Klimawandel

Projekt sorgt für Stabilität im Memminger Wald

Bei der Pflanzfläche im Memminger Wald: (von links) Forstwirt Johann Tichy, Revierleiter-Nord Bernd Schuster, 2. Vorsitzender Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft Meinhard Süß und Forstamtsleiter Stefan Honold.

Bei der Pflanzfläche im Memminger Wald: (von links) Forstwirt Johann Tichy, Revierleiter-Nord Bernd Schuster, 2. Vorsitzender Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft Meinhard Süß und Forstamtsleiter Stefan Honold.

Bild: Manuela Frieß/Stadt Memmingen

Bei der Pflanzfläche im Memminger Wald: (von links) Forstwirt Johann Tichy, Revierleiter-Nord Bernd Schuster, 2. Vorsitzender Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft Meinhard Süß und Forstamtsleiter Stefan Honold.

Bild: Manuela Frieß/Stadt Memmingen

Auf Memminger Flächen werden im Zuge eines bundesweiten Modellversuchs Weißtannen gepflanzt. Im Fokus stehen besonders Bäume, die aus Rumänien stammen.
Bei der Pflanzfläche im Memminger Wald: (von links) Forstwirt Johann Tichy, Revierleiter-Nord Bernd Schuster, 2. Vorsitzender Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft Meinhard Süß und Forstamtsleiter Stefan Honold.
Von Redaktion Allgäuer Zeitung
07.04.2021 | Stand: 15:04 Uhr

Sie hat so viele Vorteile, dass es schon schwierig ist, nicht ins Schwärmen zu geraten, wenn man von der Weißtanne spricht. „Sie kann locker 400 Jahre alt werden, hat klassisches weißes Nadelholz, das man als Bauholz verwenden kann, sie wurzelt mit ihrer Pfahlwurzel sehr tief und wächst auch im Schatten sehr gut“, zählt Meinhard Süß von der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) auf.

Deshalb werden derzeit auf einer Fläche der Unterhospitalstiftung fast 500 Weißtannen gepflanzt: die Hälfte davon aus rumänischen Samen gezogen, die andere Hälfte mit süddeutschen Vorfahren. In der Gegend in Rumänien, aus der die Samen stammen, ist es durchschnittlich 2 bis 3 Grad wärmer als hier: Sie hat im Winter aber trotzdem regelmäßig Frost. Deshalb soll untersucht werden, ob Tannen von dort sich mit dem zu erwartenden Klima in unseren Breiten leichter tun als die heimische Art.

Auf 20 bis 30 Jahre hinaus vorausschauen

Während ein Landwirt auf seinen Flächen jedes Jahr eine andere Fruchtfolge testen könne, brauche ein naturnaher Waldumbau mehrere Jahrzehnte, erklärt Forstamtsleiter Stefan Honold. „Deshalb müssen wir schon jetzt daran denken, wie unser Wald mit dem Klima in 20 bis 30 Jahren zurechtkommt“, gibt Honold zu bedenken. Vor allem, da der „Brotbaum“ der Allgäuer Wälder, die Fichte, klar zu den Verlierern des Klimawandels zähle.

Die Fichte solle nicht komplett verdrängt werden, aber mit ihren flachen Wurzeln gerät sie in trockenen warmen Jahren leicht in Trockenstress und wird anfällig für die beiden Fichtenschädlinge Buchdrucker und Kupferstecher. Deshalb soll die Weißtanne ihr künftig verstärkt zur Seite stehen. Sie durchbohre mit ihren tiefen Wurzeln sogar dicke Lehmschichten und halte so auch stürmischen Winden besser stand, erzählt der Forstamtsleiter.

Beim nachhaltigen Waldumbau setze das Memminger Forstamt neben den Tannen jedoch auch auf Buchen, Ahorn und Eichen. Auch Baumhasel oder Esskastanien habe man schon gepflanzt: alles, um die Diversität der Pflanzen zu fördern und den gewünschten Mischwald so gegen Schädlinge und Trockenheit besser zu wappnen.

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Schon im Herbst haben die Mitarbeiter des Forstamts die Fläche von 2500 Quadratmetern in einem Fichtenforst bei Holzgünz vorbereitet, damit man diesen Bereich in den kommenden Jahren in Ruhe lassen kann. Die Bäume dort sind alle ungefähr 55 Jahre alt. Um zu sehen, welcher Baum stabil und zukunftsfähig ist, sieht man sich die Krone an, die auf das Wurzelwerk Rückschlüsse gibt. „Diesen Bäumen geben wir mehr Raum, damit sie in Breite und Höhe zulegen können“, erzählt Revierleiter Bernd Schuster.

Fichten, die sich in den kommenden Jahren nicht gut weiterentwickeln würden, wurden teilweise entnommen, um Platz zu machen für die zweijährigen Weißtannen. Und um die jungen Pflänzchen auch vor Verbiss zu schützen, wurde die Versuchsfläche von den Forstamtsmitarbeitern mit einem normierten zwei Meter hohen Zaun abgetrennt.

Hochschule ist mit im Boot

„Die Weißtanne ist eine ökonomische und ökologische Bereicherung im Wald“, ist sich Süß sicher. Er freue sich sehr, dass man hier in Memmingen eine der 58 deutschlandweiten Beobachtungsflächen anlegen könne. Kommunen seien die besseren Partner für solch langfristige Projekte, da sie die notwendige Sicherheit für einen Modellversuch über 25 Jahre geben können. Gefördert wird das Projekt „Weißtanne 2.0“ über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR), koordiniert vom Bundeslandwirtschaftsministerium sowie der ANW. Und um die wissenschaftliche Begleitung des Projekts kümmert sich die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf.

Die 240 aus rumänischen Samen gezogenen Setzlinge sowie die 240 süddeutschen Weißtannen in zwei ordentlichen Reihen mit vorgegebenem Abstand in den kieshaltigen Lehmboden einzupflanzen, dauert übrigens mehrere Tage. Johann Tichy, ein erfahrener Forstwirt, nutzt einen Hohlspaten, um ein ausreichend tiefes Loch zu graben, damit die empfindlichen Wurzeln sich auch richtig entfalten können und nicht geknickt werden. Den dichten Moosteppich entfernt er rund um den winzigen zweijährigen Setzling, damit dieser der frisch gepflanzten Tanne nicht das Wasser streitig macht. Dann krümelt er die Erde zurück in das Pflanzloch.

Es gilt: Wachstum will Weile haben

Stefan Honold macht klar, dass es viele Jahre brauchen wird, bevor man auf der Fläche die Unterschiede zwischen den Pflanzen sehen kann. „In fünf Jahren gehen die uns vielleicht bis zum Knie“, veranschaulicht er das Wachstum der Tannen. Erst wenn die Pflanze ordentlich ins Wurzelwerk investiert habe, werde sie sichtbarer in die Höhe gehen. Gespannt sei er schon, was die Zukunft für die Bäumchen bringe und wie anpassungsfähig sie seien.

Auch welche der drei südbayerischen Anbauflächen mit jeweils unterschiedlichen geologischen Ausgangssituationen sich als besonders geeignet erweist, werde interessant sein. „Um erste Rückschlüsse ziehen zu können, sind vielleicht Jahrzehnte nötig, aber Geduld muss man beim Waldbau ja immer haben, das bringt der Beruf so mit sich“, scherzt der Forstamtsleiter.