Stadtmuseum Memmingen

Neu: Ausstellung „VerVolkt“ - kann Spuren von Nazis enthalten"

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Teil von „VerVolkt“ ist die Abschlusspräsentation der Wanderausstellung „Geliebte Gabi. Ein Mädchen aus dem Allgäu – ermordet in Auschwitz“ im Stadtmuseum.

Bild: Kirstin Köllner

Teil von „VerVolkt“ ist die Abschlusspräsentation der Wanderausstellung „Geliebte Gabi. Ein Mädchen aus dem Allgäu – ermordet in Auschwitz“ im Stadtmuseum.

Bild: Kirstin Köllner

Sammlungsprojekt „VerVolkt“ zum Thema Nationalsozialismus und Antisemitismus startet draußen. Es soll mit Erzählungen, Dokumenten und Objekten von Bürgern wachsen.
14.05.2021 | Stand: 14:30 Uhr

Gut, dass ein Teil dieser Ausstellung fürs Freie konzipiert war. Nur deswegen kann sie jetzt wie geplant zum Internationalen Museumstag am Sonntag, 16. Mai, eröffnen: Dann beginnt das Jahresprojekt des Stadtmuseums mit dem provokanten Titel „VerVolkt – dieses Projekt kann Spuren von Nazis enthalten“ auf dem Martin-Luther-Platz mit einer Open-Air-Schau. Anschließend soll bis Ende Januar 2022 auf vielfältige Weise – mit Beiträgen drinnen und draußen sowie an verschiedenen Orten – eine ganze „Erinnerungslandschaft“ zum Thema Nationalsozialismus entstehen. Jeder kann sie mitgestalten.

„VerVolkt“ ist ein Sammlungsprojekt, mit dem sich das Stadtmuseum am Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ beteiligt. Es soll aufmerksam machen auf Antisemitismus in unserer Gesellschaft – auf das, was nie wirklich weg war, sondern immer noch allgegenwärtig ist. Aber vor allem soll das Projekt erinnern: an die Verfolgten und die Opfer des Nationalsozialismus in Memmingen und dem Unterallgäu.

Auch Homosexuelle waren Opfer

Die Stelen der Open-Air-Ausstellung auf dem Martin-Luther-Platz thematisieren solche Opfergruppen. Und das waren nicht nur Juden. „Verfolgt wurden zu Beispiel auch Homosexuelle, dieses Thema wurde bisher im Allgäu noch gar nicht erforscht“, sagt Kuratorin Regina Gropper. Um mehr darüber zu erfahren, stellt sie sogenannte Erinnerungsboxen auf, in denen jeder Erinnerungen oder auch Erzählungen aus zweiter Hand zu diesem und weiteren Themen hinterlassen kann. Außerdem sind dort über QR-Codes Filme mit zusätzlichen Informationen abrufbar. Gesammelt werden mündliche und schriftliche Überlieferungen und auch Objekte, die ein persönliches Bild von der Herrschaft der Nationalsozialisten in Memmingen und Umgebung vermitteln können.

Einiges erfahren Besucher auf dem Martin-Luther-Platz aber auch über aktuellen Rechtsradikalismus und Antisemitismus im Allgäu. Wo findet Alltagsrassismus und Ausgrenzung heute statt? Auch dazu kann man seine persönlichen Erfahrungen hinterlassen, per QR-Code oder E-Mail ans Stadtmuseum.

Film von Leo Hiemer im Zentrum

Doch das ist erst der Anfang. Sobald das Stadtmuseum wieder öffnen darf, erwarten die Besucher dort weitere spannende Projekte. Schicksalsberichte, Fotografien und Filme erzählen von vom Nationalsozialismus Verfolgten aus Memmingen und dem Allgäu. Im Fokus stehen Schicksalsberichte Memminger Juden, „Rassenschande“ auf dem Land, verfolgte Kinder und Jugendliche sowie Berichte über Nachkommen von Verfolgten des Nationalsozialismus. Der Film „Kann Spuren von Nazis enthalten“ des Allgäuer Filmemachers Leo Hiemer bildet das Zentrum des Projekts, als Schnittstelle zwischen Stadt und Land, Verfolgten und Verfolgern, Gestern und Heute. Hiemer hat ihn eigens für die Ausstellung gedreht. Fotografien von Julius Guggenheimer (1885 bis 1943) und Zeichnungen aus dem KZ-Außenlager Kempten – es war in der Tierzuchthalle (heute Allgäuhalle) – ermöglichen einen zusätzlichen Blick in die Vergangenheit.

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Mit der Wanderausstellung „Geliebte Gabi. Ein Mädchen aus dem Allgäu – ermordet in Auschwitz“ wird das Ausstellungsprojekt abgerundet. Sie gibt Einblick in das Leben von Gabriele Schwarz, Tochter einer Augsburger Jüdin, die als kleines Mädchen fünf glückliche Jahre bei einer Bauernfamilie im Allgäu verbrachte. Bis sie in der Gaskammer in Auschwitz umgebracht wurde. Ihr Schicksal steht stellvertretend für das von 1,5 Millionen ermordeter Kinder.

Zahlreiche Unterstützer

Seit dem Spätsommer vergangenen Jahres arbeitet Gropper zusammen mit einer ganzen Reihe von Mitwirkenden am Sammlungsprojekt „VerVolkt“. Ermöglicht wurde es durch Förderungen des Bayerischen Kulturfonds 2021, von „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, dem Bezirk Schwaben und der Viermetz-Stiftung. „Mit den Mitteln des Stadtmuseums hätten wir das niemals stemmen können“, sagt sie. Unterstützung gab es aber nicht nur finanzieller Art. „Das Schönste war für mich, wie viele Menschen sich bereits in der Vorbereitungsphase zu Wort gemeldet und Beiträge angeboten haben, obwohl das Projekt noch gar nicht publik war“, berichtet Gropper. Autor Robert Domes etwa („Nebel im August“) oder Michael von Cranach (ehemaliger Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren und Vorreiter bei der Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“). Nun ist es an den Bürgern, sich mit Erinnerungsstücken, Fotografien, Dokumenten, Objekten, aber auch ihrem Wissen und ihren Erinnerungen einzubringen. Daraus soll dann die Ausstellung „VerVolkt II“ entstehen, die ab Herbst bis Ende Januar 2022 im Stadtmuseum präsentiert wird.

Umfangreiches Begleitprogramm

Zur Ausstellung ist ein umfangreiches Begleitprogramm geplant. Die Veranstaltungen bieten Gelegenheit zu interreligiösem Dialog und offener Diskussion und sind antürlich von der jeweils aktuellen Corona-Lage abhängig.

Film: „Leni … muss fort“ von Leo Hiemer (unter anderem 26. Oktober im Kaminwerk)

Konzerte: Lancy und Bobby Falta (11. Juni, Kaminwerk); Band Sistanagila (24. September, Dampfsäg)

Theater: Ab 26. Oktober, Theater in Kempten: „Die Jüdin und der Kardinal“ von Leo Hiemer, Inszenierung Silvia Armbruster

Stadtführungen: „VerVolkt: Impuls-Stadtführung zu Memmingens jüdischer Vergangenheit“ mit Sabine Streck (verschiedene Termine)

Begleitausstellung: Ab 13. Juli in der Stadtbibliothek zum Gedenken an die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933

Vortrag: Sebastian Lipp (Allgäu rechtsaußen), „Wie vor unserer Tür ein brauner Sumpf gedeiht und was wir dagegen tun können“ (11. August, Stadtmuseum)

Exkursion: Das jüdische Fellheim entdecken (5. September)

Jiddisch: Vhs-Online-Kurs „Jiddisch zum Kennenlernen – Eine kurze Einführung“ mit Matthias Heilmann (5. und 6. Juni); „Singt ojf Jiddisch!“ – Jüdische Lieder und Geschichten (15. November, Dietrich-Bonhoeffer-Haus, Kooperation von Vhs und Stadtmuseum mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Arbeitsgemeinschaft Memmingen-Kempten-Allgäu und der Stadt Memmingen)

Kochkurs: „Koschere Küche“ (21. Oktober, Staatliche Realschule)

Schüler: Ab September Führungen für Schulklassen im Stadtmuseum mit Leo Hiemer/Regina Gropper

Lesungen: Regina Gropper, „Es darf nicht sein! Bericht einer Allgäuer Magd über eine lebensgefährliche Liebe“ (12. August); Leo Hiemer, „Gabi (1937-1943): Geboren im Allgäu – ermordet in Auschwitz“ (13. August).

Broschüre: Zur Ausstellung gibt es eine Broschüre mit vielen Infos und dem umfangreichen Rahmenprogramm. Erhältlich ist sie im Stadtmuseum, der Tourist Information, dem Kulturamt und der Stadtbibliothek in Memmingen.