Fahrrad/Serie

Fahrradstraßen: Wo Radler Vorfahrt haben

Fahrradstraße

In regelmäßigen Abständen kontrolliert auch die Polizei – hier Manfred Guggenmos –, ob die Regelungen der Fahrradstraßen eingehalten werden. Erlaubt ist zum Beispiel das Nebeneinanderfahren von Fahrradfahrern.

Bild: Dunja Schütterle

In regelmäßigen Abständen kontrolliert auch die Polizei – hier Manfred Guggenmos –, ob die Regelungen der Fahrradstraßen eingehalten werden. Erlaubt ist zum Beispiel das Nebeneinanderfahren von Fahrradfahrern.

Bild: Dunja Schütterle

Fünf ausgewiesene Sonderwege gibt es aktuell in Memmingen. Welche Probleme es gibt und was sich der ADFC für die Zukunft wünscht. Sechster Teil unserer Serie.
05.08.2021 | Stand: 06:00 Uhr

In den vergangenen Jahren bekam Memmingen als "Fahrradstadt" stets recht gute Bewertungen. Was wirklich gut ist und was noch alles verbessert werden kann, beleuchten wir in unserer Rad-Serie. Im heutigen sechsten Teil geht es um Fahrradstraßen.

Auf einer Fahrradstraße sind andere Verkehrsteilnehmer nur zu Gast: Im Stadtgebiet von Memmingen gibt es aktuell fünf ausgewiesene Sonderwege, die ausdrücklich für Radfahrerinnen und Radfahrer vorgesehen sind. Was aber genau sind Fahrradstraßen und wer muss hier was beachten? Antworten hat Hauptkommissar Manfred Guggenmos, Leiter des Sachbereichs Verkehr bei der Memminger Polizeiinspektion.

  • Vorrang: „Eine Fahrradstraße ist ausdrücklich für den Radverkehr vorgesehen“, sagt Guggenmos. „Hier haben die Fahrradfahrer Vorrang und dürfen weder gefährdet noch behindert werden. Auch das Nebeneinanderfahren ist erlaubt“, erklärt er. Nebeneinanderfahren ist also erlaubt? „Es ist zulässig, jedoch gilt das Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer“, führt der Verkehrsexperte weiter aus und verweist auf die allgemeinen Verkehrsregeln der Straßenverkehrsordnung (StVO).

Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 30 Stundenkilometer

  • Tempo: Sofern Pkw und Motorräder auf der Fahrradstraße mit geduldet werden, weisen Zusatzschilder darauf hin. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 30 Stundenkilometern und muss bei Bedarf weiter verringert werden, um sie der Situation anzupassen. Nur wenn ein Mindestabstand von 1,50 Metern gewährleistet ist, können Autofahrer einen Fahrradfahrer hier überholen. Kinder unter acht Jahren müssen auch bei einer Fahrradstraße auf dem Gehweg fahren, genau wie Inlineskater und Rollschuhfahrerinnen. Zusatzschilder machen Ausnahmen deutlich.
  • Beispiel: Die neueste Fahrradstraße Memmingens liegt im Pfaffenwinkel und verläuft ab der Woringer Straße nach Süden. Sie ist seit vergangenem Jahr für den Durchgangsverkehr von Kraftfahrzeugen gesperrt. Zusatzschilder unter dem Verkehrszeichen mit dem blauen Kreis und dem weißen Fahrrad machen die Ausnahmen deutlich: Motorisierte Zweiräder wie der Liefer- und landwirtschaftliche Verkehr dürfen die Straße weiter benutzen, wobei der Verweis „Landwirtschaftliche Fahrzeuge frei“ nicht nur Traktoren mit Anhängern einschließt. „Das kann auch der Landwirt sein, der mit seinem eigenen Pkw quasi in zivil zu seinem Feld fährt“, weiß Polizist Guggenmos.
  • Voraussetzungen: Warum eine Straße wie der Pfaffenwinkel überhaupt zur Fahrradstraße wurde, können Birgit Haldenmayr, Leiterin des Straßenverkehrsamts, und Urs Keil, Leiter des Tiefbauamts, von der Stadtverwaltung beantworten: „Straßenbauliche wie verkehrsplanerische Gründe fließen in die Entscheidung genauso mit ein, wie Beschwerden von Anwohnern.“ Im Pfaffenwinkel zum Beispiel wurden vorher bei einer Verkehrszählung etwa 1000 Fahrzeuge und rund 140 Zweiräder pro Tag auf dem schmalen, geteerten Feldweg gezählt.

Anwohner Andreas Riedel sieht im Pfaffenwinkel Probleme

  • Schwierigkeiten: Im Fall des Pfaffenwinkels freut sich Anwohner Andreas Riedel zwar über die neue Regelung, sieht aber bei der Umsetzung der Fahrradstraße noch Probleme. 90 Prozent der Autofahrer, so seine persönliche Schätzung, sehen zwar die Schilder, fahren aber trotzdem noch durch. Sein Vorschlag: Grundsätzlich sollte mehr Aufklärung darüber stattfinden, was in Fahrradstraßen zu beachten ist. „Andere Städte generieren große Banner, die Autofahrer auf die neuen Vorschriften hinweisen“, lautet Riedels Idee. Er wünscht sich auch mehr Kontrollen durch die Polizei.
  • Strafen: Bei Nichteinhaltung der Regeln wird für Autofahrer und Autofahrerinnen grundsätzlich ein Bußgeld von 15 Euro fällig. Wer einen anderen Verkehrsteilnehmer zusätzlich behindert, zahlt 20 Euro.
  • Vorzüge: Welche Vorteile haben eigentlich Fahrradstraßen? „Mehr Platz, mehr Sicherheit und schnelleres Vorankommen für Velos. Zudem sind gut umgesetzte Fahrradstraßen normalen Fahrradwegen deutlich vorzuziehen“, erklärt hierzu der Leiter vom ADFC Memmingen, Klaus Schuster. Weitere positive Aspekte von Fahrradstraßen seien nicht nur der allgemeine Fluss des Radverkehrs, mehr Sicherheit und das Schließen von Lücken im Radverkehrsnetz – auch gesundheitliche und umweltfreundliche Gesichtspunkte sprechen laut Schuster für den Umstieg auf das Fahrrad und dieser werde seinerseits durch speziell ausgewiesene Fahrradstraßen begünstigt. Zudem sind nach Auskunft von Manfred Guggenmos die Unfallzahlen auf Fahrradstraßen rückläufig.
  • Geschichte: Die erste Fahrradstraße überhaupt wurde übrigens in den 1970er-Jahren in Bremen nach einem Vorbild aus der niederländischen Stadt Amsterdam installiert. Zunächst war es nur als Hilfsmittel gedacht, um Einbahnstraßen für den Radverkehr in beide Richtungen zu öffnen.

Klaus Schuster vom ADFC wünscht sich eine Ergänzung

1997 wurde durch die sogenannte Fahrrad-Novelle der Straßenverkehrsordnung die Vorrangigkeit für den Radverkehr vorgesehen und definiert, was eine Fahrradstraße nach der StVO ausmacht. Für die Zukunft würde sich Klaus Schuster vom ADFC Memmingen wünschen, Fahrradstraßen durch Radschnellwege zu ergänzen, um auch den ländlichen Raum miteinzubinden. Denn bei kompletter Vorfahrt seien auch Strecken von bis zu 25 Kilometern – insbesondere mit Pedelec- Fahrrädern mit Hilfsmotor – gut zu bewältigen und noch attraktiv.

Weitere Teile der Serie finden Sie unter www.allgaeuer-zeitung.de/memmingen