Geschichte

Neue Stolpersteine erinnern an Opfer der Nazis in Memmingen

Die Neuntklässlerin Romy Heinrich und der Zehntklässler Niklas Reißner aus der Staatlichen Realschule legen Blumen am Stolperstein für Martha Zettler in der Lindauer Straße 28 nieder. Links OB Manfred Schilder, rechts Helmut Wolfseher vom Verein „Stolpersteine in Memmingen“.

Die Neuntklässlerin Romy Heinrich und der Zehntklässler Niklas Reißner aus der Staatlichen Realschule legen Blumen am Stolperstein für Martha Zettler in der Lindauer Straße 28 nieder. Links OB Manfred Schilder, rechts Helmut Wolfseher vom Verein „Stolpersteine in Memmingen“.

Bild: Alexandra Wehr/Stadtverwaltung Memmingen

Die Neuntklässlerin Romy Heinrich und der Zehntklässler Niklas Reißner aus der Staatlichen Realschule legen Blumen am Stolperstein für Martha Zettler in der Lindauer Straße 28 nieder. Links OB Manfred Schilder, rechts Helmut Wolfseher vom Verein „Stolpersteine in Memmingen“.

Bild: Alexandra Wehr/Stadtverwaltung Memmingen

Schüler engagieren sich. Prof. von Cranach stellt Schicksale der Opfer vor: Wenn Menschen "zu nichts zu gebrauchen" waren, war das ein Todesurteil.
Die Neuntklässlerin Romy Heinrich und der Zehntklässler Niklas Reißner aus der Staatlichen Realschule legen Blumen am Stolperstein für Martha Zettler in der Lindauer Straße 28 nieder. Links OB Manfred Schilder, rechts Helmut Wolfseher vom Verein „Stolpersteine in Memmingen“.
Von Redaktion Memminger Zeitung
22.09.2020 | Stand: 17:30 Uhr

115 „Stolpersteine“ erinnern in Memminger Straßen bereits an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Weitere Gedenksteine, vor allem für Opfer von „NS-Euthanasie“ – also von Morden der Nationalsozialisten an Kranken, Patienten der Psychiatrie und Menschen mit Behinderung –, wurden nun auf Einladung des Vereins „Stolpersteine in Memmingen“ von Schülern der Staatlichen Realschule verlegt.

„Ich freue mich ganz besonders, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen und das Gedenken an diese dunkle Zeit unserer Geschichte aufrechterhalten“, würdigte Schirmherr Oberbürgermeister Manfred Schilder. Die inzwischen siebte Verlegung von Stolpersteinen in Memmingen wurde geleitet von Helmut Wolfseher, dem langjährigen Vorsitzenden des Vereins „Stolpersteine in Memmingen“.

In Professor Michael von Cranach stellte einer der wichtigsten Experten zur Euthanasie im Nationalsozialismus die Schicksale der Memmingerinnen Marie Stetter (Gedenkstein in der Herrenstraße 3) und Martha Zettler (Lindauer Str. 28) vor, die in den 1940er Jahren in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren ermordet worden waren. Stand in der Krankenakte der Patienten der Kaufbeurer Anstalt „zu nichts zu gebrauchen“, kam der Eintrag einem Todesurteil gleich, erklärte Michael von Cranach. Viele wurden im sogenannten „Hungerkostprogramm“ ermordet. Der Psychiater Michael von Cranach war von 1980 bis 2006 Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren und leistete durch seine Forschungen zur Geschichte der Klinik einen erheblichen Beitrag zur Aufarbeitung der Rolle der Psychiatrie während des Nationalsozialismus in Deutschland.

Gepflegt werden die Stolpersteine, die eine in Messing eingravierte Inschrift tragen, unter anderem von Schülern der Staatlichen Realschule, die dazu eine Patenschaft übernommen haben. Schulleiter Jörg Link, Geschichtslehrer Simon Stein, die Neuntklässlerin Romy Heinrich und die Zehntklässler Kim Güthler und Niklas Reißner begleiteten die Verlegung. Die Jugendlichen versenkten den Stein in den vom Bauhof vorbereiteten Mulden im Gehsteig, sie verlasen die Lebensgeschichten der Opfer und legten Blumen nieder.

In der Ulmer Straße 17 wurde ein Gedenkstein für Anna Feiner verlegt, die 1941 ermordet worden war. Ihr Neffe, der ehemalige Stadtrat Erich Feiner, nahm mit Familienmitgliedern an der Verlegung teil. Auch bei der Verlegung eines Gedenksteins für Karl Metzeler, die bereits einige Tage zuvor mit OB Manfred Schilder und Staatssekretär Klaus Holetschek Im Dickenreis 11 erfolgt ist, nahmen mit Familie Renz Angehörige teil. Karl Metzeler war im Alter von 28 Jahren 1940 ermordet worden. Zum Gedenken an die Opfer verlas Egon Sterzer vom Verein „Stolpersteine in Memmingen“ an jeder Verlegestelle einen Psalm. Für Josef Hirt, der 1943 wegen kleinen Diebstählen wie dem Erschwindeln einer Kleiderkarte hingerichtet worden war, wurde in der Schwesterstraße 16 ein Stolperstein verlegt.

Die einzelnen Schicksale der NS-Opfer wurden in Memmingen erforscht vom Vereinsvorsitzenden Helmuth Wolfseher sowie von Vorstandsmitglied und Geschichtslehrer am Bernhard-Strigel-Gymnasium, Dr. Thomas Epple – teilweise in Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern.

  • Hintergrund: Mit den „Stolpersteinen“ des Künstlers Gunter Demnig wird in Deutschland und europaweit an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. In der Regel nimmt der Künstler die Verlegungen persönlich vor. In Memmingen fand diese Verlegung erstmals ohne ihn statt. In Deutschland wurden in mehr als 1250 Kommunen Stolpersteine verlegt. Auf Initiative des im Jahr 2013 gegründeten Vereins „Stolpersteine in Memmingen“ wurden in Memmingen inzwischen 120 Stolpersteine verlegt. Der Verein freut sich über Spenden und Patenschaften für weitere Gedenksteine. Weitere Informationen gibt es unter https://www.stolpersteine-mm.de