Mewo-Kunsthalle

Kunst in Memmingen: Wie Ware aus China in den Westen kommt

In der Mewo-Kunsthalle in Memmingen hat der Berliner Künstler Paul Kolling optisch den Landweg für Waren aus China in den Westen dargestellt. Die filmische Umsetzung des Schienenweges ist noch bis März 2023 zu sehen.

In der Mewo-Kunsthalle in Memmingen hat der Berliner Künstler Paul Kolling optisch den Landweg für Waren aus China in den Westen dargestellt. Die filmische Umsetzung des Schienenweges ist noch bis März 2023 zu sehen.

Bild: Harald Holstein

In der Mewo-Kunsthalle in Memmingen hat der Berliner Künstler Paul Kolling optisch den Landweg für Waren aus China in den Westen dargestellt. Die filmische Umsetzung des Schienenweges ist noch bis März 2023 zu sehen.

Bild: Harald Holstein

Der Berliner Künstler Paul Kolling hat die Neue Seidenstraße optisch in die Mewo-Kunsthalle geholt. Er zeigt eine filmische Umsetzung des Schienenweges.
05.11.2022 | Stand: 18:00 Uhr

Die Neue Seidenstraße verläuft nun auch durch Memmingen. Der Berliner Künstler Paul Kolling hat den Landweg für Waren aus China in den Westen zumindest optisch in die Mewo-Kunsthalle hereingeholt. Bis März kann die filmische Umsetzung des Schienenweges im ersten Stock unter dem Titel „Westwärts“ bestaunt werden.

Paket mit GPS-Sender verschickt

Gemeinsam mit dem Filmemacher Jack Wolf recherchierte der Künstler aus Berlin über soziale, geopolitische und ökologische Aspekte des chinesischen Megaprojekts, das durch mehrere Kontinente führt. Aus diesem Material entwickelte Paul Kolling eine eigene Filminstallation, mit er 2020 sein Masterstudium der Bildenden Kunst an der Hochschule für bildende Künste abschloss. Er nennt sie „Break of Gauge“, was so viel wie Unterbrechen der Spur bedeutet, da die Bahnlinie oft die Spurenweite wechselt. Um die genauen Daten für die konkrete, wenig bekannte Strecke zu bekommen, stattete der 29-Jährige ein Paket mit einem GPS-Sender aus und verschickte es von China aus nach Hamburg. Möglich wurde das durch ein Reisestipendium, das ihn in das Reich der Mitte führte. Anhand der GPS-Daten reiht er Satellitenbilder aneinander, die Einblicke in den Schienenverlauf des nördlichen Transportweges für Waren aus der chinesischen Stadt Zhenzhou bis nach Hamburg geben.

35-mm-Filmstreifen läuft durch mehrere Projektoren im Raum

Die digitalen Bilder belichtet er auf einem 35-mm-Filmstreifen, der quer durch den Ausstellungsraum durch mehrere Projektoren hindurch wandert. In dem raffiniert ausgetüftelten System laufen Teilabschnitte der über 9000 Kilometer langen Strecke auf mehreren Leinwänden ab. Um die GPS-Daten mit den richtigen Bildern zu verbinden, schrieb er eigens ein neues Programm. Zudem glättete er die gewundene und kurvige Strecke zu einer geraden Linie. Die auf einem 350 Meter langen, analogen 35-mm-Filmstreifen gebannten Satellitenbilder sind also eine hypothetische Rekonstruktion, die auch Fragen zur Wahrnehmung und Aneignung von Wirklichkeit stellen. Sie geben Einblicke in Siedlungen, verkarstete Wüsten und dicht bewachsene, verlassene Regionen, durch die sich die Schienen ziehen.

Eine Fotoserie, die sich mit Wolken beschäftigt, liegt auf dem Boden.
Eine Fotoserie, die sich mit Wolken beschäftigt, liegt auf dem Boden.
Bild: Harald Holstein

„Mich beeindruckt, mit welch handwerklichem Geschick der Künstler das Digitale mit dem Analogen verbindet“, sagt Axel Städter. Er hat die von der Stiftung Kunstfond geförderte Ausstellung kuratiert und vertritt Paul Kolling, der wegen Erkrankung nicht bei der Vernissage dabei sein konnte. Der Künstler wolle dem Fehlen von exakten Informationen zur Zugstrecke begegnen.

Wo Uiguren interniert wurden

Paul Kolling überprüft auch Koordinaten, die die Exilregierung von Ostturkestan zu Standorten chinesischer Internierungslager veröffentlichte. Einige der Lager finden sich auf den Satellitenbildern der Strecke wieder, heißt es. In hinterleuchteten Aufnahmen markiert er mit Garn die genauen Koordinaten der „Suspected Prisons“, in denen mutmaßlich Mitglieder der muslimischen Uiguren interniert werden.

In einem dritten Raum befasst sich der Künstler mit zufälligen Wolkengebilden, die bei der Satellitenfotografie als störend empfunden werden. Die Fotoserie „Clouds over WB190621 No. 1-21“ liegt auf dem Boden und erlaubt es, die steile Perspektive eines Satelliten nachzuempfinden. Die Wolken, die teilweise die Sicht verdecken, zeigen ironisch, dass trotz aller technischer Perfektion das Zufällige und Naturhafte nie komplett ausgeschlossen werden kann und der reinen Rationalität immer einen Strich durch die Rechnung macht.

Künstlergespräch am 2. Februar 2023

Ein Künstlergespräch ist für Donnerstag, 2. Februar 2023, ab 19 Uhr geplant. Die Ausstellung mit dem Titel „Westwärts“ ist in der Mewo-Kunsthalle in Memmingen bis zum 12. März kommenden Jahres zu sehen. Die Öffnungszeiten liegen Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr. Montags (außer an Feiertagen) sowie an Heiligabend und Silvester ist geschlossen. Der Eintritt in alle Museen in Memmingen ist frei.