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Flüchtlingsrettung im Mittelmeer: „Es wird immer schwieriger“

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Jan Ribbeck (vorne) von der Organisation Sea-Eye beantwortete Fragen zur Seenotrettung. Auch Landtagsabgeordnete Gülseren Demirel (neben Ribbeck) sprach bei einer Veranstaltung der Bündnisgrünen in Ottobeuren.

Bild: Theresa Osterried

Jan Ribbeck (vorne) von der Organisation Sea-Eye beantwortete Fragen zur Seenotrettung. Auch Landtagsabgeordnete Gülseren Demirel (neben Ribbeck) sprach bei einer Veranstaltung der Bündnisgrünen in Ottobeuren.

Bild: Theresa Osterried

Seenot-Retter und Arzt Jan Ribbeck berichtet in Ottobeuren von seinem Engagement bei der Hilfsorganisation Sea-Eye. Was er bei seinen Missionen erlebt hat.
11.09.2021 | Stand: 12:00 Uhr

„Ich wollte Menschenleben retten.“ Aus diesem Grund hat Jan Ribbeck aus Markt Rettenbach angefangen, für die Seenotrettung im Mittelmeer zu arbeiten. Im Café Heinz in Ottobeuren nahm er nun an einer Gesprächsrunde der örtlichen Grünen zum Thema Seenotrettung und Integration von Flüchtlingen teil. Dort erzählte der stellvertretende Vorsitzende der zivilen Hilfsorganisation Sea-Eye von seiner ehrenamtlichen Arbeit und beantwortete Fragen dazu.

Sea-Eye rettete bei der jüngsten Mission über 400 Menschen

Sein Einsatzgebiet beginnt weit vor der Küste Griechenlands – im zentralen Mittelmeer. Mit der Organisation Sea-Eye versucht er Bootsflüchtlinge vor dem Ertrinken zu bewahren. Seit 2015 engagiert er sich dort. Der Arzt hat bereits ein knappes Dutzend Missionen hinter sich gebracht. Die jüngste dauerte sechs Wochen. „Wir hatten über 400 Personen an Bord, darunter 150 Minderjährige.“ Das seien zum Teil Sechs- bis Siebenjährige, die sich alleine auf den Weg nach Europa gemacht hätten.

Der schönste Moment war für ihn, als die Passagiere an Bord erfahren haben, dass sie einen sicheren Hafen erreichen. „Da haben alle, egal welcher Herkunft, angefangen zu feiern und zu tanzen und sind sich gegenseitig in die Arme gefallen.“

Die Grenzschutzorganisation Frontex sei ein großes Problem

Bei der Diskussionsrunde fragte ein Besucher Ribbeck nach den Schwierigkeiten bei der Seenotrettung. Die Grenzschutzorganisation Frontex sei ein großes Problem, antwortete der Mediziner. „Die Rettungsschiffe, also wir, werden den Schlepperbooten gleichgesetzt und ebenfalls bedroht.“ Meist schicke Frontex Drohnen voraus und mache die genaue Position der oft antriebslosen Schiffe der Flüchtenden aus. „Dann greifen sie diese Boote an.“ Es sei eine Tragödie: „Sobald die Menschen die Drohnen sehen und diese nicht die Aufschrift einer Hilfsorganisation haben, springen sie vor lauter Angst ins Wasser“, erzählte Ribbeck. Das Problem: Viele können nicht schwimmen.

Die Übergriffe durch Frontex werden zwar gemeldet, aber nicht geahndet

Auf den Einwurf eines Zuhörers, ob Übergriffe durch Frontex nicht gemeldet würden, antwortete Ribbeck: „Wir haben Menschenrechtsbeobachter an Bord.“ Diese würden die Vorfälle aufnehmen und weitergeben, „aber die Meldungen verschwinden einfach in der Schublade eines Behördenschreibtisches.“ Ebenfalls schwierig sei es, mit den geflüchteten Personen Häfen anzufahren. Manche verwehren laut Ribbeck das Anlegen. „Es wird von Jahr zu Jahr schwieriger“, sagt er. Dennoch berichtet Ribbeck von der Hilfsbereitschaft vieler Einheimischer. „Die organisieren dann zum Beispiel Busse oder auch Verpflegung für uns, wenn wir die geflüchteten Personen vom Hafen in die Unterkünfte bringen.“

Grünen-Bundestagskandidat Daniel Pflügl: "Warum endet die Menschlichkeit an den Grenzen von Europa?"

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Grünen-Landtagsabgeordnete Gülseren Demirel aus München erzählte ergänzend von der Flüchtlingsarbeit in Deutschland. Sie kritisierte, dass Flüchtlinge in Ankereinrichtungen zunächst keine Arbeitserlaubnis bekommen würden und sie auch keinen Deutschkurs belegen dürften. In Ankereinrichtungen werden Flüchtende direkt nach ihrer Ankunft in Deutschland untergebracht. „Warum endet die Menschlichkeit an den Grenzen von Europa?“, sagte Grünen-Bundestagskandidat Daniel Pflügl zu der Situation der Flüchtenden im Mittelmeer: „Eigentlich sollte die von vermeintlich christlichen Werten geprägte Gesellschaft aufbrüllen.“

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