Tierschutz im Ostallgäu

Verwahrlosten Hund retten - warum das oft schiefgeht

Zwei Seiten einer Medaille: Machen sich die Menschen zu wenig Gedanken, bevor sie einen Hund aus dem Auslands-Tierschutz adoptieren, kann es zu Schwierigkeiten kommen. Nicht selten landen solche Tiere als Problemhunde im Tierheim. Daneben aber gibt es viele positive Beispiele.

Zwei Seiten einer Medaille: Machen sich die Menschen zu wenig Gedanken, bevor sie einen Hund aus dem Auslands-Tierschutz adoptieren, kann es zu Schwierigkeiten kommen. Nicht selten landen solche Tiere als Problemhunde im Tierheim. Daneben aber gibt es viele positive Beispiele.

Bild: Andreas Arnold, dpa (Archiv- und Symbolbild)

Zwei Seiten einer Medaille: Machen sich die Menschen zu wenig Gedanken, bevor sie einen Hund aus dem Auslands-Tierschutz adoptieren, kann es zu Schwierigkeiten kommen. Nicht selten landen solche Tiere als Problemhunde im Tierheim. Daneben aber gibt es viele positive Beispiele.

Bild: Andreas Arnold, dpa (Archiv- und Symbolbild)

Einen Hund aus dem Ausland holen: Für viele der Weg zu einem Haustier und eine gute Tat zugleich. Die Tiere sind jedoch oft traumatisiert. Wie eine Adoption gelingt.
31.12.2020 | Stand: 11:30 Uhr

Sie schauen mit treuen Augen in die Kamera. Manche sind abgemagert und verwahrlost, andere süße Welpen. Hunde aus dem Auslandstierschutz haben viele Gesichter, aber eins gemeinsam: Sie wecken das Mitleid von Tierliebhabern und den Drang, sie zu retten. Das endet oft glücklich. „Es gibt viele toll organisierte Tierschutzvereine im Ausland“, betont Silke Kraus. Sie ist seit 30 Jahren im Auslandstierschutz aktiv und nennt als Beispiel die Vereine Treue Pfötchen und PAU – People and Animals United.

Die Tierschützer dort wollten das Bestmögliche für ihre Schützlinge. „Diese Leute bekommen vor Ort das ganze Elend mit. Sie sehen die verletzten, ausgesetzten und misshandelten Hunde und päppeln sie auf“, berichtet Kraus. Sie würden diese Tiere dann nicht einfach abschieben, sondern sehr gewissenhaft vermitteln, ohne deren Eigenschaften in der Beschreibung zu beschönigen. Auch werde der mögliche neue Besitzer genau unter die Lupe genommen. „Das ist zeitaufwendig, aber führt zu glücklichen Adoptanten und Hunden“, sagt Kraus. Allein in ihrem Bekanntenkreis kenne sie mehr als 20 Leute mit Auslandshunden, die sehr von ihren Tieren schwärmen.

Viele Menschen sind mit dem Hund überfordert

Wie so oft hat aber auch diese Medaille eine Kehrseite. Mit der wird die Arche Noah Tierhilfe mit Sitz in Seeg und Bidingen immer wieder konfrontiert. Zum einen holte sie selbst bereits Hunde aus dem Ausland und machte schlechte Erfahrungen. Zum anderen wenden sich Tierbesitzer hilfesuchend an den Ostallgäuer Verein, weil sie mit ihren Auslandshunden überfordert sind. In der Corona-Zeit wurde daraus „ein Thema, das uns sehr unter den Nägeln brennt“, sagt Vorsitzende Gisela Egner.

Ein bis zwei Anfragen pro Woche gibt es seit einem halben Jahr bei der Arche Noah, weil Menschen adoptierte Auslandshunde abgeben wollen. „Das ist stark nach oben gegangen“, sagt Elisabeth Bähner aus Bidingen, die sich bei der Arche Noah um die Hunde kümmert. Im Vorjahr hatte der Verein nur vereinzelt mit solchen Hunden zu tun. Hauptgrund für diese Entwicklung ist laut Bähner, dass die Nachfrage nach Hunden durch die Corona-Lockdowns massiv gestiegen sei. Viele Leute sind zuhause oder arbeiten im Homeoffice und sehen jetzt die Zeit gekommen, sich einen Hund anzuschaffen.

Immer wieder aber entpuppen sich Tiere aus ausländischen Tötungsstationen oder Sheltern (einer Art riesiges Tierheim) nicht wie beschrieben oder die Menschen stellen sich die Haltung eines solchen Tieres als zu einfach vor. „Der Hund kommt an und muss funktionieren, wie der Mensch es sich vorstellt“, sagt Kraus. Manchmal mangle es an Aufklärung vonseiten der Tierschutzorganisation, oft aber informierten sich die Leute vorher einfach nicht genug über ihren neuen Schützling. „Das ist verantwortungslos“, kritisiert sie.

Misshandelte Tiere sind oft aggressiv gegenüber Menschen

Hunde, die beim Auslandstierschutz landen, wurden in der Regel ausgesetzt und hatten bereits Kontakt zu Menschen oder kämpfen seit dem Welpenalter auf der Straße um ihr Überleben. In beiden Fällen machten die Tiere vielfach schlechte Erfahrungen mit Menschen und sind deshalb ängstlich oder aggressiv gegenüber den Zweibeinern.

Straßenhund. Jackson, ein Galgo/Schäferhund Mix, mit einem knappen halben Jahr bekommen. Da war er schon sehr groß, wieviel größer er noch wird, das  wussten wir da gar nicht ;-). Aber so groß wie er ist, genauso lieb ist er auch. Er saß als Babyhund in der Pererra, weggeworfen mit seinen  3 Brüdern in den Müll. In der Tötungsstation haben ihn und seine Brüder dann liebe Menschen rausgeholt die für den Tierschutz arbeiten. Ein Glück, denn Jackson ist ein toller Hund. Am Anfang natürlich etwas ängstlich da er ja nicht wusste was ihn hier in Deutschland erwartet, aber er hat ganz schnell Bezug zu uns und unserem Sohn gefunden. Er ist ein sanfter liebenswerter Kerl der seine Menschen und seine 2 Katzen liebt. Andere Hunde sind tolle Spielkameraden mit dene man sich fast immer gut versteht, ein kurzes Schnuppern reicht da meistens. Hunde aus dem Tierschutz kommen fast immer super klar mit anderen Hunden. Das habe ich schon oft erlebt.  Natürlich ist Jackson draußen ein Jäger, aber als wir
Jackson wurde laut seinem Frauchen als Welpe in den Müll geworfen. Als er zu nach Füssen kam, war er anfangs ängstlich, hat sich aber zu einem sanften, liebenswerten Hausgenossen entwickelt, der mit allen Mitbewohnern klarkommt.
Bild: Claudia Obendorf

Auslandshunde sind für erfahrende Hundehalter eine Herausforderung

Bähner trifft immer wieder auf Straßenhunde „mit dem Ausbildungsstand eines acht Wochen alten Welpen“. Sie kennen keine Wohnungen, sind nicht stubenrein oder leinenführig. Sie müssen alles erst lernen, sind aber oft bereits drei, vier Jahre alt, entsprechend kräftig und erfahren. Selbst für langjährige, private Hundehalter seien diese Tiere eine Herausforderung. Sie brauchen lange, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Bähner hat dafür einen gesicherten Auslauf und ein eigenes Hundezimmer. Beides kann sie putzen, wenn die Tiere reinmachen. Dort können sie langsam ankommen. Ein privater Haushalt aber habe so etwas in der Regel nicht, sagt sie. Dort lebt der Hund gleich in der Wohnung und muss an der Leine raus gebracht werden, um sein Geschäft zu machen. Dabei passiert es immer wieder, dass ein Hund aus dem Halsband schlüpft und abhaut, weil die neuen Besitzer nicht darüber aufgeklärt wurden, wie der Hund beim Gassi gehen zu sichern ist.

"Das ist grob fahrlässig"

Dazu kommt, dass die Tiere in vielen Fällen gar nicht auf erfahrene Halter treffen. Ganz schlimm findet Bähner, wenn sich Familien mit kleinen Kindern solche Hunde holen. „Das ist grob fahrlässig“, sagt die Tierschützerin. Verständnislos reagiert sie, weil es Besitzer gäbe, „die wissen nicht mal, dass ihr Hund jedes Jahr geimpft und alle drei Monate entwurmt werden muss. Ein Hund ist schnell angeschafft und es gibt immer mehr, die das tun, obwohl sie keine Ahnung haben“, sagt Bähner.

Gerade in den vergangenen Monaten hörte sie bei Vermittlungsgesprächen oft: Wir wollten schon lange einen Hund und jetzt ist die richtige Zeit, weil wir gerade im Homeoffice und zuhause sind. „Aber was ist danach?“, fragt Bähner. Dann sei das Tier tagsüber allein, habe sich aber schon eingelebt. „Das sind aber acht, neun Stunden, die der Hund täglich allein in der Wohnung ist“, gibt sie zu bedenken. Für sie sind fünf Stunden alleine das Längste, was sie einem ihrer Vierbeiner zumuten würde.

Hunde beißen aus Angst

Wenden sich überforderte Besitzer mit Auslandshunden an die Arche Noah, haben die Tiere vielfach schon zugebissen – oft aus Angst und Überforderung, nicht weil sie böse oder aggressiv wären. „Dann können wir sie aber nicht mehr aufnehmen, weil wir keinen Zwinger haben“, sagt Bähner.

Auch Tierheime freuten sich nicht über solche Hunde, da sie schwer vermittelbar seien. Meistens landen diese Tiere auf privaten Verkaufsplattformen und werden nicht selten zu Wanderpokalen, die keiner lange haben will. Im schlimmsten Fall werden sie irgendwann eingeschläfert.

Happy kommt aus Serbien und hieß ursprünglich Liza.  Wir haben Sie aus einer 2 Zimmerwohnung, 7 Etage mit 2 Wochen altem Baby, 2 jährigem Sohn, 1 Katze, einer total überforderten Frau und dem berufstätigen Ehemann geholt, da das Sozialamt Angst um den Hund hatte. Happy kam nur morgens um 6 Uhr vor dem Haus auf die Wiese um ihr Geschäft zu verrichten und dann zurück in die Wohnung. Der Vorbesitzer vor dieser Familie hat sie laut Aussage der Familie geschlagen und sie haben sie zu sich genommen, weil sie ihnen leid tat. Hatten aber keine Zeit und auch keine Erfahrung. Wir haben Happy sofort in unser Herz geschlossen und sie ohne zu überleben mitgenommen. Happy hat nie auch nur den Ansatz von Aggressivität gezeugt. Sie ist sozial ihren Artgenossen gegenüber und freundlich zu jedem Menschen ( obwohl sie nicht viel gutes erlebt hatte). Im Anhang finden Sie noch ein pasr Fotos von Happy.
Happy stammt aus Serbien, wo sie vom ersten Besitzer geschlagen wurde und der zweite keine Zeit für sie hatte. In Deutschland entfaltete sie laut ihrer Besitzerin ihr sehr soziales Wesen und zeigte noch nie aggressives Verhalten.
Bild: Simone Fischdick

Der richtige Weg zum Auslandshund

Wer einen Hund aus dem Ausland retten will, dem gibt die Arche Noah Tierhilfe einige Tipps:

  • Am besten sollte der Hund bereits auf einem Pflegeplatz in Deutschland sein. Der Ostallgäuer Verein übernimmt auch selbst Auslandshunde, wenn Pflegeplätze in Deutschland vorhanden sind. Er arbeitet dabei zum Beispiel mit ProDog Romania in Rumänien und einer privaten Tierschützerin auf Kreta zusammen.
  • Damit die Adoption gut verläuft, sollte der künftige Besitzer das Tier vorher kennenlernen und mit ihm zum Beispiel Gassi gehen. Die Übergabe sollte am besten im neuen Zuhause erfolgen, verbunden mit einer Platzkontrolle durch den Tierschutz.
  • Hellhörig sollte man werden, wenn ein Hund direkt aus dem Ausland zum neuen Besitzer kommt, die Übergabe auf einem Parkplatz stattfindet und kein Ansprechpartner vorhanden ist.
  • Ist der Hund in seinem neuen Zuhause, sollte er einem Tierarzt vorgestellt werden. Nicht selten haben Auslandshunde Parasiten, wie Giardien im Darm.
  • Zur Eingewöhnung sollte dem Tier reichlich Zeit gegeben und es am Anfang nicht sofort mit vielen neuen Reizen überfordert werden.
  • Kommt der neue Besitzer nicht mit dem Hund zurecht, kann er sich an die Arche Noah wenden. Läuft es richtig, werden bei einer Auslandsadoption aber Ansprechpartner und Pflegestelle vertraglich festgehalten und eine mögliche Rückgabe des Tieres geregelt. (dec)