Obdachloseneinrichtung

Brennpunkt Erlenweg: "Die Unterkunft muss zuerst von innen heilen"

erlenweg memmingen

Ein Brennpunkt in Memmingen: Die Obdachlosenunterkunft am Erlenweg ist heruntergekommen. Derzeit wohnen 50 Menschen dort.

Bild: Andreas Berger

Ein Brennpunkt in Memmingen: Die Obdachlosenunterkunft am Erlenweg ist heruntergekommen. Derzeit wohnen 50 Menschen dort.

Bild: Andreas Berger

Immer mehr jüngere Menschen müssen in der Obdachlosenunterkunft am Memminger Erlenweg untergebracht werden. Ist die Situation dort wirklich hoffnungslos?
30.05.2021 | Stand: 07:00 Uhr

Der jüngste Todesfall in der Obdachlosenunterkunft am Memminger Erlenweg ist knapp drei Wochen her. Ein 52-jähriger Bewohner stirbt an einer Überdosis Drogen. Sein Fall scheint wie ein Symbol für die Hoffnungslosigkeit, die in dieser Einrichtung herrscht. Doch ist die Lage am Erlenweg tatsächlich hoffnungslos? Was hat sich dort getan in den vergangenen Monaten? Gibt es Pläne, die Situation in diesem Brennpunkt zu verbessern? Wir haben mit verschiedenen Institutionen gesprochen, die mit der Obdachlosenunterkunft zu tun haben.

  • Wie ist die Situation in der Einrichtung? Derzeit leben 50 Menschen dort, Platz ist für 70. Ein Trend der vergangenen Jahre setze sich weiter fort: Vermehrt würden jüngere Menschen obdachlos und müssten dort untergebracht werden, sagt Manfred Traut, Leiter des Liegenschaftsamts der Stadt Memmingen. Das Amt ist für die Einrichtung am Erlenweg zuständig. Diese jungen Menschen hätten oft ein starkes Drogenproblem. „Die Aufenthaltszeiten werden kürzer, die Fluktuation ist dementsprechend häufiger. Diese Klientel verursacht hohe Schäden durch Vandalismus oder andere Straftaten wie Schlägereien und Einbrüche“, sagt Traut.
  • Warum sind immer mehr junge Leute in Memmingen betroffen? Es mangele in der Stadt an bezahlbaren Wohnungen, sagt Conrad Reinker vom Verein Notausgang – Hilfe für Menschen in Not, der in der Unterkunft ein Café betreibt. Irgendwann wollen oder müssen junge Leute ihr Elternhaus verlassen, bekommen aber keine Wohnung. Die Stadt verweise sie dann in die Obdachlosenunterkunft. Viele, die zuvor noch keine Drogenprobleme hatten, gerieten dann in der Einrichtung auf die schiefe Bahn, sagt Reinker, der sich seit 25 Jahren in der Unterkunft engagiert. Eine Lösung wäre aus seiner Sicht, die Bewohner auf zwei Häuser aufzuteilen: eines für Bewohner mit Drogenproblemen, eines für die anderen. So würden Letztere nicht in der Intensität mit Drogen konfrontiert wie jetzt.
  • Sind alle Bewohner kriminell? Nein. Einen Satz von Manfred Traut, Liegenschaftsamt, bestätigen alle, mit denen wir über die Einrichtung gesprochen haben: „Die Mehrheit der dort lebenden Personen ist ansonsten nicht oder nur milieubedingt auffällig.“ Es sei eine Minderheit, die randaliere, zerstöre, verletze. Und auch von denen seien nicht alle kriminell, sagt Conrad Reinker, sondern polizeilich auffällig. Das Wort kriminell klinge nach geplanten Taten. Was aber im Erlenweg geschehe, passiere meist im Drogenrausch, aus einer Situation heraus.
  • Wie soll die Situation dort verbessert werden? Ein Sicherheitsdienst ist zweimal pro Woche in der Unterkunft, „zu unterschiedlichen Zeiten und Tagen ab den Abendstunden (...) Es sind keine festen Zeiten, damit sich die Bewohner nicht daran orientieren können“, sagt Manfred Traut. „Die Anwesenheit des Sicherheitsdienstes zeigt bereits erste Erfolge. Wir werden die Entwicklung weiter beobachten und gegebenenfalls über eine Erweiterung entscheiden.“ Ein weiterer Ansatz der Stadt, die Situation zu verbessern, ist die Zusammenarbeit mit dem Verein SKM, Katholischer Verein für soziale Dienste Memmingen und Unterallgäu. Er bietet eine Wohnungsnotfallhilfe an: Eine Sozialarbeiterin betreut Obdachlose zum Beispiel in behördlichen Angelegenheiten. „In Zusammenarbeit mit der Stadt wird ebenfalls versucht, Obdachlosen, die noch nicht völlig ins Milieu abgeglitten sind, wieder normalen Wohnraum zu verschaffen“, sagt Traut. Die Stadt investiere außerdem ständig in die bauliche Anlage: in den Substanzerhalt, die Beseitigung von Vandalismusschäden und die Verbesserung der Unterkünfte.
  • Hilfe über Facebook: Dass die Obdachlosenunterkunft viele Menschen in Memmingen und Umgebung bewegt, zeigt eine Facebookgruppe. Sie wurde im März 2020 gegründet und hat bereits knapp 900 Mitglieder. Darin geht es um praktische Hilfe: Suchen und Anbieten von Gegenständen und Möbeln für die Wohnungen der Unterkunft. Dietmar Weckwerth, einer der beiden Administratoren, vermittelt die Sachspenden dann in die Einrichtung. Er ist seit mehr als 30 Jahren Rettungsassistent und hatte schon viele Einsätze dort, kennt die Unterkunft also gut.
Ein Blick auf die Außengänge des Obdachlosenheims am Erlenweg in Memmingen.
Ein Blick auf die Außengänge des Obdachlosenheims am Erlenweg in Memmingen.
Bild: Andreas Berger

Ein markantes Beispiel zeigt, warum ein neues Gebäude die Situation nicht verbessern würde

Bevor daran gedacht wird, das Gebäude am Erlenweg abzureißen und neu zu bauen, „muss die Einrichtung zuerst von innen heilen“, sagt Conrad Reinker vom Verein Notausgang, der sich regelmäßig um die Bewohner der Obdachlosenunterkunft kümmert. Die Forderung nach einem Neubau ist immer wieder in der Stadt zu hören. Doch das bringe nichts, sagt Reinker, und nennt ein Beispiel: Als einer der Bewohner ins Gefängnis musste, habe er dessen Wohnung renoviert, um dem Mann eine Freude zu bereiten. Drei Wochen nach dessen Rückkehr habe die Wohnung wieder so ausgesehen wie zuvor. So würde es auch mit einem Neubau sein.

Wichtiger sei stattdessen, einen Sozialarbeiter einzustellen, der ständig an und in der Unterkunft sei. Nur durch eine solch intensive Arbeit könne den Bewohnern langfristig geholfen werden. „Der Gedanke, 24/7 einen Streetworker dort einzusetzen, ist noch ganz frisch“, sagt Reinker, der über diese Idee mit der Stadt sprechen möchte. Wer diesen Job übernehme, „muss eine absolute Liebe zu diesen Menschen haben.“ Und er kenne auch jemanden, der das könne. Das Geld, das die Stadt dafür investieren müsste, spare sie ein, wenn die Arbeit eines Streetworkers zu wirken beginne und es weniger Schäden an Einrichtung und Bausubstanz gebe. Allein 2019 betrug der Schaden 80 000 Euro.

Dass sich diese intensive Arbeit lohnt, weiß Kim Jana Lehmkuhl. Sie arbeitet seit November 2020 als Sozialarbeiterin beim Verein SKM, Katholischer Verein für soziale Dienste Memmingen und Unterallgäu. Zwei Mal pro Woche besucht sie die Obdachlosenunterkunft. Dadurch gewinne sie das Vertrauen vieler Bewohner. Schon einige habe sie dazu bewegen können, mit ihrer Hilfe nach einem Job zu suchen, ein Bankkonto zu eröffnen und eine Versichertenkarte zu beantragen. Drei Personen haben mit ihrer Hilfe sogar eine eigene Wohnung gefunden. Und wenn ein weiterer Sozialarbeiter eingesetzt werde, könne noch mehr erreicht werden.

Dann würden vielleicht auch die Zahlen in der Polizeistatistik sinken. 2020 gab es in der Unterkunft mindestens drei Todesfälle und 148 Einsätze unter anderem wegen Streit, Randale und Körperverletzung, sagt Pressesprecher Holger Stabik. Ein unkontrollierbarer Brennpunkt also? Nein, „der Erlenweg ist nicht außer Kontrolle, kein rechtsfreier Raum“, sagt Stabiks Kollege Jochen Glaser, in der Polizeiinspektion Memmingen für Ordnungs- und Schutzaufgaben zuständig. Die Polizei arbeitet mit der Stadt zusammen, um die Lage zu verbessern. Allein mit Strafverfolgung gelinge das aber nicht. Psychologische, bauliche und sozialpädagogische Aspekte müssten ebenso berücksichtigt werden.

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