Justiz

Die Tatverdächtigen besser einschätzen

MM Jugendgerichtshilfe

Die Jugendgerichtshilfe hat verschiedene Aufgaben zu bewältigen, wie auf dem Plakat zu lesen ist. In Memmingen etwa ist Pädagogin Vanessa Abele für die Betreuung der jugendlichen beziehungsweise heranwachsenden Tatverdächtigen zuständig. Unser Bild zeigt sie mit ihrem Chef, dem Leiter des Jugendamts, Michael Wagner.

Bild: Kurt Kraus

Die Jugendgerichtshilfe hat verschiedene Aufgaben zu bewältigen, wie auf dem Plakat zu lesen ist. In Memmingen etwa ist Pädagogin Vanessa Abele für die Betreuung der jugendlichen beziehungsweise heranwachsenden Tatverdächtigen zuständig. Unser Bild zeigt sie mit ihrem Chef, dem Leiter des Jugendamts, Michael Wagner.

Bild: Kurt Kraus

Welche Aufgaben die Jugendgerichtshilfe in Memmingen hat und welche Auswirkung ihre Arbeit auf das Strafmaß haben kann.
25.05.2021 | Stand: 12:00 Uhr

Weil sie zahlreiche Einbrüche verübt und in der Nacht zum 22. Oktober des vergangenen Jahres das Vereinsheim des FC Viktoria Buxheim in Brand gesetzt hatten, wurden ein Jugendlicher und ein Heranwachsender vom Jugendschöffengericht Memmingen vor kurzem zu Freiheitsstrafen verurteilt. Mit an dem Prozess beteiligt war die Jugendgerichtshilfe. Aber was verbirgt sich eigentlich hinter diesem etwas sperrigen Begriff?

Angesiedelt ist die Jugendgerichtshilfe bei den Jugendämtern, zumindest in Bayern. Inzwischen wird die Einrichtung immer häufiger auch als „Jugendhilfe im Strafverfahren“ bezeichnet. Damit soll herausgestellt werden, dass es sich nicht um eine Einrichtung der Justiz handelt.

Im Jugendamt Memmingen ist die Pädagogin Vanessa Abele mit der Aufgabe betraut. Im Kreisjugendamt Mindelheim widmen die Soziologin Diana Wolf und die Sozialpädagogin Katja Filser etwa die Hälfte ihrer jeweiligen Arbeitszeit der Jugendgerichtshilfe. Die Jugendgerichtshilfe wird in jedes Strafverfahren gegen einen Jugendlichen (14 bis 17 Jahre) oder einen Heranwachsenden (18 bis 20 Jahre) eingebunden. Entscheidend ist dabei das Alter zur Tatzeit. So erinnern sich Wolf und Filser an einen 24-Jährigen, der einige Jahre zuvor einen Supermarkt überfallen hatte, und sich vor Gericht verantworten musste.

Persönlichkeit wird ergründet

Bearbeitet die Polizei eine „Jugendsache“, so informiert sie baldmöglichst das Jugendamt über die Tat und den jungen Straftäter. Bereits mit dem Eingang der Meldung werde geprüft, berichten Abele und ihr Chef Michael Wagner, der Leiter des Memminger Jugendamts, ob der junge Mensch oder die Familie, in der er lebt, Hilfe benötigt. Sind die Staatsanwaltschaft oder das Gericht mit der Strafsache befasst, wird die Jugendgerichtshilfe in fast allen Fällen gebeten, den Tatverdächtigen einzuschätzen. Insbesondere bei Heranwachsenden helfen Abele, Filser und Wolf dann dem Gericht im tatsächlichen Wortsinn. Ein Heranwachsender könne nämlich sowohl nach Jugendstrafrecht als auch nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. Das komme eben ganz auf seine Persönlichkeit an. Und genau diese zu ergründen, ist die Hauptaufgabe der Jugendgerichtshilfe.

Der Jugendliche oder Heranwachsende wird zum Gespräch gebeten. Er wird dazu nicht vorgeladen, sondern eingeladen. Denn die Inanspruchnahme ihres Dienstes ist freiwillig und eine Pflicht zum Erscheinen gibt es nicht. Etwa 75 Prozent folgen der Einladung, schätzen Wolf und Filser. Bei Jugendlichen sei der Prozentsatz etwas höher, weil das Schreiben nicht an ihn selbst gerichtet werde, sondern an die Erziehungsberechtigten. „Die Eltern sorgen dann zumeist dafür, dass der Gesprächstermin auch tatsächlich wahrgenommen wird“, sagt Filser.

Pluspunkte sammeln

Lesen Sie auch
##alternative##
Corona schafft Probleme

Sozialstunden im Allgäu ableisten: Nur wo?

Wenn der junge Mensch dann beim Jugendamt erscheint, wird er erst einmal aufgeklärt. Wer zum ersten Mal dasitze, sei oft ziemlich irritiert. „Wir weisen darauf hin, dass das, was besprochen wird, in einen Bericht aufgenommen und weitergegeben wird“, stellen Filser und Wolf klar. Das gelte auch für etwaige Angaben zum Tatgeschehen. Gefragt werde nach den familiären Verhältnissen, nach dem schulischen und beruflichen Werdegang, nach den finanziellen Verhältnissen, nach dem Freizeit- oder einem etwaigen Suchtverhalten oder traumatischen Erlebnissen: Wie also läuft es zuhause? Gibt es Probleme mit den Eltern oder mit Geschwistern? Bekommt der Betroffene Taschengeld? Ist er in einem Verein engagiert? Wird in der Freizeit am Computer gezockt? Werden gar illegale Drogen konsumiert? Wenn ja, biete sich die Frage an, ob schon Kontakt mit der Drogenberatung aufgenommen wurde. Denn damit könne der Betroffene vor Gericht Pluspunkte sammeln.

Wichtige Hilfe für Richter

In 144 Fällen hat Abele im vergangenen Jahr Ermittlungsgespräche geführt, Berichte erstellt und Termine beim Jugendrichter, beim Jugendschöffengericht oder der Jugendkammer beim Landgericht wahrgenommen. Es sei nicht nötig, dass die jungen Menschen Vertrauen zu den Mitarbeiterinnen des Jugendamts fassen, sagen alle drei, denn die Jugendgerichtshilfe sei nicht parteiisch. Sie sei vielmehr neutral und versuche, dem Gericht ein objektives Bild über den Menschen zu vermitteln. Ebenso, dass das Gericht einschätzen könne, ob der junge Mensch wie ein Jugendlicher oder wie ein Erwachsener zu bestrafen sei. „Jugendrichter Dr. Markus Veit legt Wert auf meine Einschätzung“, ist Abele überzeugt. Sie arbeite ungeheuer gerne mit den Jugendlichen und freue sich jedes Mal, wenn sie helfen konnte, einen jungen Menschen wieder auf einen guten Weg zu bringen.

Der Bericht werde in der Verhandlung regelmäßig persönlich vorgetragen, sodass Staatsanwaltschaft oder Verteidigung die Möglichkeit hätten, Fragen zu stellen. Der Verurteilte wird in der „nachgehenden Jugendgerichtshilfe“ unterstützt, zum Beispiel beim Ableisten sozialer Dienste oder von Trainingskursen. „Wir vermitteln Stellen, wo Sozialstunden abgeleistet werden können, und helfen bei der Terminierung“, erläutert Diana Wolf.