Kunst in Memmingen

Mewo-Kunsthalle zeigt Werk einer früh verstorbenen Künstlerin

Eine neue Ausstellung in der Mewo-Kunsthalle Memmingen zeigt Malereien und Videoarbeiten von Beryl Kappelmann. Die Künstlerin, die kurz vor dem Abschluss an der Kunsthochschule Kassel stand, ist 2021 im Alter von 24 Jahren überraschend gestorben.

Eine neue Ausstellung in der Mewo-Kunsthalle Memmingen zeigt Malereien und Videoarbeiten von Beryl Kappelmann. Die Künstlerin, die kurz vor dem Abschluss an der Kunsthochschule Kassel stand, ist 2021 im Alter von 24 Jahren überraschend gestorben.

Bild: Brigitte Hefele-Beitlich

Eine neue Ausstellung in der Mewo-Kunsthalle Memmingen zeigt Malereien und Videoarbeiten von Beryl Kappelmann. Die Künstlerin, die kurz vor dem Abschluss an der Kunsthochschule Kassel stand, ist 2021 im Alter von 24 Jahren überraschend gestorben.

Bild: Brigitte Hefele-Beitlich

Beryl Kappelmann blieb nur wenig Zeit als Künstlerin: Sie starb noch vor ihrem Abschluss an der Kunsthochschule Kassel überraschend mit 24 Jahren.
01.12.2022 | Stand: 17:30 Uhr

Eine Einzelausstellung mit Arbeiten einer Kunststudentin in der Mewo-Kunsthalle? Das ist ungewöhnlich. Der Anlass dafür ist ein trauriger – und zugleich die verdiente Würdigung des beeindruckenden Werks von Beryl Kappelmann, die im vergangenen Jahr mit nur 24 Jahren völlig unerwartet gestorben ist.

„Portfolio“ heißt die Schau, denn Kunsthallenleiter Axel Lapp kannte zunächst nur ein digitales Portfolio der jungen Künstlerin, die oft als Besucherin in der Mewo-Kunsthalle war. Sie hatte sich auf diese Weise nach Ausstellungsmöglichkeiten erkundigt. Zu einem Treffen kam es nicht mehr.

Gedächtnisausstellung an der Kunsthochschule Kassel

Im Original gesehen hat Lapp die Bilder und Videoarbeiten erst bei der Gedächtnisausstellung für Beryl Kappelmann diesen Juni in der Ausstellungshalle der Kunsthochschule in Kassel. Er fand sie so spannend, dass er Kappelmanns Werk jetzt nach Memmingen geholt hat – in erster Linie die Auswahl, die sie ihm selbst geschickt hatte.

Auch ganz frühe Arbeiten sind darunter, die schon in der Schulzeit entstanden sind. Man erkennt bereits das große Talent und kann in der Ausstellung mitverfolgen, wie es sich in wenigen Jahren entfaltet hat, wie sich der Blick schärft und die Bildsprache festigt.

Dieses Selbsporträt mit Selfie hat Beryl Kappelmann in ihrem Todesjahr 2021 gemacht.
Dieses Selbsporträt mit Selfie hat Beryl Kappelmann in ihrem Todesjahr 2021 gemacht.

Beryl Kappelmann ist 1996 in Memmingen geboren, in Tannheim aufgewachsen, hat in Ochsenhausen Abitur gemacht und an der Kunsthochschule Kassel studiert. 2022 wollte sie ihren Abschluss machen. Sie war in der Klasse des Videokünstlers und Professors für Virtuelle Realitäten Bjørn Melhus. Mehrere Videoarbeiten zeugen davon, wie souverän Beryl Kappelmann mit diesem Medium zu spielen wusste. Ab 2020 hat sie zusätzlich Politik und Philosophie studiert, auch das schlägt sich nieder in ihrer künstlerischen Arbeit, ihre Aussage wird zunehmend politischer – in den Filmen ebenso wie in ihren Bildern.

Fülle an Installationen, Zeichnungen, Malereien und Videos

Panzer tauchen darin auf – in Kassel wird der Leopard gebaut – oder eine Flugzeugflotte über abstrahierten Köpfen („Aviat“). Flächige, chiffrenhafte Darstellungen in kräftigen Farben sind das, mit angedeuteten Landschaften oder wie frei schwebenden Personen darin. Vieles, was eine Gruppe aus Freunden, Kommilitonen und Lehrenden in Beryl Kappelmanns Atelier nach deren Tod entdeckt hat, ist nicht datiert, hat keine Titel, manchmal bleibt unklar, ob das Bild schon fertig war. Es gibt wenig Aufzeichnungen darüber. Allein die Fülle an Installationen, Zeichnungen, Malereien und Videos, die Beryl Kappelmann in der kurzen Zeit, die ihr als Künstlerin blieb, geschaffen hat, ist herausragend. Viel mehr aber ist es die Qualität dieses dichten, kritischen, dann wieder humorvollen Werks.

Die Künstlerin ging ihre Themenkomplexe wie Militarismus, Identität oder Organismen als Forschende an. Sie setzte sich intensiv mit den Menschen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft auseinander und richtete ihren analytischen Blick auf unsere krisengebeutelte Welt.

Kluge und ironische Selbstanalyse

Eine ebenso intelligente wie selbstironische Arbeit – und nun ein berührendes Vermächtnis – ist Beryl Kappelmanns Video „Stastriptease“, in dem sie in einer Ecke sogar selbst zu sehen ist. Darin betrachtet sie zurückblickend ihre Lebensjahre zwischen 2008 und 2018 anhand verschiedenster Parameter. Sie betreibt ihre Selbstanalyse in Lebensbereichen wie Beziehung, Bildung, Selbstständigkeit, soziale Orientierung, Freiheit, Hoffnung oder Träumen und stellt das statistische Gutachten ihrer Persönlichkeitsentwicklung als Powerpoint-Vortrag mit Tabellen, Diagrammen, Kurven und Grafiken dar. Dazwischen zitiert sie aus ihren Tagebucheinträgen: Was für ein spannender Kontrast zwischen den fast poetischen Texten und dem nackten Zahlenmaterial. Und was für eine einmalige Dokumentation der Gedankenwelt einer jungen Erwachsenen, die sich dabei sehr sicher auf dem schmalen Grat zwischen ernsthaften psychologischen Studien und gewitzter Selbstironie bewegt.

Beryl Kappelmann zieht in ihrem Statistik-Striptease auch Schlüsse, was sie an sich ändern muss, macht Trends aus und stellt sich selbst schließlich folgende Zukunftsprognose: Als „offener Mensch“ mit einer „gesunden Haltung“ und einer „optimistischen Lebenshaltung gehe ich davon aus, dass ich am 12.4.2080 glücklich sterben werde“. Was bis dahin tatsächlich aus ihr geworden wäre? Es ist müßig, diese Frage zu stellen, aber man sollte diese sehenswerte Ausstellung unbedingt besuchen und sich Zeit nehmen für das Geschenk, das Beryl Kappelmann hinterlassen hat.

Zu sehen bis zum 19. Februar 2023; geöffnet hat die Mewo-Kunsthalle Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr, Eintritt frei.