25 Jahre Wohnheim für Menschen mit Behinderung

Diese beiden Frauen sind Urgesteine des Lebenshilfe-Wohnheims in Marktoberdorf

Lebenshilfe-Wohnheim in Marktoberdorf

Lizzi Gmeinder (links) und Irmgard Müller wohnen beide seit 25 Jahren im Wohnheim der Lebenshilfe Ostallgäu in Marktoberdorf und sind damit von Anfang an dabei: Denn die Einrichtung feiert ihr 25-jähriges Jubiläum.

Bild: Mona Boos

Lizzi Gmeinder (links) und Irmgard Müller wohnen beide seit 25 Jahren im Wohnheim der Lebenshilfe Ostallgäu in Marktoberdorf und sind damit von Anfang an dabei: Denn die Einrichtung feiert ihr 25-jähriges Jubiläum.

Bild: Mona Boos

Lizzi Gmeinder und Irmgard Müller leben seit 25 Jahren im Heim der Lebenshilfe Ostallgäu - so lange wie es die Einrichtung gibt. Warum sie sich dort so wohlfühlen.
30.09.2021 | Stand: 09:47 Uhr

Ein erstauntes „Oh“ entfährt Lizzi Gmeinder, als sie das alte Bild von sich sieht. Auf dem Foto ist sie 25 Jahre jünger und hält beim symbolischen Spatenstich für den Bau des Wohnheims für Menschen mit Behinderung in Marktoberdorf einen Spaten in der Hand. Die heute 83-Jährige erlebte den Bau des Heims am Mühlsteig hautnah und zog als eine der ersten Bewohnerinnen in Einrichtung der Lebenshilfe Ostallgäu ein.

Wohnheim in Marktoberdorf: Bewohner werden individuell unterstützt

27 Menschen mit einer geistigen und teilweise körperlichen Behinderung leben derzeit in der Einrichtung. Dort meistern sie mit Hilfe der 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ihren Alltag. Ganz individuell werden die Bewohner, die beispielsweise Down-Syndrom, eine frühkindliche Hirnschädigung oder eine autistische Spektrumstörung haben, unterstützt.

Lizzi Gmeinder gehört nicht nur zu den Urgesteinen des Wohnheims – sie ist auch eine der ältesten Bewohnerinnen. Früher arbeitete sie in der Schreinerei der Wertachtal-Werkstätten. Heute genießen sie und ihre 65-jährige Freundin Irmgard Müller ihren Ruhestand. Auch Irmgard Müller gehört beinahe zum Inventar: Sie lebt ebenso schon 25 Jahre dort und fühlt sich Zuhause.

Marktoberdorf: Selbstständigkeit steht im Vordergrund

Melanie Wirth leitet das Wohnheim der Lebenshilfe. Sie sagt: „Die Menschen leben hier zusammen wie eine Familie.“ Jeder habe sein eigenes Zimmer, das nach eigenem Geschmack gestaltet ist. „Wir essen morgens und abends meist gemeinsam.“ Und am Wochenende machen die Mitarbeiter mit kleinen Gruppen Ausflüge. „All das ist freiwillig“, sagt Wirth. Wer möchte, kann das Angebot annehmen oder eben nicht. „Wie bei einer Familie.“

Beim Konzept des Wohnheims stehe vor allem die Selbstständigkeit im Vordergrund. Die Bewohner übernehmen die Tätigkeiten, die sie im Rahmen ihrer Behinderung erledigen können. „Das Ziel ist, dass die Menschen hier ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen“, sagt Claudia Kintrup aus der Geschäftsführung der Lebenshilfe Ostallgäu.

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Die wohl schwierigste Phase in den 25 Jahren Wohnheim in Marktoberdorf war die Pandemie. Da viele Bewohner zur Risikogruppe gehören, war äußerste Vorsicht angesagt. Auch die Wertachtal-Werkstätten waren geschlossen. Für die Bewohner sei es schwierig gewesen, diese Regeln zu begreifen und mit dem veränderten Alltag zurechtzukommen, sagt Kintrup. Auch für die Mitarbeiter seien die Lockdowns eine große Herausforderung gewesen, sagt Wirth. Angestellte ersetzten in dieser Zeit Besuche von Familie und Freunden und versuchten coronakonforme Freizeitaktivitäten zu organisieren.

Der Umgang mit Menschen mit behinderung hat sich zum Positiven verändert

Unter Corona litt auch die Inklusion: „Es ist wichtig, dass Menschen mit Behinderung nicht nur unter sich sind.“ Deswegen fördert die Einrichtung Kontakte nach außen. All das war in der Lockdown-Zeit nicht möglich. „Normalerweise gehen wir gemeinsam unter Menschen: zum Einkaufen, ins Theater, ins Kino“, sagt auch die Heimleiterin. Mitarbeiter versuchen den Bewohnern zu vermitteln, dass sie ein Teil der Gesellschaft sind.

Der Umgang mit Menschen mit Behinderung habe sich in den vergangenen Jahren zum Positiven verändert, sagt Kintrup. Früher wohnten Menschen mit Behinderung oft lange – weit ins Erwachsenenalter hinein – bei ihrer Familie. Heutzutage ergreifen junge Erwachsene manchmal selbst die Initiative und wollen trotz ihrer Behinderung ausziehen. Auch Eltern gehen offener mit der Herausforderung um, ein Kind mit Beeinträchtigung zu betreuen. „Mütter und Väter können das oft nicht alleine stemmen.“

Nicht alle Bewohnerinnen bleiben bis zur Rente in der Einrichtung: „Immer wieder ziehen auch Menschen aus“, sagt Kintrup. Manchmal weil in einem anderen Wohnheim ein geeigneterer Platz frei werde, manchmal weil sie in eine eigene Wohnung ziehen und lieber den ambulanten Dienst der Lebenshilfe in Anspruch nehmen. „Die meisten Plätze sind aber dauerhaft besetzt“, sagt Melanie Wirth. Das sei schön, denn ein häufiger Wechsel würde Unruhe in die Gruppen bringen.

Neues Heim in der Innenstadt von Marktoberdorf

Allerdings bedeutet das auch, dass nur sehr selten ein Zimmer im Wohnheim frei werde. Umso mehr freuen sich sowohl Wirth als auch Kintrup, dass in der Stadtmitte von Marktoberdorf in der früheren Kultkneipe Aha (Baldauf-Haus) und in Füssen neue Wohnheime entstehen. In der Region leben viele Menschen, die in den Wertachtal-Werkstätten arbeiten, sagt Kintrup. „Für diese Leute brauchen wir auch Wohnraum.“

Zudem müsse es mehrere Wohnheime für Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen geben: So sei das Marktoberdorfer Heim vor allem für Menschen mit geistiger Behinderung ausgelegt. In Kaufbeuren gebe es dagegen ein Heim für Menschen, die wegen körperlicher Beeinträchtigungen einen höheren Pflegebedarf haben.

Auf eine große Feier zum 25-jährigen Jubiläum mussten die Bewohner coronabedingt verzichten. Trotzdem gab es ein kleines Programm: Eine Feier mit Kaffee und Kuchen, Ehrungen von langjährigen Bewohnern, Spiele-Stationen und der Show eines Feuerkünstlers fand trotzdem statt.

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