Unterallgäu/Mindelheim

Gemeinsam aktiv trotz Krankheit

Parkinson, Selbsthilfegruppe

Parkinson, Selbsthilfegruppe

Bild: Sandra Baumberger

Parkinson, Selbsthilfegruppe

Bild: Sandra Baumberger

In Mindelheim hat sich eine Selbsthilfegruppe gegründet. Die Mitglieder leiden unter einer chronisch neurologischen Erkrankung wie etwa Parkinson
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Von von Sandra Baumberger
20.05.2020 | Stand: 18:36 Uhr

Marcus Starke und Christine Dehner sind an Parkinson erkrankt und wollen sich mit anderen zusammentun, die wie sie an einer chronisch neurologischen Krankheit leiden. Dazu gehören beispielsweise auch Multiple Sklerose, das Restless-Legs-Syndrom und Chorea Huntington.

Bei den monatlichen Treffen, die nach der Coronakrise stattfinden sollen, soll allerdings nicht die Krankheit im Mittelpunkt stehen, erklären die beiden. Zwar könne man sich natürlich auch jederzeit austauschen. „Aber wir wollen die Betroffenen vor allem aus der Reserve locken“, sagt Marcus Starke. Ihm und Christine Dehner geht es darum, gemeinsam aktiv zu sein und die Freizeit zu verbringen. Denn nicht selten macht eine so schwerwiegende Krankheit einsam – das haben die beiden im Laufe der vergangenen Jahre selbst erfahren.

Zum einen, weil durch die Krankheit vieles nicht mehr so möglich ist, wie es das früher war: Wenn er Radfahren will, ist Marcus Starke heute auf ein Dreirad angewiesen, weil sich die Parkinson-Erkrankung bei ihm auf den Gleichgewichtssinn auswirkt. Der 52-Jährige hat außerdem Probleme beim Treppensteigen und mit dem sogenannten „Freezing“: Vor allem an Durchgängen bleiben seine Füße einfach stehen und er muss ihnen bewusst das Kommando geben, weiterzugehen.

Und zum anderen ist da auch Scham: „Ich schäme mich einfach, wenn ich in der Öffentlichkeit so rumzittere“, sagt Christine Dehner. Dieses Zittern, der sogenannte Tremor, ist eines der wohl bekanntesten Symptome von Parkinson, das deshalb auch unter der Bezeichnung „Schüttellähmung“ bekannt ist. Die Lähmung zeigt sich im sogenannten Rigor, einer schmerzhaften Muskelsteife. Bei Marcus Starke macht sie sich vor allem im linken Arm bemerkbar, den er – als würde er von Zahnrädern bewegt – nur stufenweise anwinkeln kann, wenn der Rigor aktiv ist. Und dann gibt es als drittes Hauptsymptom noch die Akinese, eine hochgradige Bewegungsarmut bis hin zur Bewegungslosigkeit, unter der der ebenfalls an Parkinson erkrankte Kabarettist Ottfried Fischer leidet.

Laut der Mindelheimer Neurologin Dr. Kerstin Göbel sind in Deutschland zwischen 250 000 und 300 000 Menschen von Parkinson betroffen – und es werden immer mehr und die Patienten jünger. Warum das so ist und was die unheilbare Krankheit auslöst, ist unklar. Fest steht nur, dass bei den Betroffenen zu wenig von dem Botenstoff Dopamin gebildet wird und dass in ihrem Gehirn Nervenzellen absterben. „Die Krankheitsverläufe sind sehr individuell“, sagt Kerstin Göbel. Viele landeten erst einmal beim Orthopäden, weil sie eine Steifheit in den Schultern bemerken. Werde die Krankheit schließlich diagnostiziert, sei sie meist schon seit zehn bis 15 Jahren aktiv.

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Auch bei Christine Dehner und Markus Starke begann sie schleichend. „Es ist ja nicht so, dass man den Arm von heute auf morgen nur noch ruckelnd beugen kann“, erklärt er. Zum Arzt ging er deshalb auch nicht wegen seines Arms, sondern weil er eine Depression vermutete. „Ich hab’ mich gefühlt, als hätte ich Honig im Kopf“, sagt er. „Das war alles verzögert.“ Tatsächlich lag das jedoch an der Parkinson-Erkrankung, die zu diesem Zeitpunkt bereits weit fortgeschritten war. Über einen Bekannten hat er Christine Dehner kennengelernt, die auf der Suche nach einer Selbsthilfegruppe war.

Einmal im Monat nach München

In Bad Wörishofen gebe es zwar eine, die Teilnehmer dort seien aber großteils deutlich älter als sie selbst mit ihren 55 Jahren. Weil auch Marcus Starke, der bislang einmal im Monat zu einer Gruppe nach München fährt, Interesse an regelmäßigen Treffen mit Betroffenen in Mindelheim hatte, entstand die Idee, selbst eine Selbsthilfegruppe zu gründen. Sie soll, wenn die Corona-Epedemie abgeebbt ist, jeden ersten Freitag im Monat ab 18 Uhr im Gasthaus Rose (Bahnhofstraße 27a) in Mindelheim stattfinden. Für Rollstuhlfahrer gibt es eine Rampe und außerdem auch eine ebenerdig erreichbare Toilette.

Aber auch spontane Besucher sind willkommen. „Ich will mich aus meinem selbst gebauten Gefängnis befreien, einfach Kontakt zu anderen haben und mal wieder rauskommen“, fasst Christine Dehner zusammen und hofft, dass es anderen genauso geht.