Straßen-Serie

Wo Marktoberdorf den Wandel vom blauen zum grünen Allgäu zeigt

Ob Egatweg, Feld- oder Wiesenstraße: Das Gebiet östlich der Kaufbeurener Straße erzählt etwas über die Geschichte der Landwirtschaft.

Ob Egatweg, Feld- oder Wiesenstraße: Das Gebiet östlich der Kaufbeurener Straße erzählt etwas über die Geschichte der Landwirtschaft.

Bild: Heinz Budjarek

Ob Egatweg, Feld- oder Wiesenstraße: Das Gebiet östlich der Kaufbeurener Straße erzählt etwas über die Geschichte der Landwirtschaft.

Bild: Heinz Budjarek

Im Gebiet östlich der Kaufbeurener Straße wird die bäuerliche Vergangenheit der Stadt Marktoberdorf lebendig. Was die "Egartenwirtschaft" damit zu tun hat.
13.11.2020 | Stand: 06:00 Uhr

Marktoberdorfer Straßennamen erzählen Ortsgeschichte: Eine ganze Reihe bedeutender Persönlichkeiten stecken dahinter. Aber auch Flurnamen sind oft die Namensgeber gewesen. Es ist schon über 30 Jahre her, als Anne Lutz diese Geschichten zusammengetragen hat. Sie erscheinen nun in unserer Serie teils in aktualisierter Form. Heute: „Am Alsterberg“, „Feldstraße und „Egatweg“.

Ein Bezug zur diebischen Elster

Wenn wir in Marktoberdorf östlich der Kaufbeurer Straße durch die beschaulichen Wohnstraßen schlendern, geraten wir über die Straßenschilder mitten hinein in die Geschichte unserer Landwirtschaft. „Am Alsterberg“ allerdings hat damit nichts zu tun; diese Straße hält nur den Flurnamen fest, den die Forschung aus „Elsterberg“ entstanden wähnt. Vielleicht war der Berg in grauer Vorzeit bei diebischen Elstern (althochdeutsch „agalstar“) besonders beliebt, weil sie von seiner Kuppe gut überblicken konnten, wo es in Oberdorf etwas zu holen gab.

Die „Feldstraße“ dagegen ruft uns ins Gedächtnis, dass bei uns einst Ackerbau betrieben wurde, dass also unser „grünes Allgäu“ noch gar nicht so lange das grüne Paradies für melkbare Kühe und Touristen ist. Nach dieser Erkenntnis packt uns im „Egatweg“ die blanke Neugier auf unsere bäuerliche Vergangenheit.

Der vergangenen Landwirtschaft auf der Spur

Der Name erklärt sich dem Laien nicht bereitwillig. Unser Forscherdrang fördert zutage, dass im Althochdeutschen „egerda“ Brachland bedeutete und „ergan“ pflügen. Die Wortstämme schliffen sich in der mündlichen Überlieferung ab zu „Egart, Ergat oder Egert“. Als nun unsere Stadtväter das traditionsreiche Wort vor etwa 30 Jahren an eine Straße binden wollten und sich vermutlich nicht zwischen „Ergat“ und Egart“ entscheiden konnten, ließen sie kompromissbereit den strittigen Buchstaben unter den Tisch fallen und schufen den „Egatweg“.

Der Name regt uns an, vergangenen landwirtschaftlichen Systemen nachzuspüren. Das erste, auf das wir stoßen, war die wilde Feldgraswirtschaft, die unsere Vorfahren zur Zeit der Besiedelung betrieben. Gab ein Acker keinen Ertrag mehr, wurde der nächste aufgebrochen und bestellt. Als dann im frühen Mittelalter kein freies Land mehr verfügbar war, ging man zur Dreifelderwirtschaft über.

Was man unter der Dreifelderwirtschaft versteht

Alles Ackerland, das unter den Pflug kam, war von der Marktgemeinde in drei Felder eingeteilt, das „untere Feld“ im Norden, das „hintere“ oder „obere“ im Südosten und das „Weitfeld“ im Westen des Marktes, zur Wertach hin. Die drei Felder wurden im jährlichen Wechsel bestellt, das eine mit Wintergetreide, da andere mit Sommergetreide, das dritte blieb jeweils als „Brachfeld“ lieben, um dem Boden Ruhe zu gönnen – das Düngen war ja bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts unbekannt.

Das Brachfeld wurde als Viehweide genutzt. Später baute man Rotklee, Wicken und Erbsen in der Brache an, auch Hackfrüchte und bevorzugt Flachs, dessen Blüte dem Voralpenland bis zum Beginn der Grünlandwirtschaft den Beinamen „blaues Allgäu“ eintrug.

Wo kein Flurzwang bestand

Die Bauern hatten sich innerhalb der Dreifelderwirtschaft an die jeweilige Fruchtfolge zu halten, unterlagen also einem „Flurzwang“. Nicht gebunden an das gemeinschaftliche Ackersystem, also frei vom Flurzwang waren die „Egarten“ – damit sind wir bei unserem Straßennamen. Diese „Ackerwiesen“ wurden zwei bis vier Jahre als Acker genutzt, etwa für den wechselnden Anbau von Hafer und Gerste, und danach acht bis zehn Jahre als Weideland.

In der Oberdorfer Marktgemeinde funktionierte die Dreifelderwirtschaft unangefochten bis etwa 1770. Jeder hatte mehr als genug Arbeit auf dem kargen Acker oder mit dem Viehtrieb, daneben mit seinem bäuerlichen Handwerk und auch mit der Flachsverarbeitung zu Garn für die Leinweber – übrigens nahezu die einzige Arbeit, die Bargeld in die bäuerliche Haushaltskasse brachte. An den Sorgen trugen alle gleich. Frosteinbrüche im Herbst oder Frühjahr, Trockenheit oder Hagelschauer, Mäusefraß, Insektenplagen und Kriegszüge sorgten immer wieder für Missernten. Schmalhans war bei unseren Vorfahren oft genug Küchenmeister.

Ab 1773 Unruhe im "Oberdorfer Bauernvolk"

Ab 1773 kam Unruhe ins Oberdorfer Bauernvolk. Viele wollten das Schwergewicht ihrer Arbeit auf die Viehhaltung legen, gaben der Egartenwirtschaft mit dem Wechsel von Feld- und Grasbau den Vorzug vor der Dreifelderwirtschaft mit ihrem Flurzwang und durchbrachen die jahrhundertealten Anbaugesetze. Der Kampf zwischen den beiden Wirtschaftssystemen dauerte 30 Jahre. Dann war er zugunsten der Egartenwirtschaft, zugunsten des Weidelandes und vermehrter Viehhaltung entschieden.

Damit begann ein langwieriger Prozess der Entwicklung, an deren Ende unsere moderne Grünlandwirtschaft steht. Die Egartenwirtschaft war der Übergang vom „blauen“ zum „grünen“ Allgäu.