Grünen. Insgesamt aber war es feinsinnig.

Das Mobilé in Marktoberdorf fördert jeden einzelnen

Genau diesen feinen Sinn zu schärfen, sei Aufgabe der Kultur. Die Chance, Talente in sich zu entdecken und so Selbstbewusstsein zu erhalten, biete generationsübergreifend das Mobilé in Marktoberdorf, sagte Lucia Golda. Sie hatte vor Kurzem die Leitung von Monika Schubert übernommen. Schubert erzählte, wie junge Flüchtlinge durch das Theaterspiel besser Deutsch lernten und in die Gemeinschaft integriert wurden. Daher sei es schade, dass Kunst im Schulunterricht heruntergefahren werde, bedauerte sie. Denn Kunst denke nicht in eine Richtung, sondern bedeute Vielfalt, ergänzte Golda.

Und die sei in der Wirtschaft gefragt, sagte Roth. Unternehmen bevorzugten immer häufiger Menschen, die kreativ sind. Deshalb: Kunst und Kultur sei kein Sahnehäubchen, auf das man verzichten kann, wenn man es sich nicht leisten kann. Vielmehr trage Kultur zur Bildung, zur Persönlichkeitsbildung bei, stärke die freie Meinungsäußerung und so die Demokratie.

Ohne Kultur ist alles tot

Anders in Afghanistan. Bei Besuchen habe sie erlebt, sagte Roth, wie die Bevölkerung unter den Taliban litt. Radios, Fernseher, selbst Musikinstrumente wurden zerstört. „Es zog ein tödliches Schweigen übers Land.“ In den vergangenen Jahren lebte das Volk wieder auf. Und nun: kein Radio, kein Fernsehen. Wieder Schweigen. Dabei sei Kultur wichtig für das Leben und in Deutschland ein nicht zu unterschätzender Wirtschafts- und Standortfaktor, „aber das brauche ich in Marktoberdorf ja nicht zu sagen“, so Roth.

Marktoberdorf als Chorstadt weltbekannt

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Tatsächlich sei Marktoberdorf als Chorstadt weltbekannt, sagte Ramona Wegenast, Geschäftsführerin von MODfestivals. Sie selbst fand über einen Kinderchor zur Kultur. Chorwettbewerb und Musica Sacra hätten das Völker- und Religionsverbindende zum Ziel. Deshalb wurden spezielle Programme für Kinder entwickelt. „Da leisten wir Basisarbeit.“

Auch Adi Hoesle, hoch dekorierter Bildender Künstler aus Babenhausen, beschrieb deutlich, wie sehr es Kunst vermag, Menschen – egal welcher Herkunft, mit oder ohne Handicap – in die Gemeinschaft zurückzuholen. Besonders Kinder, sagte Roth, seien in Coronazeiten ausgeschlossen worden. Wenn sie nicht schnell Anschluss finden, seien die Folgen unabsehbar.

So geht die Einzigartigkeit des Menschen verloren

In die ähnliche Richtung ging Dr. Thorolf Lipp, Dokumentarfilmer und Kulturethnologe aus Obergünzburg. Er bedauerte, dass im öffentlich-rechtlichen Fernsehen das Zeitfenster für Beiträge zur Bildung immer schmaler werde. Dabei seien Information und Bildung die Kernpunkte, warum das Öffentlich-Rechtliche gegründet wurde. Stattdessen „sind wir in einem fundamentalen Wandel“. Daten und Algorithmen bestimmten das Programm. Die Einzigartigkeit des Menschen und dessen Bedürfnis rücke in den Hintergrund. Dies aber gelte es zu verteidigen. „Das ist eine Aufgabe aller Kulturschaffenden.“