Umweltschutz

Das neue Verbot von Einwegplastik kennen (noch) nicht alle

Einwegplastikverbot in Gastro

Majd Khattab ist Restaurantleiter im Restaurant Rohrbecks. Seit dem Lockdown hat das Unternehmen umweltfreundlichere Verpackungen für den Außenverkauf angeschafft.

Bild: Dunja Schütterle

Majd Khattab ist Restaurantleiter im Restaurant Rohrbecks. Seit dem Lockdown hat das Unternehmen umweltfreundlichere Verpackungen für den Außenverkauf angeschafft.

Bild: Dunja Schütterle

Nachfrage bei Gastronomen in Memmingen zeigt: Es herrscht Unwissenheit zum neuen EU-Gesetz, aber auch Experimentierfreude.
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Von Dunja Schütterle
19.07.2021 | Stand: 06:00 Uhr

Wenn er so darüber nachdenkt, dann können es schon mehr als einhundert Plastikstrohhalme sein, die Mohamed Callar an einem guten Abend in seinem mexikanischen Restaurant „Las Carretas“ in Memmingen verbraucht. Alles Müll, der bald nicht mehr anfallen soll. Denn seit dem 3.Juli gilt ein entsprechendes EU-weites Gesetz.

„Bei alkoholfreien Getränken geben wir keinen Strohhalm dazu. Aber zu einem Cocktail oder Longdrink gehört er einfach dazu“, sagt Callar. In den Nachrichten hat er von dem neuen Gesetz gehört. „Man darf kein Einwegplastik mehr benutzen.“ Dazu zählen auch die dicken schwarzen Plastikstrohhalme, von denen der Chef gerade einen als „i-Tüpfelchen“ in das mit Eiswürfeln gefüllte Glas gibt, bevor er den Cocktail serviert.

Memminger Wirt hat noch mindestens 150.000 Plastikhalme auf Lager

Über umweltfreundlichere Alternativen zu den herkömmlichen Einwegstrohhalmen aus Plastik hat sich der Inhaber der Chaplins Sky Lounge noch keine großen Gedanken gemacht. „Ich habe noch rund mindestens 150 000 Plastikhalme auf Lager“, berichtet Volkan Arapoglu. Diese bereits bestehenden Bestände an Plastikstrohhalmen und Einwegverpackungen dürfen die Gastronomie und der Handel noch benutzen. Eine Frist, bis wann die Kontingente aufgebraucht sein müssen, gibt es derzeit nicht. EU-weit gilt jedoch ein Verbot der Neuproduktion.

Über umweltfreundlichere Alternativen von Trinkhalmen denkt derzeit der Restaurantleiter des Restaurants Rohrbecks, Majd Khattab, nach und zeigt auf einen Flyer. Darauf abgebildet sind bunte Papiertrinkhalme – die mit Firmenlogos bedruckt werden können. „Die werden wir vielleicht ordern – die Anschaffung ist aber teuer.“

Während des Lockdowns hatte das Rohrbecks-Team bereits auf umweltfreundlichere Verpackungen für den Außerhausverkauf umgestellt. „Die Verpackung aus Pappe ist bei unseren Kunden gut angekommen“, erzählt Khattab.

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Nachhaltige Verpackungen

Essen funktioniert auch ohne Plastik: Wie Kemptener Gastronomen mit dem Verbot von Einwegplastik umgehen

Wie auf den Internseiten der Bundesregierung zu lesen steht, ergibt die deutschlandweite jährliche Abfall-Bilanz von Einweggeschirr und To-go-Verpackungen rund 346 000 Tonnen Müll. Der Höchststand an Plastikmüll lag laut dem Umweltbundesamt bei 6,15 Millionen Tonnen. Die Zahlen wurden zwischen 2015 und 2017 erhoben und sind heute wahrscheinlich noch höher. Denn auch die Corona-Pandemie spielt dabei eine Rolle.

Im Lockdown viel To-go-Geschäft

Viele gastronomische Betriebe konnten sich während des Lockdowns nur mit dem To-go-Geschäft über Wasser halten. Einwegverpackungen landen dabei nicht nur in der Tonne, sondern werden oft achtlos in der Umwelt entsorgt. Das neue Verbot für Einwegplastik gilt ebenfalls für biobasierte und biologisch abbaubare Kunststoffe, für Behältnisse aus Styropor (Polystyrol) – wie auch für Schalen und Teller aus Pappe, die mit einer dünnen Kunststoffschicht überzogen sind.

Zudem fallen auch Hygieneartikel wie Wattestäbchen, aber auch Rührstäbchen, dünne Plastiktüten und Luftballonstäbe unter dieses Verbot. Eine Sonderstellung nehmen die beschichteten Kaffeebecher ein, die gemäß der zweiten neuen Einwegkunststoffverbotsverordnung (EKW VerbotV) zwar noch weiter benutzt werden können, jedoch kennzeichenpflichtig sind und auf Dauer auch für den Verbraucher teurer werden. Ziel ist es, diese Plastikprodukte gänzlich vom Markt zu nehmen und auf Mehrweg umzustellen.

Einige Gastronomiebetriebe in Memmingen wussten auf Nachfrage unserer Zeitung über die beiden neuen Verordnungen noch gar nicht Bescheid. Andere hinterfragten gerade bei den Strohhalmen die Sinnhaftigkeit des Verbots – im Hinblick auf die Verschmutzung der Weltmeere, die für sie kein Argument für ein Verbot darstellt. Wie immer zählt die Masse an gesamtem Plastikmüll, für die jeder Einzelne auch verantwortlich ist. Rund 85 Prozent der Verschmutzung der Meere entsteht durch Plastik, wie die Bundesregierung auf ihrer Internetseite schreibt.

Eisdiele experimentiert mit Bechern aus Pappe

Die Memmingerin Annalisa Micolino beschäftigt sich schon lange mit der Nachhaltigkeit in ihrer Eisdiele. „Wir probieren ständig umweltfreundlichere Alternativen aus. Plastikprodukte kann man aber für Eiswaren nur unzureichend ersetzen. Holzstäbchen und Papierstrohhalme haben zum Beispiel einen Eigengeschmack“, so die Erfahrung der Inhaberin. Sie appelliert hierbei an die Industrie, bessere recyclingfähigere Verpackungsmöglichkeiten und Mehrweg anzubieten. „Bioplastikbecher gehen zum Beispiel auch schneller kaputt. Aktuell experimentieren wir mit neuen Bechern aus Pappe“, sagt Micolino. (Wie die Gastronomie in Kempten mit dem Verbot umgeht, lesen Sie hier.)

Grundsätzlich ist der Verzicht auf Einwegprodukte das Beste, wie auch die Benutzung von Mehrwegprodukten. Ab dem Jahr 2023 verschärfen sich die Regeln weiter. Dann werden alle Gastronomiebetriebe dazu gesetzlich verpflichtet, Getränke und Speisen in Mehrwegverpackungen anzubieten.

Einwegplastik: Das sind die neuen Regeln

Das neue Gesetz: Seit dem 3. Juli 2021 gilt in der ganzen Europäischen Union (EU) ein Verbot von Einwegplastik. Dazu gehören unter anderem Kunststoffbestecke (Messer, Gabeln, Löffeln und Essstäbchen), Kunststoffgeschirr und Lebensmittel-Einweg-Behältnisse aus Styropor, Trinkhalme, Rührstäbchen sowie Wattestäbchen aus Plastik und Plastikballonstäbe. Alte Bestände können noch aufgebraucht werden. Die Kennzeichnungspflicht auf der Verpackung, die Einwegkunststoffe enthalten betrifft Getränkebecher, Zigarettenfilter, Feuchttücher, Tampons und Binden. Ab 2022 dürfen Geschäfte keine leichten Plastiktüten mehr für Obst und Gemüse ausgeben. Weiter wird es für Einwegflaschen und Getränkedosen eine Pfandpflicht geben. Ab 2023 werden Restaurants, Lieferdienste und Cateringunternehmen verpflichtet Mehrwegbehältnisse anzubieten. Anknüpfend sollen ab dem Jahr 2025 PET-Einweg-Getränkeflaschen einen Mindestanteil von 25 Prozent an recyceltem Material enthalten. Das soll bis ins Jahr 2030 auf 30 Prozent gesteigert werden