Heim in Memmingen

Wegen Personalmangels geschlossen: Seniorenheim in Memmingen derzeit dicht

Steht derzeit leer: das Seniorenheim an der Badgasse in Memmingen.

Steht derzeit leer: das Seniorenheim an der Badgasse in Memmingen.

Bild: Andreas Berger

Steht derzeit leer: das Seniorenheim an der Badgasse in Memmingen.

Bild: Andreas Berger

Heimschließung wegen Personalmangel: Die Pflegeeinrichtung der AWO an der Badgasse in Memmingen ist vorübergehend nicht mehr bewohnt.
01.03.2022 | Stand: 06:30 Uhr

Das Seniorenheim der AWO an der Badgasse in Memmingen ist vorübergehend geschlossen worden. Grund: zu wenig Pflegepersonal. Die 21 Bewohnerinnen und Bewohner wurden ins Seniorenheim Am Hühnerberg in Memmingen verlegt, das ebenfalls zur Arbeiterwohlfahrt Schwaben gehört.

Die ohnehin angespannte personelle Situation in der Pflege sei im Seniorenheim an der Badgasse durch die Corona-Impfpflicht für Mitarbeitende der Pflegebranche verschlimmert worden, sagt Brigitte Protschka, Präsidentin der AWO Schwaben, auf Anfrage unserer Redaktion: Die Pflegekräfte des Seniorenheims seien zu einem erheblichen Teil nicht geimpft. Und der Schlingerkurs der Staatsregierung bezüglich der einrichtungsbezogenen Impfpflicht habe viele Mitarbeitende verunsichert. Diese psychische Belastung habe nun vermehrt zu Krankheitsfällen geführt. Folge: Das Heim musste vorübergehend schließen. Das sei recht schnell geschehen, absehbar sei es nicht gewesen.

Schon zuvor war es wegen langzeiterkrankten Mitarbeitenden nicht vollbelegt: von insgesamt 39 Plätzen waren nur 21 besetzt. Bisher seien Krankheitsfälle durch Mitarbeitende aus anderen Einrichtungen der AWO Schwaben größtenteils aufgefangen worden. Die Lücke nun sei aber zu groß.

Ihre Mutter, die an Demenz leide, habe sich im Heim an der Badgasse sehr wohl gefühlt, hat uns eine Frau aus Memmingen geschrieben. „In einem neuen Pflegeheim ist wieder alles neu, die Pflegebedürftigen müssen sich erst wieder eingewöhnen in den neuen Räumlichkeiten, gerade bei Demenzkranken ist das fatal. (...) In meinen Augen war diese Situation des Personalmangels schon vorher akut, jedoch nun mit der Impfpflicht für Pflegepersonal hat sich alles drastisch zugespitzt. Warum überlegen sich unsere Politiker nicht vorher, was damit alles ausgelöst wird?“

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Die Seniorinnen und Senioren waren vor einigen Tagen mit Krankentransporten und einem privaten Transportunternehmen von der Badgasse an den Hühnerberg verlegt worden, sagt Brigitte Protschka. Auch die meisten Pflegekräfte aus der Badgasse arbeiteten nun am Hühnerberg. Dort sei ausreichend Platz für die zusätzlichen Bewohner. So hätten Zimmer auch nicht mehrfach belegt werden müssen.

Zunächst bis 30. Juni dieses Jahres soll das Seniorenheim in der Altstadt geschlossen bleiben. „Der weitere Verlauf wird situationsabhängig entschieden.“ Doch eines sei sicher, sagt Brigitte Protschka: Die Einrichtung an der Badgasse bleibe generell erhalten.

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Doch wie will die AWO Mitarbeiter für den Pflegebereich finden, wo doch deutschlandweit solche Fachkräfte immer seltener werden? Für die akute Personalnot hat die AWO Schwaben die Aktion „Pflegepool Schwaben“ gestartet: Sie hat Menschen aufgerufen, in Pflegeheimen auszuhelfen. Menschen mit Erfahrung in der Pflege, Pflegekräfte im Ruhestand, solche, die sich in diesem Bereich engagieren wollen. Schon eine Aushilfskraft, die die Coronatests in einer Einrichtung übernehme, entlaste das Personal, sagt Brigitte Protschka. Und die Aktion sei erfolgreich: Bisher hätten sich schon mehr als 100 Menschen gemeldet, die aushelfen wollen. Darunter seien auch Fachkräfte. So könne die derzeit dramatische Personalsituation etwas abgefedert werden. Doch um die Situation langfristig zu verbessern, sei auch die Politik gefragt (siehe unten).

AWO-Präsidentin: So muss die Pflege attraktiver werden

Um die Personalnot im Pflegebereich langfristig zu lindern, sei vor allem die Politik gefragt, sagt Brigitte Protschka, Präsidentin der AWO Schwaben. Die Rahmenbedingungen für Arbeitskräfte müssten verbessert werden. Brigitte Protschka nennt Beispiele:

  • Bundesweit allgemeinverbindlicher Tarifvertrag: Bisher sind Tarifverträge von Träger zu Träger unterschiedlich. So gebe es auch Arbeitgeber, die schlechte Verträge anbieten, beispielsweise mit schlechterer Bezahlung. Und so etwas wirke sich negativ auf das öffentliche Bild der Pflegebranche aus. Deshalb müsse gewährleistet werden, dass Pflegekräften überall gleich gute Mindestbedingungen angeboten werden – egal in welchem Unternehmen. So könne es geschafft werden, dass sich wieder mehr Menschen für einen Beruf in der Altenpflege interessieren, sagt Protschka.
  • Gesundheit der Mitarbeiter fördern: In einem bundesweit allgemeinverbindlichen Tarifvertrag müsse es Angebote für Pflegefachkräfte geben, die den Beruf schmackhaft machen. Zum Beispiel gesundheitsfördernde Angebote wie Fitnesskurse und psychologische Beratung.
  • Planbare Freizeit: Wenn jetzt ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin im Pflegeheim krank wird, muss eine Kollegin oder ein Kollege aus der Freizeit geholt werden, um einzuspringen. Und das passiere oft. „Da leiden die Pflegekräfte sehr drunter.“ Deren Freizeit müsse unbedingt wieder planbar sein. Die Lösung: Springer-Personal. Damit diese Idee funktioniert, müssten Springer zusätzlich angestellt werden. Dafür müsste das Land bereit sein, diese zusätzlichen Kosten zu übernehmen, fordert Protschka.
  • Gleiche Bezahlung für Krankenhaus und Pflegeheim: Die AWO Schwaben fordert, das Pflegefachkräfte überall gleich bezahlt werden – ob sie in Krankenhäusern oder in Pflegeheimen arbeiten. Zwar ist die Ausbildung, die für beide Fachgebiete absolviert werden muss, identisch. Doch sei die Bezahlung in Krankenhäusern besser. So wählten Pflegefachkräfte dann öfter diese Einrichtungen als Arbeitgeber.
  • Leichtere Dokumentation: „Die AWO Schwaben arbeitet mit Nachdruck an der Umsetzung einer Digitalisierungsstrategie zur Verbesserung der Verfahrensabläufe in Fragen der Pflegedokumentation und in Fragen der Dienstplangestaltung. Hierdurch können Pflegekräfte zeitlich entlastet werden. Eine Umsetzung ist für die zweite Jahreshälfte 2022 geplant.“
  • Hilfe bei der Wohnungssuche: Die AWO Schwaben hilft nach eigenen Angaben ihren Pflegekräften, Wohnungen zu finden. In Memmingen etwa arbeitet sie dafür mit der Memminger Wohnungsbau eG, Mewo, zusammen.

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