Ukraine-Krieg

"Wir gehen von einer Krise in die andere, aber wir sind gut vorbereitet"

Am Montag war noch keines der Betten in der Turnhalle der Johann-Bierwirth-Schule belegt. Dort und in der benachbarten Turnhalle des BBZ stehen insgesamt 300 Plätze für Frauen und Kinder bereit, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet sind.

Am Montag war noch keines der Betten in der Turnhalle der Johann-Bierwirth-Schule belegt. Dort und in der benachbarten Turnhalle des BBZ stehen insgesamt 300 Plätze für Frauen und Kinder bereit, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet sind.

Bild: Andreas Berger

Am Montag war noch keines der Betten in der Turnhalle der Johann-Bierwirth-Schule belegt. Dort und in der benachbarten Turnhalle des BBZ stehen insgesamt 300 Plätze für Frauen und Kinder bereit, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet sind.

Bild: Andreas Berger

Die Notunterkünfte in Memmingen für Frauen und Kinder, die vor dem Krieg geflüchtet sind, stehen bereit. Lange sollen sie es dort aber nicht aushalten müssen.
14.03.2022 | Stand: 18:15 Uhr

Jeden Tag kann es in Memmingen so weit sein: Dass Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet sind, in den Memminger Notunterkünften untergebracht werden müssen. Noch am Montag stehen die beiden Turnhallen von BBZ und Johann-Bierwirth-Schule aber leer, als sich Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek und die Präsidentin des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), Angelika Schorer, von Oberbürgermeister Manfred Schilder und Vertretern von Hilfsorganisationen die Notquartiere zeigen lassen, die in der Woche vom 7. bis 11. März eingerichtet wurden.

Wer Flüchtlinge in Memmingen aufnehmen will, kann sich bei der Stadt melden

300 Betten stehen insgesamt bereit. Eigentlich für einen guten Zweck. Dennoch wirkten solche Sammelunterkünfte in großen Hallen einschüchternd auf die Frauen und Kinder aus der Ukraine. Das habe sie in anderen Hallen mitbekommen, sagt Angelika Schorer. Deshalb freut sie sich, dass es zumindest ein wenig Privatsphäre geben wird: Die Memminger Firma Gefro stellt Trennwände zur Verfügung, die sie eigentlich für den Messebau benötigt. Sie sollten im Laufe des Montags geliefert werden. Wie viele Bereiche damit abgetrennt werden können, war noch nicht klar. Doch es entstünden zumindest kleinere Inseln mit etwas Ruhe für die Mütter und Kinder.

Die Unterbringung in den Turnhallen „kann auch nur eine vorübergehende Lösung sein, um die ärgste Not zu lindern und den Menschen ein bisschen das Gefühl von Sicherheit zu geben, dass sie hier versorgt werden“, sagt Schilder. Die Frauen und Kinder sollen so schnell wie möglich woanders untergebracht werden: zum Beispiel privat bei Familien, in städtischen und in Ferienwohnungen. 80 Menschen könnten zudem eventuell im AWO-Seniorenheim an der Badgasse untergebracht werden. Deren Bewohner mussten vorübergehend wegen Personalmangels in das AWO-Heim am Hühnerberg verlegt werden.

Zwar stehen noch einige Memmingerinnen und Memminger, die gern Flüchtende aufnehmen möchten, auf der Liste von Alexandra Hartge, Leiterin der Stabstelle Städtepartnerschaften, die bei der Stadt angesiedelt ist. Doch es werden noch mehr private Unterkünfte benötigt, weil viele Menschen aus der Ukraine auf der Flucht seien.

40 Flüchtende aus dem Land sind derzeit in Memmingen gemeldet. Sie alle seien privat bei Verwandten, Freunden und Bekannten untergekommen. Nur wenige seien dabei, die aus Memmingens Partnerstadt Tschernihiw kommen.

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Viele Flüchtende richteten sich darauf ein, nur kurz in Deutschland zu bleiben. „Sie wollen wieder in ihre Heimat, und sie wollen dort in Frieden und Freiheit leben“, sagt BRK-Präsidentin Angelika Schorer.

Warme Mahlzeiten aus dem Seniorenheim

Die Memminger Notunterkünfte mit warmen Mahlzeiten versorgen wird die Küche des Alten- und Pflegeheims Bürgerstift, sagt Oberbürgermeister Manfred Schilder. Dabei könnten auch die Bedürfnisse der Kinder berücksichtigt werden. Zur grundlegenden Versorgung werde aber noch etwas gehören: „Psychosoziale Betreuung wird das A und O sein“, sagt Angelika Schorer. Denn viele Frauen und vor allem Kinder seien traumatisiert durch Krieg und Flucht. „Wir gehen von einer Krise in die andere, aber wir sind gut vorbereitet. (...) Und wenn die Hilfsorganisationen in den kommenden Wochen und Monaten eng miteinander zusammenarbeiten, können wir das auch bewältigen.“ Das sieht auch Gesundheitsminister Klaus Holetschek so: „Ohne die Hilfsorganisationen könnten wir das alles nicht leisten.“ Manfred Schilder bestätigt aus dem Alltag: Wenn er anrufe und sage, er brauche Unterstützung, stünden plötzlich 50 Helfer bereit – egal aus welcher Hilfsorganisation.

Eine weitere Bitte um Unterstützung könnte es auch geben, sobald die ersten Menschen aus der Ukraine vorübergehend in den Turnhallen untergebracht worden sind: Ihnen soll eine Corona-Impfung angeboten werden. Dafür würde dann der Impfbus beauftragt werden. Wer Flüchtende aufnehmen will – und auch, wer für Ukrainer übersetzen kann, kann sich per Mail bei der Stadt melden: mmhilft@memmingen.de

Die Lage in Memmingens Partnerstadt Tschernihiw: „Die Stadt, die du kennst, gibt es nicht mehr“

Zerstört: „Die Stadt, die du kennst, gibt es nicht mehr. Wenn du wieder kommst, kommst du in eine andere Stadt.“ Diesen Satz einer Bekannten, die aus Memmingens ukrainischer Partnerstadt Tschernihiw kommt und dort festsitzt, hat Alexandra Hartge zitiert. Die Leiterin der Memminger Stabstelle Städtepartnerschaften hat regelmäßig Kontakt nach Tschernihiw und weiß, wie die Lage dort ist. Die Stadt ist von russischen Truppen besetzt und wird fortlaufend beschossen. Die Menschen haben Angst, kämpfen um ihr Leben und das ihrer Angehörigen.

Lebensmittel werden knapp: Die Bewohner können nicht fliehen, gleichzeitig gehen ihnen Wasser und Lebensmittel aus. „Wir gehen ganz, ganz sparsam mit unseren Lebensmitteln um, weil wir wissen, sie reichen nicht mehr lange“, schrieb die Bekannte von Alexandra Hartge.

Helfen bis zum Schluss: Die meisten Männer sind an der Front, die Frauen suchen in den kalten Kellern Schutz und versorgen die Alten und Kranken. „Sie schöpfen ihre Kraft und ihren Mut ein bisschen aus der Hoffnung, Gutes für die Angehörigen tun zu können“, sagt Hartge. Zugleich hätten viele noch einen Funken Zuversicht, dass alles gut wird. Die Bekannte von Alexandra Hartge schrieb: „Ja, ich habe Angst, dass ich das alles nicht überlebe.“ Aber sie werde alles dafür tun, ihren Angehörigen zu helfen und sie zu beschützen – solange sie könne. Deshalb würde sie auch nicht fliehen, selbst wenn es möglich wäre.