Gericht

Trotz großer Schnittwunde keine Anzeige - Dennoch wird Frau verurteilt

Am Amtsgericht Memmingen wurde eine Frau verurteilt, weil sie ihren ehemaligen Freund schwer verletzt haben soll.

Am Amtsgericht Memmingen wurde eine Frau verurteilt, weil sie ihren ehemaligen Freund schwer verletzt haben soll.

Bild: Andreas Berger (Archivbild)

Am Amtsgericht Memmingen wurde eine Frau verurteilt, weil sie ihren ehemaligen Freund schwer verletzt haben soll.

Bild: Andreas Berger (Archivbild)

Eine Frau soll ihren Freund in einer Ottobeurer Obdachloseneinrichtung schwer verletzt haben. Der will damit aber nichts mehr zu tun haben.
02.07.2022 | Stand: 12:00 Uhr

Eine Strafanzeige wurde zwar nicht erstattet. Und der Verletzte hat keinerlei Interesse an der Strafverfolgung. Trotzdem muss sich eine 41-jährige Frau wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Memminger Amtsgericht verantworten.

Der Prozess beginnt mit einer knappen Stunde Verzögerung. Das Gericht hatte versäumt, Pflichtverteidiger Peter Schreiner von dem Termin in Kenntnis zu setzen. Nach seinem Eintreffen trägt Staatsanwältin Patricia Chasklowicz die Anklage vor. Nach einem Trinkgelage – möglicherweise waren auch Drogen oder Medikamente im Spiel – kommt es im Dezember 2019 in einer Obdachlosenunterkunft in Ottobeuren zu einem Streit zwischen der Angeklagten und ihrem damals 35 Jahre alten Freund. Der Mann schubst die Frau zu Boden. Sie steht wieder auf und fügt ihm eine mindestens zwölf Zentimenter lange Schnittwunde am Hals zu. Beide werden anschließend im Krankenhaus be-handelt. Auch die Frau ist an der Hand verletzt. Da niemand Anzeige erstattet, wird der Fall nicht weiter verfolgt.

Freundin sei sehr impulsiv

Rund eineinhalb Jahre später, im Mai 2021, wird gegen den Freund der Frau verhandelt, weil er sie beleidigt haben soll. Dabei berichtet der Mann dem Gericht, seine Freundin sei „sehr impulsiv“. Sie habe ihn sogar einmal „in den Hals gestochen“, die Halsschlagader nur knapp verfehlt. Er sei dem Tode entronnen und habe danach seinen „zweiten Geburtstag“ gefeiert. Ein Rechtsreferendar fertigt über die Aussage des Mannes einen sogenannten „Sitzungsvermerk“ an und leitet ihn an die Staatsanwaltschaft weiter. Also wird die Behörde jetzt von Amts wegen tätig und beauftragt die Polizei mit Ermittlungen wegen ge-fährlicher Körperverletzung.

Er habe den Mann erfolglos vor-geladen und auch aufgesucht, berichtet der ermittelnde Kriminalbeamte vor Gericht. Dabei habe er ihm nicht einmal die Tür geöffnet, sondern von einem Fenster seiner Wohnung aus mitgeteilt, dass er zur Tatzeit betrunken gewesen sei, sich an nichts mehr erinnern könne und mit der Sache nichts mehr zu tun haben wolle.

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Scherbe in der Hand gesteckt

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Die Angeklagte sagt aus, es sei überhaupt kein Messer im Spiel gewesen. Vielmehr seien bei der Auseinandersetzung einige Teller zu Bruch gegangen. Sie sei hingefallen und mit der Hand in eine Scherbe gestürzt. Die sei regelrecht in ihrer Hand gesteckt und habe ihr eine stark blutende Wunde zugefügt. Dann sei ihr Freund wieder auf sie zugegangen. Vielleicht habe er ihr tatsächlich nur helfen wollen, sagt sie achselzuckend. Aber damals habe sie sich bedroht gefühlt, sei aufgestanden und habe ihn mit der Scherbe am Hals verletzt. War es also Notwehr?

Potenziell lebensgefährlich

Die Staatsanwältin, Richterin Patrizia Rabe und nicht einmal der Verteidiger glauben daran, dass sich die Frau in einer Notwehrsituation befand. Also gilt es, ein gerechtes Urteil zu finden. Der Arzt, der in der Notaufnahme die Schnittwunde am Hals des Mannes versorgte, erinnert sich: Es sei eine eher oberflächliche Verletzung gewesen. Gefäße oder Nerven seien nicht verletzt gewesen. Die Wunde habe nicht sehr stark geblutet. Ein rechtsmedizinisches Gutachten aber kommt zu dem Schluss, die Verletzung sei potenziell lebensgefährlich gewesen.

Die mehrfach vorbestrafte Angeklagte versichert, sie habe inzwischen eine Arbeitsstelle, konsumiere keine Drogen mehr und Alkohol auch nur noch gelegentlich. Richterin Patrizia Rabe verurteilt die Angeklagte zu einem Jahr Freiheitsstrafe. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Der Angeklagten wird unter anderem auferlegt, 80 Sozialstunden abzuleisten.

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