Frau und Beruf

Corona: Falle oder Chance für berufstätige Frauen im Allgäu?

Patricia Mühlebach von der Servicestelle Frau und Beruf berät ihre Klientinnen normalerweise in der Sandstraße in Kempten. Seit dem zweiten Lockdown betreut sie die Frauen telefonisch und online.

Patricia Mühlebach von der Servicestelle Frau und Beruf berät ihre Klientinnen normalerweise in der Sandstraße in Kempten. Seit dem zweiten Lockdown betreut sie die Frauen telefonisch und online.

Bild: Katharina Simon/Servicestelle Frau und Beruf

Patricia Mühlebach von der Servicestelle Frau und Beruf berät ihre Klientinnen normalerweise in der Sandstraße in Kempten. Seit dem zweiten Lockdown betreut sie die Frauen telefonisch und online.

Bild: Katharina Simon/Servicestelle Frau und Beruf

Existenzsorgen, Kurzarbeit, Doppelbelastung mit Job und Kind – das trifft vor allem Frauen. Viele denken deshalb über eine berufliche Neuorientierung nach
27.01.2021 | Stand: 13:46 Uhr

„Die Anrufe werden immer mehr und dramatischer“, sagt Patricia Mühlebach. Sie ist Beraterin bei der Servicestelle Frau und Beruf in Kempten und weiß aus Erfahrung: Frauen hatten auch schon vor der Corona-Krise mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der finanziellen Abhängigkeit von ihren Männern oder schlechter Bezahlung zu kämpfen. Doch mit den Lockdowns sei die Belastung gestiegen. Immer mehr Frauen machten sich Gedanken über ihre berufliche Perspektive. Warum die Krise aber nicht nur eine Falle, sondern auch eine Chance sein kann und welche Erfahrungen zwei Klientinnen gemacht haben:

Es seien oft Frauen aus Tourismus, Hotellerie oder dem Verkauf im Einzelhandel, die jetzt über eine Neuorientierung nachdenken, sagt Mühlebach. „Sie fragen sich, wo sie unterkommen können, um künftig besser aufgestellt zu sein.“ Aber es gebe auch die Frauen, die Existenzsorgen plagen, weil die Einkünfte ihrer Männer wegbrechen – die sich sagen: „Ich muss raus aus der 450-Euro-Job-Falle.“

Auch vor Corona keine berufliche Gleichstellung

Und dann seien da noch die Frauen, die sich wegen geschlossener Kitas und Schulen wieder rund um die Uhr um ihre Kinder kümmern müssen, sagt Katharina Simon, Geschäftsführerin der Servicestelle und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Das Problem sei, dass es auch vor Corona noch keine berufliche Gleichstellung gegeben habe. Deshalb steckten Frauen jetzt oft zurück. „Das ist eine Gefahr, auch gesellschaftspolitisch.“ Sicher gebe es auch Männer, die sich verstärkt einbringen und Elternzeit nehmen, sagt Mühleberg: „Aber ich glaube nicht, dass das die Mehrheit ist.“

Katharina Hamm hat sich schon vor der Krise beruflich neuorientiert und den „Malort“ in der Burgstraße eröffnet. Eltern können dort mit ihren Kindern malen, frei und ohne Bewertung. Durch ein Coaching der Servicestelle in ihrer Entscheidung bestärkt, startete die Mutter von zwei Kindern im Oktober in ihr neues Berufsleben. Doch dann kam der Lockdown. „Man traut sich in die Selbstständigkeit und dann kommt so ein Hammer.“ Hamms Mann ist Geschäftsführer, wechselt zwischen Büro und Homeoffice. Sie selbst stricke ihren „Job so hin, dass es mit den Kindern passt“, sagt die 41-Jährige – und mit Blick auf Homeschooling: „Morgens bin ich eine Grundschullehrerin.“ Die Arbeit trete da schon sehr stark in den Hintergrund.

"Frauen fühlen sich allein gelassen"

Die Doppelbelastung sei hart, sagt auch Simon. „Wir merken das, die Frauen fühlen sich allein gelassen.“ Andererseits müsse jetzt vieles digital bewerkstelligt werden, auch die Beratungen und Seminare der Servicestelle. „Wir vermitteln digitale Kompetenzen, das ist auch eine Chance“, sagt Simon. Als Sozialpädagogin bei Pro Familia könne sie jedoch keine Online-Beratungen anbieten, sagt Barbara Lohmaier. Denn mit zwei Kindern könne sie nie garantieren, dass sie ungestört bleibe. Aktuell ist die 34-Jährige in Elternzeit und hat es dadurch etwas leichter, die Situation zu meistern.

Lesen Sie auch
Patricia Mühlebach von der Servicestelle Frau und Beruf berät ihre Klientinnen normalerweise in der Sandstraße in Kempten. Seit dem zweiten Lockdown betreut sie die Frauen telefonisch und online.
Wirtschaft

Corona: Falle oder Chance für berufstätige Frauen in Kempten und Oberallgäu?

Doch als sie das erste Mal schwanger wurde, sei ihr damaliger Arbeitsvertrag nicht verlängert worden. Nach einem Jahr Pause fragte sie sich, wie es weitergeht. „Man stellt sich infrage, zweifelt.“ Mühleberg habe sie ermutigt, eine Initiativbewerbung loszuschicken und selbstbewusst über ihr Gehalt zu verhandeln.

Sich seine Ressourcen bewusst zu machen und entsprechende Forderungen zu stellen, werde auch nach der Pandemie wichtig werden, sagt Simon. Sie rechnet mit einer Welle, in der viele Frauen sagen ’Ich muss mich beruflich verändern’. „Ich wünsche mir, dass diese Frauen dann den Weg zu uns finden.“

Was die Servicestelle Frau und Beruf anbietet:

  • Zuständigkeit: Seit über 20 Jahren begleitet die Servicestelle Frauen in Kempten sowie in den Landkreisen Oberallgäu und Ostallgäu. Jährlich werden etwa 90 Frauen in über 800 Stunden beraten.
  • Inhalte: Wiedereinstieg nach der Familienzeit (Kinder oder zu pflegende Angehörige), berufliche Neuorientierung oder Existenzgründung.
  • Finanzierung: Die Servicestelle wird kofinanziert durch den Europäischen Sozialfonds und das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales. Noch bis 31. Dezember 2021 ist die Förderung gesichert.
  • Kosten: Ein achtstündiges Angebot, das Einzelgespräche und Gruppenseminare umfasst, ist kostenlos. Die acht Stunden können auf den Zeitraum eines Jahres verteilt werden. Ansonsten kosten Seminare 10 Euro/Stunde, Einzelgespräche 50 Euro/Stunde.
  • Team: Neben Geschäftsführerin Katharina Simon besteht das Team aus den Beraterinnen Patricia Mühlebach und Sabine Kohl sowie aus zwei Verwaltungskräften.
  • Kontakt: Die Servicestelle ist telefonisch unter 0831/2525-7272 oder per E-Mail an frau-und-beruf@kempten.de erreichbar.