Kempten

Maskenlos durch die Stadt: 1.000 "Querdenker" demonstrieren in Kempten

Am Samstag demonstrierten in Kempten laut Polizei rund 1000 Menschen, die der "Querdenker"-Szene nahestehen, gegen die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Ein Protokoll des Tages.

Am Samstag demonstrierten in Kempten laut Polizei rund 1000 Menschen, die der "Querdenker"-Szene nahestehen, gegen die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Ein Protokoll des Tages.

Bild: Ralf Lienert

Am Samstag demonstrierten in Kempten laut Polizei rund 1000 Menschen, die der "Querdenker"-Szene nahestehen, gegen die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Ein Protokoll des Tages.

Bild: Ralf Lienert

In Kempten haben am Samstag rund 1.000 Menschen trotz Verbots gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. Es gab hunderte Anzeigen. Ein Protokoll des Tages.
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Von Allgäuer Zeitung
18.04.2021 | Stand: 11:53 Uhr

Trotz eines Verbots durch die Stadt Kempten und mehrerer Gerichte haben am Samstag laut Polizei rund 1.000 Menschen in verschiedenen Bereichen der Innenstadt gegen die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie demonstriert. Viele der sogenannten "Querdenker" verstießen dabei gegen Maskenpflicht und Abstandsregeln - allein 300 Menschen wurden am Samstag wegen Verstößen gegen die Maskenpflicht angezeigt.

Ein Großaufgebot der Polizei war vor Ort und löste einen - ebenfalls zuvor verbotenen - Demonstrationszug durch die Stadt nach einiger Zeit auf. Vier Menschen wurden vorläufig in Gewahrsam genommen, 230 Platzverweise ausgesprochen. 180 Menschen müssen sich nun wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht verantworten.

Ein Protokoll des Tages, aufgezeichnet von unseren Reporterinnen und Reportern vor Ort.

Samstag, 8 Uhr: Acht Stunden ist es jetzt her, dass der bayerische Verwaltungsgerichtshof seine Entscheidung getroffen hat. Die sogenannten "Querdenker" dürfen in Kempten nicht demonstrieren. Sowohl die angekündigte Kundgebung mit 8.000 Teilnehmern, als auch ein Demonstrationszug mit 2.000 Teilnehmern bleiben verboten. Der Grund: Der Infektionsschutz zur Eindämmung der Corona-Pandemie könne nicht gewährleistet werden. "Wir kommen trotzdem", heißt es daraufhin in den "Querdenker"-Gruppen im Kurznachrichtendienst "Telegram". Man könne ja in Kempten "spazieren gehen".

8.30 Uhr: Der große Parkplatz am Polizeipräsidium in Kempten ist voller Polizeibusse. Beamtinnen und Beamte der Bereitschaftspolizei, alle mit Mund-Nasen-Schutz, stehen in kleinen Gruppen zusammen, reden miteinander. Mehrere Hundertschaften hat das Präsidium nach Kempten angefordert. Man habe im Vorfeld kaum abschätzen können, wie sich die Lage letztlich entwickelt, heißt es.

Bilderstrecke

Polizei bereitet sich auf verbotene "Querdenker"-Demo in Kempten vor

9.30 Uhr: Das Bündnis "Kempten gegen rechts" kündigt in den sozialen Netzwerken für 11 Uhr eine Kundgebung gegen die "Querdenker" an. Auch diese wird allerdings wenig später von der Stadt verboten.

11 Uhr: An allen größeren Plätzen in der Innenstadt beziehen die Beamten jetzt Position. Am Rathaus, am Hildegardplatz, am Bahnhof, in der Rottachstraße parken dutzende Polizeibusse. Bereitschaftspolizisten in schwarzen Uniformen streifen durch die Straßen, sperren einzelne Bereiche.

11.50 Uhr: Am Kreisverkehr neben dem "Kaufhof" treffen sich kleinere Gruppen von Menschen. Einige von ihnen tragen auffällig bunte Kleidung und gelbe Buttons mit dem Schriftzug "Umarmbar". Polizeibeamte kontrollieren Ausweise, darunter von einem Mann, der mit einer Deutschlandfahne Richtung Fußgängerzone will.

12.10 Uhr: An der Lorenzkirche diskutieren Polizisten mit einem "Querdenker", der sich weigert, eine Schutzmaske aufzusetzen. Nach einem Wortgefecht wird er von Beamten in Gewahrsam genommen. Rund um die Innenstadt bilden sich jetzt an mehreren Orten kleine Gruppen von Gegnern der Corona-Maßnahmen.

12.30 Uhr: Die Gruppen laufen Richtung Hildegardplatz, wo gerade der Wochenmarkt läuft und viele Menschen einkaufen. Polizeibeamte patrouillieren hier, kontrollieren immer wieder Menschen. An der Lorenzkirche wird ein Mann festgenommen. "Wir wollten doch nur hier einkaufen", wendet sich seine Begleiterin an zwei Journalisten, die hier Filmaufnahmen machen. Als sie dann weiter auf die Beamten einredet, die den Mann durchsuchen, wird auch sie von zwei Polizisten festgenommen und abgeführt.

13.10 Uhr: Immer mehr sogenannte "Querdenker" mischen sich jetzt unter die Einkaufenden am Hildegardplatz, stehen in Gruppen zusammen. Die Polizei reagiert. Über einen Lautsprecherwagen wird verkündet: Hildegardplatz und Residenzplatz werden geräumt, um das Demonstrationsverbot durchzusetzen. Beamte erteilen Platzverweise und sperren die Straßen ab.

Aktivisten von "Kempten gegen rechts" stellten sich mit Sprechchören gegen die "Querdenker".
Aktivisten von "Kempten gegen rechts" stellten sich mit Sprechchören gegen die "Querdenker".
Bild: Ralf Lienert

13.30 Uhr: Jetzt räumen Bereitschaftspolizisten die beiden Plätze. An den Absperrungen reden einzelne "Querdenker" aggressiv auf die Beamten ein - auch, weil diese konsequent kleinere Spruchbänder und Plakate verbieten.

13.50 Uhr: Rund 40 "Kempten gegen rechts"-Aktivisten versammeln sich vor dem Modehaus "Reischmann". Es kommt zu Wortgefechten zwischen ihnen und "Querdenkern", die nun Richtung Fußgängerzone ausweichen. Am "Kaufhof" rufen Corona-Demonstranten "Friede, Freiheit, keine Diktatur". Einige von ihnen haben Kuhglocken dabei, andere beschriebene Pappkartons. "Kinderlachen statt Maskenfolter", heißt es auf einem.

14.25 Uhr: Die Polizei ordnet die Versammlung am Karstadt als verbotene Demonstration ein, weil die Menschen trotz Aufforderung nicht gehen wollen. Bei dutzenden von ihnen werden die Personalien aufgenommen. Insgesamt wird die Polizei an diesem Tag in Kempten 180 Verstöße gegen das Versammlungsverbot zur Anzeige bringen.

14.30 Uhr: Die einzelnen Gruppen von "Querdenkern" formieren sich nun doch zu einem - eigentlich gerichtlich verbotenen - Demonstrationszug durch die Fußgängerzone Richtung Forum. Geschätzt 200 bis 300 Menschen sind es, viele von ihnen ziehen sich nun die Masken vom Gesicht herunter. Am Forum werden sie von "Kempten gegen rechts"-Aktivisten mit Sprechchören "Nazis raus" empfangen. Polizeibeamte sind nicht zu sehen - nur über dem Zug schwebt dröhnend ein Polizeihubschrauber.

15.10 Uhr: Während am Karstadt weitere "Querdenker" von Polizeibeamten abgeführt werden, treffen in der Fischerstraße "Querdenker"-Zug und Gegendemonstranten aufeinander. Polizisten kommen angelaufen, trennen die beiden Gruppen. Die Stimmung ist aufgeladen, Beleidigungen fallen.

So ziemlich jeder in der Straße hat jetzt auch sein Smartphone in der Hand: "Querdenker" filmen die linken Gegendemonstranten, diese wiederum die "Querdenker", Journalisten filmen beide Gruppen, diese wiederum die Journalisten. Auch Schaulustige zücken ihre Smartphones, um das Spektakel festzuhalten. Der Beweissicherungstrupp der Bereitschaftspolizei filmt ebenfalls mit - mit größeren Kameras allerdings.

Mehrfach werden Polizeibeamte jetzt auch von Demonstranten ohne Maske verbal angegangen und provoziert. Eine junge Frau versucht, eine Absperrung zu durchbrechen und rennt gegen einen Beamten an - gefilmt von einer Begleiterin. Der Beamte bleibt stoisch stehen.

Die Polizei nahm einige Demo-Teilnehmer in Gewahrsam.
Die Polizei nahm einige Demo-Teilnehmer in Gewahrsam.
Bild: Benjamin Liss

15.20 Uhr: In der Kemptener City ist es jetzt schwierig, von A nach B zu kommen. Rund um die Fußgängerzone hat die Polizei Straßen und Wege abgesperrt, Beamte lassen bis auf Anwohner niemanden mehr durch.

15.35 Uhr: Ein Lautsprecherwagen der Polizei rollt langsam in die mit Menschen - Demonstranten, Einkaufende, Schaulustige - dicht gefüllte Fischerstraße ein. "Verlassen Sie jetzt die Fischerstraße Richtung Bahnhof", dröhnt es aus dem Lautsprecher. Wenig später beginnen Beamte in kleinen Gruppen mit der Räumung der Straße.

16.10 Uhr: Die Fußgängerzone ist praktisch leer. Insgesamt wird es jetzt schnell leerer in der Innenstadt. An der Rottachstraße fahren etliche Autos aus den Parkplätzen. Die meisten haben Kennzeichen aus der Region, auch einzelne Baden-Württemberger sind dabei.

17 Uhr: Die ersten Bereitschaftspolizistinnen und -Polizisten werden aus der Innenstadt abgezogen. Im Polizeipräsidium beginnt die Einsatzleitung jetzt, Bilanz zu ziehen. Vier Menschen, durchwegs aus dem Lager der sogenanten "Querdenker", wurden vorläufig in Gewahrsam genommen, sind inzwischen aber wieder auf freiem Fuß. Verletzt wurde laut Polizei aber niemand.

Der Einsatz sei insgesamt gut gelaufen, sagt Polizeisprecher Dominic Geißler. Man habe von Anfang an klar gesagt, dass man die Infektionsschutzmaßnahmen in Kempten durchsetzen werde. Das sei geschehen. "Wir haben bei Verstößen gegen die Maskenpflicht konsequent durchgegriffen, die Personalien aufgenommen, und werden diese Verstöße jetzt zur Anzeige bringen", sagt er. Insgesamt hätten sich am Samstag im Bereich der Stadt Kempten "rund 1.000 Menschen aufgehalten, die wir der "Querdenker"-Szene zurechnen", so Geißler. Gegen 300 von ihnen seien Bußgeldverfahren wegen Verstößen gegen die Maskenpflicht eingeleitet worden.

In Kempten liegt die Sieben-Tage-Inzidenz am Samstag laut RKI bei 283,4.

Vom Tag in Kempten berichten Matthias Becker (Fotos), Sascha Borowski, Daniel Halder, Simone Härtle, Uli Hagemeier, Aimée Jajes, Lena Lingg, Ralf Lienert (Fotos), Stephan Michalik, Markus Raffler, und Tobias Schuhwerk.

Bilderstrecke

So lief die verbotene "Querdenken"-Demonstration in Kempten ab