Lockdown-Verschärfung

Was die Marktoberdorfer eint: Das Hoffen auf baldige Lockerung

Der Lockdown wurde bis zum 31. Januar verlängert und die Regeln verschärft.

Der Lockdown wurde bis zum 31. Januar verlängert und die Regeln verschärft.

Bild: Mohssen Assanimoghaddam, dpa (Symbolbild)

Der Lockdown wurde bis zum 31. Januar verlängert und die Regeln verschärft.

Bild: Mohssen Assanimoghaddam, dpa (Symbolbild)

Die Lockdown-Verlängerung zerrt an den Nerven der Marktoberdorfer: Wirte und Handel erleiden Einbußen und Eltern spielen Ersatzlehrer. Was der Bürgermeister empfiehlt.
08.01.2021 | Stand: 06:52 Uhr

Die erneute Verlängerung und Verschärfung des Lockdowns trifft die Marktoberdorfer hart. Ob Privatpersonen, Eltern, Einzelhändler oder Gastronomen – die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus berühren alle Menschen in ihren verschiedenen Lebenssituationen. Während die einen Umsatzeinbußen beklagen und versuchen, sich mit Online- und Mitnahme-Angeboten über Wasser zu halten, sorgen sich andere um die Schulbildung ihrer Kinder und müssen als Ersatzlehrer agieren.

„Das Schlimme ist, dass niemand weiß, wie lange das noch geht“, sagt Johannes Hirtl, Inhaber des Restaurants „Zum Sailer“ in Marktoberdorf. „Man hängt total in der Luft.“ Zwar biete er weiterhin Essen für außer Haus an, doch das mache maximal 25 Prozent des normalen Umsatzes aus. „Es ist sehr bitter, dass das ganze Weihnachtsgeschäft ausgefallen ist.“ Existenzbedrohend sei die Situation noch nicht, aber „ewig sollte das nicht so weitergehen“. Service- oder Reinigungskräfte befinden sich in Kurzarbeit. Ohne Gäste im Restaurant gebe es nicht genug Arbeit. „Wie jeder wünschen wir uns einfach Normalität“, sagt der Restaurantbetreiber.

Auf staatliche Hilfe angewiesen

Raffael Heisler, Inhaber des Gesundheitszentrums Heisler in Obergünzburg, beklagt ebenfalls große Umsatzeinbußen. Das Zentrum ist Fitnessstudio und Physiotherapiepraxis zugleich. „Das Studio ist geschlossen, wir haben den Einzug der Mitgliedsbeiträge eingestellt.“ Dadurch liege der finanzielle Ausfall im Fitnesszentrum bei 100 Prozent. „Januar und Februar sind wegen der Neujahrsvorsätze für Fitnessstudios die besten Monate.“ Dass der Lockdown in diese Zeit falle, schmerze sehr. Da Physiotherapie zur medizinischen Grundversorgung gehöre, sei die Praxis weiterhin geöffnet.

Weil Therapiezentrum und Fitnessstudio zwei getrennte Unternehmen seien, könne der eine Bereich nicht den Umsatzausfall des anderen ausgleichen. Ohne die staatliche Hilfe wäre es nicht möglich, das Fitnesszentrum aufrecht zu erhalten, sagt Heisler. Als Alternative biete das Studio Online-Kurse auf Facebook an. Sport sei wichtiger denn je, denn ein gesunder und fitter Körper sei widerstandsfähiger. „Deswegen wollen wir allen Motivierten die Möglichkeit geben.“ Natürlich hoffe er auf baldige Lockerungen, doch viel wichtiger sei, dass die Menschen gesund bleiben.

Umsatz schrumpft um 90 Prozent

Auch Modehändler Xaver Martin bedauert die Verlängerung des Lockdowns und hofft, dass sich die Situation möglichst bald entschärft, „wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt“. Trotz seines Lieferdienstes mit telefonischer und Online-Bestellung sowie brandneuen Onlineshops erziele er seit der Zwangsschließung Mitte Dezember „unter zehn Prozent des normalen Umsatzes“, sagt Martin. Er hofft, dass sich die Lage dadurch verbessert, dass ab Montag „Click und Collect“, also Warenabholung durch die Kunden im Geschäft, erlaubt ist. Als Vater ist Martin froh, dass seine schon jugendlichen Kinder zu Hause nicht mehr beaufsichtigt werden müssen, zumal seine Frau und er trotz der Ladenschließungen gerade mehr als Vollzeit arbeiten: „Wir müssen den Lieferdienst organisieren, die Kurzarbeit organisieren, den neuen Onlineshop managen und Inventur machen.“

Schlechte digitale Unterrichtsqualität in Bayern

Seine Kinder halten intensiv online den Kontakt mit ihren Freunden, erzählt Martin. „Die stecken die Situation recht gut weg.“ Sie genössen es, relativ wenig Unterricht und viel Freizeit zu haben. „Die Kehrseite ist, dass das Schulische leidet.“ Es wäre ihm zufolge wünschenswert, wenn sie da mehr eingespannt wären. Andererseits seien viele Kinder und Jugendlichen überfordert damit, sich bei der Schularbeit selbst zu organisieren. Die Bitte des bayerischen Kultusministers Michael Piazolo, die Online-Lernplattform Mebis nicht zu sehr zu beanspruchen, hält Martin für einen Offenbarungseid: „Daran sieht man doch, wie schlecht die digitale Unterrichtsqualität in Bayern ist.“

"Die strengen Regeln für Grundschüler sind nicht in Ordnung"

Auch Katharina Waldvogel aus Sulzschneid hat zwei schulpflichtige Kinder, die im Moment Unterricht auf Distanz haben. Ihre 13-jährige Tochter Hanna Lena erledige ihre Aufgaben sehr selbstständig. Über ihr Handy helfen sich Freunde und Mitschüler. Ihren siebenjährigen Sohn Moritz müsse sie jedoch unterstützen. „Bei Erstklässlern ist es gar nicht gut, wenn sie so lange zu Hause sind.“ Die Kinder müssen erst einmal das Lernen lernen und in den Schulalltag hineinfinden, sagt Waldvogel. „So weiß er ja gar nicht, wie ein normaler Schultag aussieht.“ Daher finde sie die strengen Regeln für Grundschüler nicht Ordnung.

Stadtrat muss handlungsfähig bleiben

Trotz eingeschränkter Kontakte und Ausgangsbegrenzungen will Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell das Rathaus so lange es geht geöffnet haben. „Es ist uns wichtig, dass der Bürger mit seinen notwendigen Anliegen zu uns kommen kann – selbstverständlich unter konsequentem Tragen von Masken, Einhalten von Abstand und Händedesinfektion.“ Strenge Hygienemaßnahmen gelten nach wie vor für die Mitarbeiter: gemeinsame Dienstfahrten vermeiden, persönliche Besprechungen auf ein Minimum reduzieren. „Ich mache meine Besprechungen gern bei offenem Fenster, dann ziehe ich einen Pullover an.“ Die Arbeit des Stadtrats sei durch die verschärften Bestimmungen dank des getroffenen Infektionsschutzes nicht betroffen: „Es ist keinem damit gedient, wenn sich der Stadtrat handlungsunfähig macht.“

Bürgermeister Hell hofft auf die Impfung

Hell setzt seine Hoffnung auf die Impfung. Danach werde er als Bürgermeister weniger gefragt, privat als Mediziner öfter. „Leider haben wir vergessen, dass die westliche Welt einen wesentlichen Teil ihrer hohen Lebenserwartung den seit vielen Jahrzehnten bestehenden Schutzimpfungen gegen verschiedenste Erkrankungen verdankt.“ Und weiter: „Unsere einzige Chance, viel menschliches Leid und auch Schäden an unserer Wirtschaft weltweit vermeiden, liegt in der Impfung des Großteils der Bevölkerung. Wenn ich an der Reihe bin, werde ich mich impfen lassen.“ Und falls in einem Impfzentrum ein personeller Engpass bestehen sollte, habe er bereits seine Mitarbeit angeboten.