Berufswahl

Aktion Wanted Handwerk in Memmingen: Wenn der Beruf zu den Schülern kommt

mm wanted handwerk

Schülerinnen und Schüler an den Mittelschulen in Memmingen und dem Unterallgäu dürfen in verschiedene Handwerksberufe schnuppern und sich beispielsweise als Friseur probieren.

Bild: Fotos: Osterried

Schülerinnen und Schüler an den Mittelschulen in Memmingen und dem Unterallgäu dürfen in verschiedene Handwerksberufe schnuppern und sich beispielsweise als Friseur probieren.

Bild: Fotos: Osterried

Die Kreishandwerkerschaft Memmingen/Mindelheim will mit der Aktion „Wanted Handwerk on Tour“ Schülerinnen und Schüler der Mittelschulen für praktische Berufe begeistern. Was geboten ist
14.10.2021 | Stand: 19:00 Uhr

Der Blick in die Klassenzimmer der Lindenschule in Memmingen überrascht: Anstatt Unterricht ist für die achten und neunten Klassen der Lindenschule und der Mittelschule Memmingerberg heute arbeiten angesagt. Überall wird herumgeschraubt, hantiert, aber auch erklärt. In verschiedenen Klassenzimmern geben Mitarbeiter von Unterallgäuer oder Memminger Handwerksbetrieben Einblick in ihre Arbeitsabläufe. Dass die Schülerinnen und Schüler nun selbst am Basteln und Ausprobieren sind, liegt an der Aktion „Wanted Handwerk“.

Schülerinnen und Schüler können zwischen verschiedenen Lehrberufen wählen

„Bei großen Lehrstellenbörsen hatten wir immer das Gefühl, das Handwerk kann sich nicht so präsentieren, wie wir das wollten“, sagt Gottfried Voigt, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Memmingen/Mindelheim. Daher die Idee, Schülerinnen und Schüler der Mittelschulen Einblicke in die Berufspraxis zu verschaffen: „Wanted Handwerk“ war geboren. Die Jugendlichen können im Vorfeld drei Berufe wählen, in die sie hineinschnuppern wollen und wo sie gerne mal selbst Hand anlegen möchten. Von der Lebensmittelfachverkäuferin, über Bäcker bis zur Schreinerin und Anlagentechniker sind viele Gewerke mit Unterallgäuer und Memminger Firmen vertreten.

In den vergangenen Jahren habe ein Unternehmen, beispielsweise die Firma Zettler, seine Werkhallen zur Verfügung gestellt, erklärt der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Memmingen/Mindelheim. Dort waren dann alle teilnehmenden Firmen mit ihren jeweiligen Lehrberufen vertreten. Die jungen Interessenten konnten sich ausprobieren und auch schon Kontakte knüpfen.

"Ein Bewerbungsgespräch mit den Händen"

Denn selbst Hand anlegen ist laut Voigt sehr wichtig, damit die Jugendlichen einen richtigen Eindruck von der Arbeit bekommen. „Auch die Innungsbetriebe können sich die Schülerinnen und Schüler ansehen und potenzielle Kandidaten für Lehrstellen ansprechen – eine Win-Win-Situation quasi und ein Bewerbungsgespräch mit den Händen.“

Seit acht Jahren wird diese Veranstaltung von der Kreishandwerkerschaft Memmingen/Mindelheim organisiert. Auch die Organisation „Praxis bildet“, die Mittelschüler bei der praktischen Berufsorientierung unterstützt, ist bei der Planung und der Umsetzung dabei. Finanziell gestützt wird die Initiative vom Bundesamt für Arbeit.

Aufgrund der Pandemie musste die Veranstaltung anders organisiert werden

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Dieses Jahr allerdings gestalte es sich aufgrund der Corona-Pandemie und den Hygienekonzepten schwierig, in die Unternehmen zu gehen, bedauert Voigt. „Normalerweise kommen die Schüler zum Handwerk, dieses Mal kommt das Handwerk zu den Schülern“, sagt er. Daher auch der Titel „Wanted Handwerk on Tour“: Das Handwerk geht also auf Prestige-Tournee beim potentiellen Nachwuchs.

Auf dem Pausenhof kann man als Mauer anpacken.
Auf dem Pausenhof kann man als Mauer anpacken.
Bild: Theresa Osterried

Den hat es leider bitter nötig, sagt Voigt. Es sei seit Jahren zunehmend schwieriger, genügend Auszubildende zu finden. Allein in der Stadt Memmingen gab es einen Azubi-Rückgang von acht Prozent: Laut den vorläufigen Zahlen der Handwerkskammer Schwaben vom ersten September waren es 2019 noch 121 Auszubildende, 2020 dann nur noch 113 und 2021 begannen 111 Personen ihre Lehre.

Wanted Handwerk hilft Auszubildende zu finden

Doch ob die Aktion Wanted Handwerk auch gegen diesen Abwärtstrend hilft? Davon sind die Veranstalter überzeugt. „2020 musste die Veranstaltung wegen Corona ausfallen. In diesem Jahr haben wir einen massiven Rückgang der Bewerber erlebt“, sagt Ute Esfeld, eine Organisatorin der Aktion und zweite Vorsitzende bei „Praxis bildet“. „Für uns war das eine indirekte, traurige Bestätigung: Der Effekt der Maßnahme ist durchaus in den Betrieben spürbar.“ Auch Friseur und Oberinnungsmeister Enrico Karrer vom Memminger Salon „E&R Phase 1“ ist überzeugt von der Wirkung: Seit fünf Jahren macht er bei der Aktion Wanted Handwerk mit. Er nimmt eine auszubildende Person pro Jahr an und zwei seiner Azubis hat er bereits über Wanted Handwerk gefunden.

Die Aktion ist überall im Unterallgäu und in Memmingen an den Mittelschulen vertreten

An elf Mittelschulen im Unterallgäu und Memmingen findet die Veranstaltung statt. 580 Schülerinnen und Schüler der achten und neunten Klassen nehmen daran teil. Im gesamten Allgäu sind es 22 Schulen mit 1032 Jugendlichen. „Wenn wir es schaffen, dass danach 30 Prozent der jungen Leute in einer Klasse einen handwerklichen Beruf ergreifen, dann haben wir unser Ziel erreicht“, sagt Esfeld.

Einen Traktor zusammenbasteln: Das dürfen die Jugendlichen als Metallbauer.
Einen Traktor zusammenbasteln: Das dürfen die Jugendlichen als Metallbauer.
Bild: Theresa Osterried

Bei den Metallbauern arbeitet ein 13-Jähriger mit braunen Haaren gerade konzentriert daran, metallene Einzelteile zu einem kleinen Traktor zusammenzusetzen. „Die Arbeit mit Metall interessiert mich“, sagt er. Eine Zukunft als Metallbauer? „Könnte ich mir schon vorstellen.“

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