Marktoberdorf

Den Busverkehr endlich ausbauen

OAL Mobilität

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Bild: Heiko Wolf

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Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) im Allgäu muss dringend – flexibel und barrierefrei – ausgebaut werden. Darin waren sich die Teilnehmer einer Tagung im Landratsamt einig. Die Mobilität müsse gewährleistet sein, „damit alle, auch ältere und behinderte Menschen, am öffentlichen Leben teilhaben können“, sagte die Ostallgäuer Behindertenbeauftragte Waltraud Joa. Dafür müssten Barrieren abgebaut werden. Denn: „In der Region leben 15 700 Menschen mit anerkannter Behinderung.“

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Von Heiko Wolf
29.09.2019 | Stand: 15:52 Uhr

Am Beispiel Marktoberdorf machte Joa klar, woran es beim ÖPNV hakt. „Der ehrenamtlich betriebene Stadtbus ist gut gemeint“, sagte Joa, die selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist. Aber er sei nur ein einzelner Kleinbus, „der nicht barrierefrei ist und nicht in die Ortsteile fährt“. Ansonsten können ihre Nachbarn und sie in Marktoberdorf nur den Schulbus nehmen, keinen Linienbus – „und das, obwohl in meiner Straße die Mehrheit der Menschen über 70 Jahre alt sind.“

So wie Joa, die mit Renate Dantinger die Tagung im Namen des Netzwerks der Behindertenbeauftragten, Behindertenbeiräte und der Offenen Behindertenarbeit leitete, geht es Menschen in vielen Allgäuer Kommunen. Die Stadt Marktoberdorf will daran etwas ändern. Weshalb der Marktoberdorfer Stadtrat gerade erst den Beschluss fasste, das Busangebot in der Stadt auszuweiten (wir berichteten). Linien sollen nach Möglichkeit dafür ausgebaut und zudem ein Rufbus- oder ein Flexibus-System als Ergänzung zu Linienbussen eingeführt werden.

„Die Flexibusse kommen nur, wenn sie angefordert werden“, sagte Joa. Unnötige Leerfahrten würden vermieden. Joa und Ministerialrat Carsten Fregin vom bayerischen Verkehrsministerium berichteten, mit welchem Erfolg solche Flexibusse, die der Freistaat stark bezuschusst, im Landkreis Günzburg, in Mindelheim oder im fränkischen Gunzenhausen unterwegs seien. In Gunzenhausen etwa fuhren bei 4000 Fahrten von Januar bis August 16 000 Fahrgäste mit.

Fregin gab einen Überblick über den ÖPNV in Bayern, der bis 2022 vollständig barrierefrei sein soll. Er sagte, dass die Zuweisungen des Freistaates daher heuer auf 94 Millionen Euro gestiegen seien und es zudem immer mehr Zuschussmöglichkeiten gebe. Er räumte zugleich ein, dass der ÖPNV im Ostallgäu oft so auf die Schülerbeförderung fokussiert sei, dass damit längst nicht alle Landkreisbürger erreicht werden.

Fregin sagte, dass man in einer ländlichen Region wie dem Allgäu nur Hauptverkehrsachsen mit klassischem Linienverkehr bedienen könne. „Dort muss der Erschließungsanspruch aber der Stundentakt sein.“ Ansonsten müssten flexible Verkehre und bedarfsorientierte Bedienformen – eventuell kombiniert mit lokalen, ebenfalls geförderten Bürgerbus-Projekten – die Achsenlücken schließen. „Das ist die Möglichkeit, Mobilität für alle flächendeckend zu organisieren.“

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Außerdem riet er, landkreisübergreifende Verkehrsverbünde zu schaffen mit dem Ziel der Tarifeinheit. Bei der Verkehrsgesellschaft „Mona“ im Ost- und Oberallgäu mit Kaufbeuren und Kempten werde das ja schon versucht, wie der Ostallgäuer Wirtschaftsreferent Peter Däubler betonte. „Machbarkeitsstudien dazu fördert der Freistaat“, sagte Fregin.

Der Ministerialrat sagte, dass 90 Prozent der Busse in Bayern barrierefrei seien und der Freistaat deren Anschaffung allein heuer mit 68,3 Millionen Euro bezuschusse. Auch im Ostallgäu seien schon einige niederflurige beziehungsweise „Low-Entry“ Busse unterwegs.

Fregins Vortrag löste eine lebhafte Debatte aus. Marktoberdorfs Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell nahm mit, dass der Rufbus wohl die einzige Chance sei, ländliche Räume flächendeckend zu versorgen. Er freute sich darüber, dass bedarfsorientierte Busverkehre 2018 mit 2,8 Millionen Euro gefördert wurden. Ein Problem sei die Vergleichbarkeit der „40 bis 50 Rufbus-Systeme allein in Bayern“. Ernüchternd fand Hell zudem die Zeitschiene. „Bis in Marktoberdorf der erste Rufbus fährt, wird es schon noch drei bis vier Jahre dauern“, sagte Fregin. Erst sei ein Konzept nötig, dann gehe es um die Ausschreibung und die Konzessionen.

Buchloes Senioren- und Behindertenbeauftragte Christine Hantschel kritisierte das Fehlen landkreisübergreifender Busverbindungen. Es sei Pflicht, solche Verkehrsbedürfnisse abzudecken, sagte Fregin und warb erneut für größere Verkehrsverbünde. „Der Bürger denkt nicht in Kreisgrenzen, sondern in Verkehrsbeziehungen.“ Behindertenbeirätin Verena Gotzes aus Memmingen sagte, dass Rollifahrer von Bussen mit Hubliftern oft nicht mitgenommen würden. Dazu Fregin: „Das müssen sie. Die Rechtslage dazu ist klar.“

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