Finanzielle Lage

Schuldnerberatung: Immer mehr Verbraucher in Memmingen und im Unterallgäu bekommen Geldprobleme

Zahlen gehören zu ihrem Beruf: Simone Jendrosch (links) und Elisabeth Schöffel von der Schuldner- und Insolvenzberatung des Caritasverbands Memmingen-Unterallgäu.

Zahlen gehören zu ihrem Beruf: Simone Jendrosch (links) und Elisabeth Schöffel von der Schuldner- und Insolvenzberatung des Caritasverbands Memmingen-Unterallgäu.

Bild: Andreas Berger

Zahlen gehören zu ihrem Beruf: Simone Jendrosch (links) und Elisabeth Schöffel von der Schuldner- und Insolvenzberatung des Caritasverbands Memmingen-Unterallgäu.

Bild: Andreas Berger

Die Schuldnerberatung Memmingen-Unterallgäu rechnet damit, dass künftig mehr Menschen Schwierigkeiten haben werden, Miete, Strom und Lebensmittel zu zahlen.
08.03.2022 | Stand: 11:30 Uhr

Die Zahl der Menschen, die Geldprobleme haben, wird in Memmingen und dem westlichen Unterallgäu steigen. Also auch die Zahl der Haushalte, die nicht mehr genug Geld für die wichtigsten Ausgaben wie Miete, Strom und Lebensmittel haben. Diesen Ausblick wagt die Schuldner- und Insolvenzberatung des Caritasverbands Memmingen-Unterallgäu. Der Verband bietet die kostenlose Beratung für Memmingen und das westliche Unterallgäu im Auftrag von Stadt und Landkreis an. Warum mehr Menschen überschuldet sein werden, wie ihnen geholfen werden kann und wie viele Fälle es 2021 gab, erklären Elisabeth Schöffel und Simone Jendrosch von der Schuldner- und Insolvenzberatung:

  • Mehr Menschen mit Geldproblemen: „Wir rechnen mit einer Zunahme der Fälle für existenzsichernde Maßnahmen, es wird für viele Verbraucher schwieriger, am Monatsende noch etwas Geld übrig zu haben. Hier ist zu vermuten, dass sich dies längerfristig auch in der Überschuldung zeigen wird, zumindest in den einkommensschwachen Gruppen“, sagt Elisabeth Schöffel. Einer der Gründe sei, dass Energie immer teurer werde. Zudem erwartet die Schuldnerberatung wegen Corona „ein weiter verringertes Einkommen“ etwa durch Kurzarbeit und Wegfall von Nebenjobs.

  • Wie sah es 2021 aus? 215 Menschen wurde geholfen. Alle zusammen hatten 6,9 Millionen Euro Schulden. Erfasst wurde dabei die Rentnerin mit einer offenen Rechnung über 500 Euro genauso wie der geschiedene Arbeitslose mit 32 Gläubigern und einer Gesamtschuldenhöhe von 1,7 Millionen Euro.

  • Die Ursachen für Verschuldung: Trennung, gescheiterte Selbstständigkeit, gescheiterte Immobilienfinanzierung, Arbeitslosigkeit, Erkrankung, Sucht, Unfall, Niedrigeinkommen, unwirtschaftliche Haushaltsführung, Haushaltsgründung/Geburt, Bürgschaft, unzureichende Kreditberatung.

  • Entwicklung in Memmingen und Unterallgäu: In Memmingen und den benachbarten Gemeinden hat laut Schuldnerberatung die Zahl der ver- und überschuldeten Personen mit Niedrigeinkommen zugenommen. Dazu wurden auch diejenigen gezählt, die Einkommenseinbußen durch Kurzarbeit zu verkraften hatten. Ebenfalls gestiegen sei die Zahl derer, die durch Erkrankungen, darunter oft psychische Probleme, erwerbsunfähig geworden und dadurch in finanzielle Probleme geraten seien. Ebenso gewachsen sei die Zahl der Suchterkrankten, die wegen ihrer Abhängigkeit in die Schulden gerutscht seien. Genaue Zahlen für einen Vergleich zwischen 2020 und 2021 könnten aber nicht genannt werden: Zwar biete die Caritas schon seit Jahren die Insolvenzberatung für Stadt und Kreis an und die Schuldnerberatung für den Kreis. Allerdings habe sie die Schuldnerberatung für die Stadt erst im September 2020 übernommen.

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  • Privatinsolvenz: 62 Insolvenzanträge wurden 2021 beim Amtsgericht Memmingen eingereicht, „eine wesentlich höhere Anzahl als im Vorjahr“. Das liege an der Reform des Insolvenzrechtes im Jahr 2021: Dauerte eine Privatinsolvenz früher sechs Jahre, ist sie nun auf drei Jahre verkürzt worden. Danach sind die Betroffenen schuldenfrei.

  • Schuldenfrei: 15 Schuldenfälle wurden im vergangenen Jahr erfolgreich reguliert. Das sei relativ viel, sagt Elisabeth Schöffel. Erfolgreich reguliert bedeutet, dass Beratungsfälle ohne Insolvenzverfahren abgeschlossen wurden und die Betroffenen schuldenfrei seien.

  • Die beiden Ziele der Schuldnerberatung: Erstens: akute Hilfe. Zweitens: Den Betroffenen werde erklärt, wie sie mit Geld so umgehen, dass die Ausgaben nicht die Einnahmen überschreiten. Mit 128 Ratsuchenden sei der monatliche Haushaltsplan 2021 mehr als einmal besprochen und zum Positiven verändert worden. Beispielsweise durch Erhöhung der Einkünfte, dazu zählen Zusatzverdienst, Beantragung staatlicher Leistungen wie Wohngeld und Kindergeldzuschlag. Aber auch durch Reduzierung der Ausgaben, geringere Ratenzahlung, Einsparungen bei Versicherungen und Änderung des Konsumverhaltens.

So geht die Schuldnerberatung vor

„Wer zu uns kommt, ist in der Regel bereits zahlungsunfähig“, sagt Elisabeth Schöffel von der Schuldner- und Insolvenzberatung für Memmingen und das Unterallgäu. Das heißt, dass die monatlichen Ausgaben höher sind als das Einkommen.

Schritt 1: „In einem ersten Gespräch versuchen wir, die Lebenssituation unserer Klienten und Klientinnen zu erfassen“: Finanzen, Familiensituation, individuelle Problemlage.

Schritt 2: Es wird ein Haushalts- und Etatplan erarbeitet. „Hier beraten wir über mögliche finanzielle Hilfen und Einsparmöglichkeiten.“ Wichtig sei, dass den Betroffenen und deren Familie monatlich so viel Geld bleibt, dass sie Miete, Nebenkosten, Strom, einen angepassten Versicherungsschutz, weitere Unterhaltsverpflichtungen, Lebensmittel bezahlen können.

Schritt 3: Die Schuldensituation wird erfasst, dann besprochen, ob außergerichtlich oder durch ein Insolvenzverfahren reguliert werden kann.

Existenzsicherung: Bei 28 Menschen und deren Familien, die 2021 zur Schuldnerberatung kamen, war die Existenz nicht gesichert. Sie hatten also akut nicht genügend Geld für die notwendigsten Ausgaben wie Miete, Strom, Heizung und Lebensunterhalt. Auch in solchen Fällen kann die Schuldnerberatung helfen: Wer nichts zu essen hat, bekommt Lebensmittelgutscheine. Wenn der Stromanbieter mit einer Sperre droht, wird Geld von einer Stiftung beantragt, etwa von der Kartei der Not von der Mediengruppe Allgäuer Zeitung. So soll kurzfristig geholfen werden, die notwendigsten Ausgaben und somit die Existenz zu sichern.

Nicht zu spät zur Schuldnerberatung: Menschen mit Geldproblemen sollten rechtzeitig zur Schuldnerberatung gehen, rät Simone Jendrosch. Also bevor die Kündigung des Mieters im Briefkasten liegt, bevor der Strom abgestellt wird. Je früher Betroffene Hilfe in Anspruch nehmen, desto besser könne die Beratung helfen, deren Existenz zu sichern, mit Gläubigern zu verhandeln, die Situation zu stabilisieren. Geprüft werde auch, ob Sozialleistungen beantragt werden können.

Und wenn der Strom schon abgestellt ist? Auch dann kann die Schuldnerberatung helfen. Beispielsweise wird auch dann Geld von einer Stiftung beantragt. Allerdings müssen die Betroffenen einige Tage ohne Strom leben, bis das Nötigste geregelt sei. „Wir können viel, aber wir können nicht zaubern“, sagt Simone Jendrosch. Doch wenn es schon so weit gekommen sei, habe der Betroffene bereits viel wertvolle Zeit verstreichen lassen. Denn bis beispielsweise der Strom abgestellt werde, gebe es zunächst Mahnungen und die Androhung der Stromsperre.

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