Zwei Memminger unterhalb der Armutsgrenze erzählen

„Dann gehe ich halt in den Knast“ - Wenn das Geld einfach nicht mehr reicht

Wie es in ihrem Leben weitergehen soll, wissen Tanja und Tom aus Memmingen nicht. Ihre finanzielle Situation hat sich mit Beginn der Preissteigerungen noch einmal verschlechtert – obwohl sie schon zuvor desaströs war.

Wie es in ihrem Leben weitergehen soll, wissen Tanja und Tom aus Memmingen nicht. Ihre finanzielle Situation hat sich mit Beginn der Preissteigerungen noch einmal verschlechtert – obwohl sie schon zuvor desaströs war.

Bild: Andreas Berger

Wie es in ihrem Leben weitergehen soll, wissen Tanja und Tom aus Memmingen nicht. Ihre finanzielle Situation hat sich mit Beginn der Preissteigerungen noch einmal verschlechtert – obwohl sie schon zuvor desaströs war.

Bild: Andreas Berger

Die hohen Preise lassen Tanja und Tom aus Memmingen verzweifeln. Ihnen ging es zuvor finanziell schon schlecht, nun ist die Situation dramatisch. Sie erzählen.
08.09.2022 | Stand: 10:06 Uhr

Weniger duschen? Tanja und Tom lachen. Es ist ein Vorschlag aus der Politik, auf diese Weise Energie und Geld zu sparen, damit Deutschland im Winter die Gasknappheit übersteht. Für die beiden aus Memmingen kommt das nicht in Frage. Denn sie haben keine Dusche. Das Paar wohnt an der Mozartstraße in einem der Mehrfamilienhäuser der Stadt. Auf 24 Quadratmetern. 136 Euro kalt.

Keine Dusche, keine richtige Heizung in der Wohnung

Wie überstehen Menschen mit wenig Geld die jetzige Zeit, in der vor allem wegen des Ukrainekrieges die Preise für fast alles steigen, teils explodieren? Das wollen wir von Tanja, 39, und Tom, 31, wissen. Ihre Namen haben wir für den Artikel geändert. Finanziellen Spielraum hat das Paar nicht. Im Gegenteil: Weil die beiden vor einem halben Jahr ihre Gas-Nachzahlung von etwa 800 Euro nicht bezahlen konnten, wurde ihnen das Gas abgedreht. Das war Anfang März. Bis heute haben sie keines. Im Oktober soll die Nachzahlung abgestottert sein, dann könnten sie wieder in der Wohnung heizen.

Wobei das Wort heizen übertrieben sei, sagt Tom: Um zumindest die kleine Wohnküche wärmen zu können, müssen sie einen Beistellherd, vermutlich aus den 1960er-Jahren, anstellen. Eine richtige Heizung gibt es nicht. Bis ins kleine Schlafzimmer dringe die Wärme nicht vor. Die Matratze sei immer feucht. Schimmel gebe es in der Wohnung auch. Tom zeigt auf dunkle Punkte am Holz-Fensterrahmen. (Schimmelt meine Wohnung, wenn ich zu wenig heize?) Und von all dem abgesehen: Ob der alte Beistellherd einen sparsamen Gasverbrauch hat, wagt er zu bezweifeln. (Lesen Sie auch: Energiekrise: Söder befürchtet Abstieg ganzer Bevölkerungsschichten)

Gutes Essen war ihnen immer wichtig

Sie hätten immer gern gekocht, frische Lebensmittel verarbeitet. „Das ist uns sehr wichtig. Doch jetzt fällt das alles weg“, sagt Tanja. Wegen der hohen Preise. „Früher haben wir immer Fleisch und Wurst beim Metzger gekauft. Jetzt nur noch das abgepackte Zeug“, sagt Tom. „Wir holen halt mal Bananen und Trauben, wenn die im Angebot sind. Sonst haben wir immer die Obstschale voll gehabt, aber das kannst du jetzt knicken.“

Früher, als die beiden noch arbeiteten und es ihnen finanziell ein klein wenig besser ging, gönnten sie sich einmal pro Woche einen Restaurantbesuch. „Gutes Essen ist uns sehr wichtig, es gab uns bei all den Entbehrungen das Gefühl, doch noch am Leben teilzuhaben.“ Das ist vorbei. Zumindest vorerst. (Lesen Sie auch: Hohe Inflation: So sparen die Menschen in Deutschland)

Weniger als 300 Euro in diesem Monat zur Verfügung

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Kommentar

Die teuren staatlichen Zuschüsse für Strom und Gas werden jahrelang bleiben müssen

Tanja und Tom arbeiteten bis zum Sommer im Einzelhandel. Dann wurde beiden gekündigt. Wegen ihrer Krankheiten, sagen sie. Sie zum Beispiel hat Rückenprobleme und Depressionen. Die finanzielle Situation änderte sich von schlecht zu dramatisch. Zu den monatlichen Unterhaltsverpflichtungen aus einer von Toms früheren Beziehungen und Schulden-Raten kam die Preissteigerung in vielen Lebensbereichen. Zumindest Tom würde zwar nach der Kündigung Arbeitslosengeld I zustehen. Doch weil er lange auf wichtige Dokumente seines ehemaligen Arbeitgebers warten musste, konnte er es noch nicht beantragen, sagt er. Das will er nun nachholen. So bekamen sie im September Hartz IV.

Nach Abzug der Stromkosten und all der Verbindlichkeiten stehen ihnen in diesem Monat weniger als 300 Euro zur Verfügung. Für Einkauf, Telefon, Internet und andere alltägliche Ausgaben. Dazu wird vielleicht auch Geld für Nachbarn gehören. Dort dürfen die beiden nämlich duschen. Und weil warmes Wasser wegen der enormen Gaspreise immer teurer wird, überlegen Tanja und Tom, wie sie sich für das Duschen erkenntlich zeigen können.

Er will arbeiten, kann aber erst mal nicht

Ein Auto können sich die beiden nicht leisten. Deshalb haben sie sich über das 9-Euro-Ticket gefreut, das jetzt auslief. Nun überlegen sie genau, ob sie sich eine Fahrt etwa in die Innenstadt leisten wollen – gerade im bevorstehenden Winter. Der Ticketpreis sei von 1,60 Euro auf 2,20 Euro erhöht worden – für eine Strecke und pro Person. Da nutzten sie lieber das Rad.

Doch in wenigen Wochen hat Tom eine Operation am Handgelenk. Dann werde er lange nicht radfahren können, sagt er. Und dann? Er zuckt mit den Schultern. Überhaupt macht ihm die OP zu schaffen. Eine Ärztin habe gesagt, dass er seine Hand danach wohl nicht mehr so bewegen kann wie jetzt. Doch die OP müsse sein: Ein komplizierter Bruch vor einigen Jahren sei nicht ordentlich behandelt worden und bereite ihm nun Schmerzen. Dabei will er arbeiten, Geld verdienen, sich und seine Partnerin Stück für Stück aus der Krise befreien. Irgendwann, sobald die Schulden, die nicht nur aus der Gas-Nachzahlung bestehen, abbezahlt seien, bleibe mehr vom Lohn. Das sei die einzige Lösung.

"Dann gehe ich halt in den Knast"

Doch bis Sommer 2023 werde das nichts. Denn vermutlich sei eine zweite OP am Handgelenk nötig. Dann könne er wieder einige Wochen nicht arbeiten. „Wie sollen wir das alles stemmen?“ Weitere Möglichkeiten, zu sparen, gebe es nicht. Tanja guckt ernst: „Du suchst nach Lösungen. Und dann sagst du: Gut, dann gehe ich halt in den Knast. Da habe ich dreimal am Tag Essen, eine Dusche, da stellt mir niemand das Gas ab.“

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