Nationalsozialismus

Erinnerungsprojekt: Noch mehr Spuren von Nazis im Allgäu

Kuratorin Regina Gropper und der Allgäuer Filmemacher Leo Hiemer. Im Hintergrund läuft Hiemers neuer Film „Zwei Männer! Zwei Gitarren! Die Faltas!"

Kuratorin Regina Gropper und der Allgäuer Filmemacher Leo Hiemer. Im Hintergrund läuft Hiemers neuer Film „Zwei Männer! Zwei Gitarren! Die Faltas!"

Bild: Brigitte Hefele-Beitlich

Kuratorin Regina Gropper und der Allgäuer Filmemacher Leo Hiemer. Im Hintergrund läuft Hiemers neuer Film „Zwei Männer! Zwei Gitarren! Die Faltas!"

Bild: Brigitte Hefele-Beitlich

Zweiter Teil der Ausstellung „VerVolkt" im Stadtmuseum Memmingen zeigt vor allem Beiträge von Bürgern. Und einen neuen Film von Leo Hiemer.
04.12.2021 | Stand: 05:45 Uhr

Schon viel Aufmerksamkeit erregt hat die Sonderausstellung „VerVolkt – dieses Projekt kann Spuren von Nazis enthalten“ im Memminger Stadtmuseum, die dort seit dem Frühjahr zu sehen ist. Auch unschöne Reaktionen waren dabei – aber dazu später. Angelegt ist die Präsentation über den Nationalsozialismus im Allgäu als Sammlungsprojekt. Der jetzt gestartete zweite Teil „VerVolkt II – Noch mehr Spuren, noch mehr Nazis“ zeigt, was Bürgerinnen und Bürger an Erinnerungen, Fotografien oder Schriftstücken ins Stadtmuseum gebracht haben. Der Allgäuer Filmemacher Leo Hiemer hat wieder einen Film zum Thema produziert.

Kuratorin Regina Gropper ist äußerst zufrieden mit dem Material, das ihr für die Fortsetzungsschau zugespielt wurde. Es habe durchweg einen regionalen Bezug und auch neue Erkenntnisse gebracht – zum Beispiel über Dr. Heinrich Berndl, Memminger Oberbürgermeister vor und nach 1945, dem schon im ersten Teil von „VerVolkt“ ein Kapitel gewidmet war. Nun hat es auch Wolfgang Proske (Herausgeber) in seinem druckfrischen Band „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer – NS-Belastete aus dem Allgäu“ aufgeschlagen. Den Beitrag über Berndl hat der Historiker Dr. Paul Hoser verfasst.

Schule im Dritten Reich in Ollarzried

Gropper ist sicher, dass das noch nicht alles war, was Menschen über die Nazizeit im Allgäu jetzt herausgeben wollen. Das können auch einmal ganze Kisten voller Originaldokumente sein. So wie die Schulsachen aus Ollarzried, mit denen nun ein ganzer Raum gestaltet wurde. Wer sich in diesem „Klassenzimmer“ näher in die Schulhefte und Unterrichts-Wandtafeln vertieft, erschaudert vor den Methoden, mit denen die Kinder damals indoktriniert wurden. Sorgfältig mit Hakenkreuzen verzierte Führer-Reden in Schönschrift sind da dabei, Aufsätze über „Afrika, die deutsche Provinz“ oder Briefe an den lieben Herrn Lehrer im Feld. Die Wandbilder haben Überschriften wie „Volk und Rasse“, „Das deutsche Gesicht“, „Ausschaltung des Erbuntüchtigen aus dem Erbstrom des deutschen Volkes“ oder „Meide die Juden“. Kinder, die jahrelang so erzogen wurden, konnten das nach 1945 sicher nicht einfach wieder vergessen. Besonders plakativ warnen jetzt die Ausstellungsmacherinnen vor solchem braunen Gedankengut, indem sie über alle Schautafeln und -kästen rot-weiße Absperrbänder geklebt haben, auf denen sie mahnen: „Vorsicht Umerziehung!“, „Vorsicht Gehirnwäsche“ oder „Vorsicht ideologische Verblendung“.

Im Raum "Schule im Dritten Reich" ist Unterrichtsmaterial aus Ollarzried zu sehen.
Im Raum "Schule im Dritten Reich" ist Unterrichtsmaterial aus Ollarzried zu sehen.
Bild: Brigitte Hefele-Beitlich

„Schade, dass gerade keine Schulklassen kommen dürfen, sie sind eine unserer wichtigsten Zielgruppen“, bedauert Gropper. In den Monaten, in denen trotz Corona ein halbwegs normaler Schulalltag möglich war, seien etwa 100 bis 200 Schülerinnen und Schüler pro Woche ins Stadtmuseum gekommen. Dafür gab es sogar einen Tag mit eigener Öffnungszeit (Mittwoch von 8 bis 11 Uhr), um den Kontakt zu anderen Besuchern zu vermeiden. „Das werden wir beibehalten“, kündigt Gropper an. Außerdem hat sie wieder einiges Material für Schulen und Lehrerfortbildungen vorbereitet.

Schülerprojekt zur Bücherverbrennung

Integriert in „VerVolkt II“ ist auch ein Schülerprojekt des Bernhard-Strigel-Gymnasiums zur Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933, das im Juli in der Stadtbibliothek zu sehen war (wir berichteten). Die Exponate sind noch einmal ausgestellt, ein Film zeigt eine symbolische Verbrennung – dazugekommen sind jetzt Originalfotografien von 1933 aus einem Album, das ans Stadtmuseum übergeben wurde. Gerade dieses Album birgt einen reichen Zeitzeugen-Schatz, sind doch Fotos von der Nazizeit fast bis heute darin gesammelt, mit vielen Kommentaren und Zeitungsartikeln versehen, die das NS-Regime auf ganz persönliche Art aufarbeiten.

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Das Album lag schon für den ersten Teil der Ausstellung vor – die auch noch weiter zu sehen ist. Wer in die vier neu gestalteten Räume will, muss erst einmal vorbei an einer Reihe wie zufällig auf dem Boden ausgelegten Texttafeln. Das sind die Plakate der flankierenden Freiluftausstellung auf dem Martin-Luther-Platz, auf die es insgesamt fünf Übergriffe gab – Reaktionen von Menschen vermutlich aus der rechten Ecke.

Film über die Sinti Bobby und Lancy Falta

Auch einen neuen, 20-minütigen Film von Film Leo Hiemer gibt es zu sehen: „Zwei Männer! Zwei Gitarren! Die Faltas!“. Er beginnt damit, dass Bobby und Lancy Falta, Vater und Sohn, miteinander Gitarre spielen. Dafür sind sie bekannt und mit dem Kulturpreis der Stadt Memmingen ausgezeichnet worden. Der Film beleuchtet jedoch die schmerzhaften Erinnerungen der beiden: Sie sind Sinti und Bobby Falta, Jahrgang 1941, hat den Zweiten Weltkrieg und die Verfolgung durch die Nazis noch selbst erlebt; Lancy Falta, Jahrgang 1965, der in Memmingen und Umgebung aufgewachsen ist, erzählt von Ausgrenzung und Sticheleien, die er als Kind erlebt hat. Das ist genauso sehenswert wie die ganze Ausstellung.

Die Ausstellung im Stadtmuseum Memmingen läuft bis zum 23. Januar 2022. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag und Feiertage 11 bis 17 Uhr (Schließtage sind 24., 25., 26. und 31. Dezember sowie 1. Januar). Der Eintritt ist frei.