Solidarität

Schöne Geste in dieser dunklen Zeit: Gastronom versorgte frierende Menschen vor Impfbus mit heißem Tee

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Benjamin Breher (links) und Roberto Assanti, beide vom Café Moritz, versorgten am Freitagabend kostenlos Menschen, die am Weinmarkt vor dem Impfbus warteten und froren.

Bild: Andreas Berger

Benjamin Breher (links) und Roberto Assanti, beide vom Café Moritz, versorgten am Freitagabend kostenlos Menschen, die am Weinmarkt vor dem Impfbus warteten und froren.

Bild: Andreas Berger

Bis zu drei Stunden Wartezeit bei 0 Grad: So sah es am Freitag vor dem Memminger Impfbus aus. Ein Gastronom sah die frierenden Menschen und handelte.
29.11.2021 | Stand: 17:46 Uhr

„Trotz eisiger Temperaturen waren wieder unzählige Leute da und standen ganz tapfer an.“ Das hat uns eine Memmingerin geschrieben. Sie meint damit die Warteschlange vor dem Corona-Impfbus, der am Freitagabend am Weinmarkt stand. Auch ihre Mutter hatte dort angestanden und gefroren. Und dann habe es eine schöne Situation gegeben, ausgehend von Mitarbeitern des Café Moritz:

Irgendwie schien es nur zäh voranzugehen, sagt Roberto Assanti aus dem Café Moritz. Er konnte das gut sehen, weil der Impfbus direkt vor dem Café Halt gemacht hatte. Und Assanti sah auch, wie die Wartenden froren. Die Temperaturen lagen um den Gefrierpunkt. Da entschied er: „Wir verschenken jetzt Tee.“ Also bereiteten er und seine Kolleginnen und Kollegen drinnen die heißen Getränke zu. Zu zweit gingen sie damit vor die Tür: Assanti und sein Kollege Benjamin Breher, der eigentlich frei hatte. Sie liefen die Warteschlange ab und reichten den Menschen, die auf die Corona-Impfung warteten, den Tee. Kostenlos. Etwa eineinhalb Stunden lang. „Uns hat es wirklich gefroren.“ 100 bis 150 Becherfüllungen waren es, schätzt Assanti – inklusive des nachgeschenkten Tees.

Das habe er aus Solidarität zu den Menschen getan, die froren – aber nicht, um damit in der Zeitung zu erscheinen, wie Roberto Assanti sagt. Es sei richtig und sehr wichtig, dass sich die Menschen impfen lassen. Aber dass die Wartezeiten teilweise so lang seien, versteht der Gastronom nicht.

Eine Frau, die er kennt, hatte recht weit hinten in der Schlange gestanden. Obwohl die Reihe nicht sonderlich lang gewesen sei, seien drei Stunden vergangen, bis die Frau im Bus die Spritze bekommen habe. Leser berichteten uns von ähnlich langen Wartezeiten, die es am Sonntag vor dem Impfbus am BBZ gegeben habe.

Das Memminger Impfzentrum hat sich entschieden, keine Termine fürs Impfen zu vergeben, weil so mehr Menschen eine Spritze verabreicht werden könne als bei einer Terminvergabe. Das sagt Dr. Hardy Götzfried, Ärztlicher Leiter des Impfzentrums (siehe unten). Und darauf komme es in dieser dramatischen Pandemielage nun an: schnell und viel impfen.

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Roberto Assanti versteht das. Er fragt sich aber, ob es nicht zumindest möglich sei, per Onlinebuchung Blocktermine zu vergeben, also Impflingen ein Zeitfenster zu nennen, in dem sie an der Reihe sind. Dann müsste vielleicht 30 bis 60 Minuten, aber keine drei Stunden gewartet werden, sagt der Memminger Gastronom.

Er hat noch einen Vorschlag: Hilfsorganisationen aus Memmingen könnten neben dem Impfbus ein Zelt aufbauen, in dem Wartende mit heißen Getränken versorgt werden. Er wäre noch einmal bereit, Tee zu spendieren. Und andere Gastronomen und Einzelhändler würden sicher auch mitmachen, sagt er. Für Getränke würden Stadt und Hilfsorganisationen also vermutlich keine Kosten entstehen.

Die Temperaturen seien das eine. Was aber, wenn ein Wartender auf die Toilette müsse? Roberto Assanti denkt vor allem an die älteren Menschen. Er hofft, dass sich die Stadt darüber Gedanken macht.

Viele Wartenden von Freitag waren jedenfalls froh über Roberto Assantis und Benjamin Brehers Handeln. Die Frau, die uns geschrieben hat, fasst es zusammen: „Was für eine wunderschöne Geste. Ein herzliches Dankeschön an das Café Moritz für die entgegenbrachte Aufmerksamkeit.“

Das sagt die Stadt

  • Könnten nicht Blocktermine angeboten werden?

Stadt: Organisatorisch wäre das möglich. Aber wir haben uns dafür entschieden, eine Impfmöglichkeit ohne Terminvergabe anzubieten, denn so haben Impfinteressenten die Möglichkeit am gleichen Tag geimpft zu werden. Nur so können wir möglichst vielen Menschen eine Impfung anbieten. Übrigens ist die Wartezeit unterschiedlich lang. Am Samstagnachmittag lag die Wartezeit am Impfzentrum unter einer Stunde. Wir reagieren auf den großen Andrang auf das Impfzentrum damit, dass wir die Öffnungszeiten erweitern – ab 1. Dezember ist von 8 bis 22 Uhr geöffnet – und wir arbeiten am Aufbau einer dritten und vierten Impfstraße.

  • Ein Zelt am Impfbus, wo Wartende versorgt werden können:

Stadt: Wir sind bereits dabei, mit Hilfe des Brand- und Katastrophenschutzamtes der Stadt etwas zu organisieren. Manche Leute, die in der Warteschlange stehen, haben auch selbst Tee dabei, weil sie darauf eingestellt sind, dass es dauert. Bei allem Ärger über Wartezeiten darf man auch nicht vergessen, dass wir viele positive Rückmeldungen von Menschen bekommen, die geimpft wurden und die dankbar sind für die Chance geimpft zu werden ohne wochenlang auf einen Termin warten zu müssen.

  • Könnte für Wartende eine mobile Toilette aufgebaut werden?

Stadt: Es gibt mobile Toiletten im Hof des Impfzentrums, die zugänglich sind. Wo der Impfbus steht, haben Impfinteressenten immer die Möglichkeit, eine Toilette in einem nahe gelegenen Gebäude zu besuchen.

Dr. Hardy Götzfried, Ärztlicher Leiter des Impfzentrums Memmingen: "Die Mitarbeitenden des Impfzentrums Memmingen sind alle extrem engagiert und wollen möglichst vielen impfwilligen Personen so schnell wie möglich zu ihren notwendigen Impfungen verhelfen. Aus diesem Grund haben wir uns bewusst gegen eine Terminvergabe entschieden! Im Vergleich zu Impfzentren mit Terminvergabe führen wir momentan ca. das Dreifache an Impfungen durch!

Die Datenlage zu den Impfungen ist absolut eindeutig. Die Rate der schweren Infektionen, der Krankenhausbehandlungen und der Todesfälle ist bei Geimpften deutlich geringer als bei Ungeimpften.

Ich kann sehr gut verstehen, dass es nicht schön ist, eventuell zwei Stunden vor dem Impfzentrum zu warten. Aber was ist die Alternative? Einen Termin in einigen Wochen zu erhalten? Wir müssen alle dafür sorgen, dass möglichst viele Erwachsene so schnell wie möglich geimpft werden! Daher lieber doch die Wartezeit in Kauf nehmen. Und die Mitarbeitenden vor Ort arbeiten intensiv daran, die Wartezeiten so kurz wie möglich zu halten. Zudem versuchen die Beschäftigten des Impfzentrums auch alles, um ältere und geschwächte Menschen zu unterstützen und in der Warteschlange vorzuziehen.

Wir haben uns im Impfzentrum Memmingen auch bewusst dafür entschieden, dass wir für alle Menschen offen sind. Was macht es in der Bekämpfung der Pandemie für einen Sinn, nur Ortsansässige zu impfen? Der Arbeitskollege/-in hat den Wohnsitz vielleicht in einem anderen Bundesland oder wohnt 50 km entfernt. Wichtig ist, dass er/sie geimpft ist! Wir verlieren uns bei vielen Diskussionen in Kleinigkeiten. Stattdessen sollten wir alle zusammen stehen, uns aus dieser Situation, die entweder uns selbst, unsere Familien oder Freunde gefährdet, baldmöglichst zu befreien! Und die Grundlage dazu ist wissenschaftlich eindeutig die Impfung, auch wenn sie bis zum Aufbau des Immunschutzes eine gewisse Zeit braucht und auch aufgefrischt werden muss! Aber das ist Medizin und nicht nur bei Covid-19 so."

Oberbürgermeister Manfred Schilder: "Die Impfteams und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Impfzentrums Memmingen machen einen unglaublich guten Job und arbeiten am Limit – sie machen das für uns! Sie impfen stundenlang durch ohne Pause, sie sind schnell, routiniert und dabei immer freundlich. Vor diesem Hintergrund habe ich für Kritik am Impfzentrum überhaupt kein Verständnis. Warten ist unangenehm, ja das stimmt, in der Kälte nochmal mehr. Aber eine Impfung ist kostbar und vielleicht rettet sie das eigene Leben. Das Impfzentrum ermöglicht eine Impfung am selben Tag, das sollte uns die Wartezeit sein."

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