Krieg in der Ukraine

„Schock überwinden und überleben“ - Tagebuch aus der Ukraine

Krieg in Tschernihiw: In Tagebuch-Form berichtet Tetiana Kuzyk für die Allgäuer Zeitung aus der Partnerstadt Memmingens im Norden der Ukraine und aus der Region rund um die Stadt. Dort ist dies kein außergewöhnlicher Anblick mehr: Ein Wohnhaus, das von Bomben zerstört worden ist.

Krieg in Tschernihiw: In Tagebuch-Form berichtet Tetiana Kuzyk für die Allgäuer Zeitung aus der Partnerstadt Memmingens im Norden der Ukraine und aus der Region rund um die Stadt. Dort ist dies kein außergewöhnlicher Anblick mehr: Ein Wohnhaus, das von Bomben zerstört worden ist.

Bild: Evgeniy Maloletka/dpa

Krieg in Tschernihiw: In Tagebuch-Form berichtet Tetiana Kuzyk für die Allgäuer Zeitung aus der Partnerstadt Memmingens im Norden der Ukraine und aus der Region rund um die Stadt. Dort ist dies kein außergewöhnlicher Anblick mehr: Ein Wohnhaus, das von Bomben zerstört worden ist.

Bild: Evgeniy Maloletka/dpa

Tetiana Kuzyk (45) aus Memmingens Partnerstadt Tschernihiw versucht, ihren Alltag im Ukraine-Krieg zu meistern. Lesen Sie hier ihre Beiträge.
23.06.2022 | Stand: 17:14 Uhr

Aktualisiert Donnerstag, 23. Juni: Tetiana Kuzyk aus Memmingens Partnerstadt Tschernihiw in der Ukraine beschreibt für uns, wie sie ihren Alltag in der vom Krieg zu großen Teilen zerstörten Stadt meistert. Die 45-Jährige war zu Bekannten in eine benachbarte Stadt geflohen, ist nun aber wieder zurück in ihrer Heimat Tschernihiw.

Kriegstag 115: „Heute liebt mich das Universum: Meine Freundin Natalia hat mich zum Eis eingeladen, ich habe an einem psychologischen Treffen teilgenommen und ich habe 50 Hrywnja gefunden – sie sind einfach durch die Straße geflogen (das sind etwa 1,60 Euro, Anmerkung der Redaktion). Ich wollte auch noch mein Lieblingsshampoo kaufen, das sich um das Anderthalbfache verteuert hat.

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Interview

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Natürlich sind der Krieg und andere traurige Momente in meinem Leben nicht einfach verschwunden. Aber mit zunehmender Energie sind sie leichter zu handhaben. Und als ich die bombardierten und verbrannten Autos auf dem Parkplatz sah, dachte ich: Oh, das sind die zukünftigen Exponate des Kriegsmuseums.“

Kriegstag 112: „Eine Freundin erzählte, sie sei vor einiger Zeit mit zwei anderen Frauen und zwei Hunden unter Beschuss aus der Stadt geflohen. Sie erreichte Portugal. Jetzt kam sie zurück: Der Hund ist krank geworden und muss operiert werden, aber es gab in Portugal keine Flüchtlingsermäßigungen.

Zur Mittagszeit ging ich los, um etwas zu Essen zu holen. Der Teeladen, in dem ich immer Kaffee gekauft habe, ist jetzt nicht mehr in Betrieb. An der Tür hängt ein Aushang, dass ein Verkäufer gesucht wird. Jedes Mal, wenn ich feststelle, dass etwas, das mir gefällt, nicht mehr erhältlich ist, macht mich das traurig. Ich weiß immer noch nicht, wie es in der Stadt mit der Medizin aussieht. Und ich traue mich nicht einmal, meinen Zahnarzt anzurufen.

Das Sprichwort, dass alles zum Besseren wird, funktioniert irgendwie nicht so gut. Allerdings ging es immer mehr um Hoffnung als um Glauben. Das setze ich um und sage mir: Ich werde ein Geschäft mit Kaffee finden, nicht daran zweifeln.“

Kriegstag 109: „Ich habe mich mit einer Freundin getroffen. Am dritten Tag des Krieges war sie ins Ausland geflohen. Jetzt ist sie zurückgekommen, um ihre Kleidung und ihre Katze abzuholen. Wegen Zerstörung kann sie nicht mehr in ihrer Wohnung leben. Wir unterhielten uns, tranken Bier. Wir fragten uns, was schlimmer ist: in einem fremden Land in Sicherheit zu leben, aber weit weg von der Heimat, der Arbeit, den Verwandten und sogar der Sprache, oder in seinem eigenen Haus zu leben, aber in einem Land mit ungewissen Aussichten und der Gefahr, von Beschuss getroffen zu werden? Und wir fragten uns, ob es schlimmer ist, im Zentrum des Krieges zu sein, oder sich um diejenigen zu sorgen, die im Zentrum des Krieges sind.

Ich habe ein bestimmtes Bild von der Zukunft vor den Augen, in der die Ukrainer in Europa integriert sind und sich ungehindert durch seine Grenzen bewegen können, ein neues Europa schaffen, frei und mobil. Doch davon sind wir noch weit entfernt. Im Moment sind die meisten Ukrainer im Ausland dabei, den Schock zu überwinden, während die Menschen in der Ukraine versuchen, zu überleben. Wir sind eine Nation mit traumatischer Störung.

Später war ich am Fluss. Das Wasser ist warm. Einige schwimmen oder nehmen ein Sonnenbad. Der Sommer versucht, uns zu entspannen, aber die Sirenen halten uns in Form.“

Kriegstag 106: „Fröhlicher Tag. Man sagt, heute ist der Tag der Freundschaft. Ich habe niemandem dazu gratuliert, aber schließlich habe ich mich irgendwo in mir mit mir selbst angefreundet. Denn endlich die fröhliche Tanya, die nicht viel braucht, um Spaß zu haben, und die Nachrichten über die Legalisierung von Cannabis reichen aus, um über Kurzgedichte zu fantasieren. Diese Tanya hat sich aus Angst vor Explosionen versteckt, aber jetzt ist sie zurück. Ich weiß nicht, für wie lange, denn verrückte Nachbarn versammeln wieder Armeen in der Nähe der Grenzen. Die psychologische Selbsthilfegruppe diskutierte darüber, wie der Krieg uns verändert hatte. Einer der wichtigsten Gedanken ist, dass man wichtige Dinge nicht mehr aufschieben möchte. Träume, Pläne. Obwohl meine auch alle versteckt waren. Es ist schwer, sich etwas zu wünschen, das über das Heute hinausgeht. Ich lebe nach den Wünschen, die hier und jetzt sind. Essen, schlafen, arbeiten, Radfahren, Mücken töten.

Anscheinend, solange der Krieg dauert, soll es so sein. Der Hauptplan ist, sich selbst zu retten und anderen zu helfen, wenn es möglich ist. Passt auf euch auf! Ich umarme euch.“

Kriegstag 103: „Besuche. Ich habe ein bisschen aufgeräumt, trainiert und bin dann in den Laden gegangen, um Geschenke zu kaufen. Eine Freundin hat mich zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen und die andere zu ihrer Einweihungsparty. Am Tisch wird auf das Geburtstagskind und auf den Frieden angestoßen. Die Töchter meiner Freundinnen sind jetzt in Polen. Die Ältere hat einen Job, die Jüngere beendet ihr Studium. Sie wollte sich anmelden, um ihr Studium fortzusetzen, aber wie kann man das von einem anderen Land aus tun? Wer weiß: Wird es Online-Aufnahmeprüfungen geben?

Beeindruckt hat mich die Geschichte eines Mädchens aus Kherson, das einen Anruf auf ihrem Mobiltelefon erhielt und dem gesagt wurde: Wir empfehlen Ihnen, zurückzukommen, sonst wird Ihr Eigentum verstaatlicht. Die andere Freundin sprach über Geld und Arbeit. Jetzt ist es sowohl für die Staatsbediensteten als auch für die Unternehmen nicht einfach, weil die Gehälter gering und unregelmäßig sind. Viele sind ohne Arbeit und ohne Einkommen oder mit niedrigen Einkommen bei steigenden Preisen.

Ich weiß nicht, ob es eine einzige Familie in der Ukraine gibt, die nicht in den Krieg verwickelt ist. Wir leben, passen uns an und suchen nach neuen Möglichkeiten.

„Alles wird die Ukraine sein“ (Alles wird in Ordnung sein), und das ist kein Witz. Ich umarme euch.“

Kriegstag 100: „Schwarzes Jubiläum. 100 Tage Krieg. Eine Woche Krieg – es war furchtbar. Ein Monat Krieg – das war beängstigend und schwierig. Zwei Monate – deprimierend. 100 Tage: ungewiss. Die neue Realität, die zwischen dem, was akzeptabel ist, und dem, was passieren kann, liegt, hat die Grenzen der gesunden Menschenverstand, der Moral und der psychologischen Akzeptanz weit überschritten.

Wir halten durch. Wir jammern und ,verrecken’, aber dann machen wir uns an die Arbeit, weil wir die Wirtschaft unterstützen und den Streitkräften helfen müssen.

100 Tage. Ehrlich gesagt fehlen mir die Worte. Ich habe mich gezwungen, etwas zu tun und die vor dem Krieg begonnene Arbeit zu Ende zu bringen. Es ist schwer, sich zu konzentrieren. Ich habe Photoshop gelernt, wie in einem anderen Leben. Aber ich habe mich hingesetzt und es getan, weil ich weiß, dass es jetzt eine Menge Leute gibt, denen es sehr viel schwerer fällt.

Die Prioritäten haben sich geändert. Sogar mein Perfektionismus hat sich verflüchtigt. Es ist schwer, etwas Sinnvolles für das Haus zu kaufen. Nur Lebensmittel, Shampoo, Socken: Etwas für jeden Tag, das man leicht mitnehmen oder liegen lassen kann. Wie viele werden es noch sein, Tage des Krieges? Welche Veränderungen werden noch auf uns zukommen? Der Abendhimmel über dem Fluss bezaubert mit seiner Schönheit und Vielfalt. Und wir sind wie dieser Himmel. Ich umarme euch.“

Kriegstag 92, 26. Mai: "Es gibt viel zu tun in meiner Wohnung. Manchmal habe ich dafür viel Energie, manchmal bin ich wie ohnmächtig und frage mich, ob es überhaupt sinnvoll ist, den Haushalt zu erledigen. Heute habe ich mich entschieden: Ich will nicht im Staub leben. Außerdem sind die Spinnen während meiner Abwesenheit einfach riesig geworden, vor solchen habe ich Angst. Also habe ich geputzt, gewaschen, Möbel umgestellt.

Abends gab es Gas. So konnte ich wenigstens Kaffee kochen für meine Freundin und mich. Dann ging ich zu meiner Mutter. Unterwegs erschrak mich ein Hund, den ein Mann ausführte: Er war klein, aber so laut, dass mein Herz stark pochte und ich nur schimpfen konnte. Ich erinnerte mich an die Geschichte von meiner Freundin Svetlana, die wegen des Krieges in Belgien gelandet ist: Hunden wird dort beigebracht, nicht auf der Straße zu bellen, weil der Besitzer dafür eine Strafe zahlen muss. Ich dachte, das würde uns auch nicht schaden. Generell ist es interessant, mit Landsleuten, die nun über ganz Europa verteilt sind, zu kommunizieren. Andere Länder, andere Menschen und Regeln, andere Erfahrungen.

Mascha, die jetzt in Deutschland wohnt, sagt: Sie hat verstanden, dass die Ukraine Europa ist. In mancher Hinsicht sind wir weiter entwickelt, in mancher Hinsicht sind sie es. Wir haben es einfacher mit der Bürokratie. Sie hat gelernt, den Müll zu trennen. Elena, die in Bulgarien wohnt, bekam einen Job als Zimmermädchen in einem Hotel und erzählte, wie die Zimmer jeden Tag geputzt werden. Mein Jahresputz ist viel bescheidener.

Ich frage mich, wie sich die Erfahrung, in Europa zu leben, auf die Ukraine auswirken wird, wenn unsere Frauen und ihre Kinder zurückkehren – falls sie zurückkehren. Und wie wird sich Europa verändern, wenn sie dort bleiben? Die Welt verändert sich gerade jetzt, vor unseren Augen und mit unserer Beteiligung. Schade, dass wir nicht in die Zukunft sehen können.“

Kriegstag 91, 25. Mai: „Ich habe meine Sachen gepackt, die Wohnung geputzt, in der ich zwei Monate nach meiner Flucht aus Tschernihiw gewohnt habe. Alles passte nicht in den Koffer. Ich musste warme Kleidung zurücklassen. Ich hoffe, dass ich nochmal zu Besuch kommen kann. Dann bin ich mit dem Zug nach Tschernihiw gefahren. Zu Hause. Es gibt kein Gas. Zu Abend habe ich belegte Brote gegessen und Milch getrunken.

Ich habe im Internet einen schönen Wasserkocher gefunden und ihn fast bestellt – bis ich im Radio hörte: Die Russen sammeln wieder Truppen in der Nähe unserer Grenzen und in Belarus. Werden sie wirklich wiederkommen? Und was dann – sich wieder verstecken oder weglaufen? Ich möchte, wie im Film „Mr. and Mrs. Smith“, einen geheimen Raum zu Hause haben mit einem Haufen verschiedener Waffen. Ich frage mich, ob die Stadtbehörden zumindest eine Strategie für den Fall einer zweiten Invasion entwickelt haben. Zum Beispiel, dass Evakuierungsbusse fahrbereit sind. Oder werden Freiwillige bewaffnet und ausgebildet? Oder haben sie all ihre Kräfte darauf verwendet, die Trümmer zu beseitigen und die Infrastruktur wieder aufzubauen? Hat sich das überhaupt gelohnt? Der erste Abend in meiner Wohnung – und schon so viele Fragen. Und auf manche von ihnen will ich keine positive Antwort erhalten.

Kriegstag 75 bis 84: „Der 9. Mai, an dem Russland den Sieg über Nazideutschland feiert, ist kein Feiertag mehr. Einer meiner Großväter hat im Krieg gekämpft und wurde zweimal verwundet. Der andere arbeitete als Metallarbeiter und schmolz Stahl für Panzer. In diesem Frühjahr schießen die Enkel und Urenkel derer, mit denen mein Großvater gegen die Faschisten gekämpft hat, auf Ukrainer. Wenn ich dann noch an diesem Tag kleine Kinder in Militäruniform sehe, möchte ich den Eltern sagen: ’Seid ihr verrückt? Krieg ist Leid, Zerstörung und Tod.’

(...)

Eigentlich wollte ich nicht noch einmal über Depressionen schreiben, aber sie sind nach wie vor da. Und in diesen Tagen besonders zum Schreien. Ich verstehe einfach nicht, warum? Wofür sterben die Menschen, warum werden Städte zerstört? Für welche hochgesteckten Ziele?

(...)

Die gesamte Geschichte der modernen Zivilisation ist nicht nur die Geschichte der Entwicklung der Kultur und der Wissenschaft, sondern auch die Geschichte der Kriegsführung. Und in Kriegen ist das Recht des Stärkeren entscheidend. Wenn man sich nicht verteidigen kann, muss man damit rechnen, dass einem das Eigentum, das Land, der Wille, die Sprache und das Leben genommen werden. Wenn man alles retten will, muss man stark und bereit sein, sein Leben zu verteidigen, auch wenn es das eigene Leben kosten kann.

Am Beispiel der russischen Reaktion auf den Beitrittswunsch Finnlands und Schwedens zur Nato wird deutlich, dass es sich beim Überfall Russlands auf die Ukraine nicht um eine spezielle Operation zur Vorbeugung eines Angriffs handelt, sondern um den üblichen Besatzungs-Raubkrieg. Jetzt werden die Bevölkerung, Lebensmittel und Ausrüstung in den okkupierten Gebieten abtransportiert, die Ortsschilder werden geändert, die Kinder in den Schulen werden schnell auf Russisch umgeschult. All dies haben die Ukrainer in ihrer Geschichte mehr als einmal erlebt. Ich hoffe, dass sie dieses und das nächste Mal stark genug sein werden, um mit den Rückfällen der kaiserlichen Krankheit fertig zu werden.

Wir werden alle durchhalten. Eine Herzumarmung für alle.“

Kriegstag 73, 7. Mai: „Ich bin froh, dass die Lebensmittel nicht mehr so knapp sind, auch wenn die Preise gestiegen sind. Doch die Ungewissheit der Zukunft beunruhigt mich ständig: Einerseits möchte ich einen Vorrat anlegen und zum Beispiel Müsli kaufen, aber eigentlich will ich auch im Jetzt und Hier leben und etwas Schönes und Teures kaufen. Ein Teil meines Gewissens ist mit dieser neuen Realität immer noch nicht einverstanden. Wir wollten keinen Krieg, aber niemand hat uns gefragt. Missbrauch, Gewalt – ob man will oder nicht, muss man sich mit Panzern, Zähnen und Krallen verteidigen. Um zu lernen, wie man durchhält, muss man im Stande sein, durchzuhalten. Ich lerne es noch.“

Kriegstag 69, 3. Mai: „Panikattacke im Schlaf. Ich wachte auf, mein Herz begann zu pochen und zu drücken. Es sieht so aus, dass der Krieg meine Psyche mehr berührt hat, als ich dachte. Ich nahm ein Beruhigungsmittel, schlief wieder ein. Am Morgen sind meine Mutter und ich mit dem Zug nach Kiew gefahren und haben dort meine Nichte Anastasia im Krankenhaus besucht. Sie war unter Beschuss geraten und hat dadurch ihr Bein verloren. Nastia ist vom langen Liegen erschöpft, ihre Muskeln sind geschwächt, aber der Geist ist stark. Eine weitere Operation ist geplant, Rehabilitation, Prothese. Wir haben so eine Kämpferin. Jetzt sind die Pläne für das zukünftige Leben am wichtigsten. Das Ziel gibt Kraft zum Leben.

Am Abend las ich die Nachrichten über den Beschuss von Bahnhöfen. Ich war froh, dass es nicht am Morgen war. Einerseits machte mich dieser Angriff nervös. Andererseits beruhigte es mich irgendwie: Es werden nicht genug Raketen sein, um die gesamte Ukraine und die Ukrainer zu zerstören. Die Wurzeln bleiben erhalten und wachsen nach. Wir haben etwas, wofür wir stehen und was wir lieben.“

Kriegstag 67, 1. Mai: „Ich beschloss, so viel wie möglich zu lachen und mich von den Tragödien zu isolieren – zum Beispiel, indem ich Katzenvideos auf Facebook anschaute. Was natürlich nicht funktionierte: Wenn man auf Facebook unterwegs ist, sieht man kleine Kätzchen und schöne Bilder gemischt mit Nachrichten über den Tod von Verwandten und Kollegen. Das Einzige, wozu ich später die Kraft hatte, war, in den Laden zu gehen. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich Lust auf Bier. Ich hätte fast wieder geweint, als ich die leeren Regale sah. Die Brauerei wurde bombardiert. Ich weiß nicht, was daran so strategisch ist. Allerdings wäre mir wegen des Verbots sowieso kein Bier verkauft worden.

Ich habe mir ein „Notizbuch zum Jammern“ gekauft, in das ich meine traurigen Gedanken schreiben möchte. Coole Sache, empfehle ich. Öffnen und schreiben, über alles, was beunruhigt und bedrückt. Dann wird der Kopf vielleicht Platz für neue Gedanken haben.“

„Metapher für einen globalen Atomkrieg“

Teil 22, Kriegstag 44: Ich stand zwei Stunden vor der Oschadbank, nur um zu erfahren, dass ich zu der Bank gehen muss, bei der ich vorher war, weil sie kein Plastik mehr für die Karten haben. Jetzt muss ich noch mal zwei Stunden in der Warteschlange vor einer Bank stehen. Vom Stehen schmerzte mein Rücken. Ich wurde sauer. Dann Nachrichten aus Kramatorsk: Bei einem Raketenangriff auf einen Bahnhof wurden mindestens 50 Zivilisten getötet, die auf ihre Flucht aus der Ostukraine warteten. Ein weiterer blutiger Fleck auf der Kriegskarte. Und auch noch die russische Propaganda, die Ukraine beschieße sich selbst. Wenn ich sowas höre, erinnere ich mich sofort an Wradijiwka: 2013 vergewaltigten Polizisten eine junge Frau. Die Männer kamen beinahe straflos davon. Dann begannen die Massenproteste – bis hin zu den monatelangen Protesten auf dem Maidan-Platz, die viele Todesopfer forderten und zum Wechsel der Regierung führten. Unsere Behörden wissen es bereits sehr gut: Wenn sie ihre Hand gegen die eigenen Leute erheben, bekommen sie es mächtig zurück. Ja, zurzeit herrscht Krieg, aber er wird enden und jede Episode wird unter Einbeziehung unabhängiger Experten untersucht werden. Wir halten durch!“

Teil 21, Kriegstag 43: „Ich träumte von einem Haus mit vielen Zimmern. In jedem Zimmer wohnte eine Familie einer anderen Nationalität. Plötzlich erschien über dem Haus eine Rakete, sie umflog das Haus im Orbit, das Haus entpuppte sich als Planet. Dann explodierte sie in einem blendenden Ball. Ich rannte durch viele Zimmer, um ihr zu entkommen und landete im Raum von Indien, wo ich mich unter einem Bett versteckte. Die Metapher für einen globalen Atomkrieg.

Am Nachmittag waren einige Male Explosionen zu hören. Es wird gesagt, dass die Minen gerade geräumt werden, und doch ist es beängstigend. Die Sirenen heulten immer wieder.

Es stellte sich heraus, dass sogar psychologische Gruppen müde machen können. In der ersten schlief ich ein, dann wählte ich zwischen den beiden abendlichen die kürzere aus. Doch die Kommunikation war tiefgründig. Es gibt gerade generell sehr viele Gespräche. Wir wurden über das ganze Land und Europa verstreut, und trotz der Tatsache, dass ein Teil unserer Seele und Aufmerksamkeit in und mit der Ukraine ist, gibt es immer noch Austausch mit anderen Orten und Kulturen. Übrigens bin ich nicht allein mit dem Gefühl von Schwäche und Passivität. Mit den anderen Gruppenteilnehmern war ich mir einig, dass es gut genug ist, sich selbst zu retten und seine Psyche zu bewahren. Und wenn man es trotzdem noch schafft, zumindest eine Kleinigkeit zu tun, um anderen zu helfen oder zu gewinnen, ist das großartig.“

„Scannen der Geräusche: Droht Gefahr?“

Teil 20, Kriegstag 42: „Meine Kräfte sind am Ende. Ich bin träge, mein Kopf fühlt sich an, als wäre er mit feuchter Watte vollgepackt. Ich koche Kompott und Pilaw, ein Reisgericht – und nicke ein.

Viele klagen über Denk- und Gedächtnisprobleme. Mir fällt es auch schwer, mich zu sammeln, etwas zu entscheiden, zu planen und zu unternehmen. Einer der Gründe scheint zu sein, dass immer noch ein beträchtlicher Teil der Aufmerksamkeit mit dem Scannen und Erkennen von Geräuschen beschäftigt ist: Droht Gefahr?

Gestern saß ich einige Minuten regungslos da und hörte von oben ein seltsames Geräusch, ähnlich dem Dröhnen eines Flugzeugs. Endlich verstand ich, dass die Nachbarn ein Bad einließen. Sie fahren die Jalousien scharf hoch, rücken Stühle über den Boden, draußen fahren manchmal verrückte Motorradfahrer und Lastwagen vorbei. Das alles triggert mich und läutet Alarm.

Mama hat vor, die Verdunkelung von den Fenstern zu entfernen. Ich sage ihr, dass es zu früh ist, noch ist nichts zu Ende. Ja, im Moment ist es ruhig, aber wir wissen bereits, wie schnell sich das ändern kann.“

„Nicht alle über einen Kamm scheren, aber...“

Teil 19, Kriegstag 41: „Am Morgen tat mir das Herz weh. Ich beschäftigte mich mit Hausarbeit, das beruhigt und gleicht mich aus. Mein Cousin lud mich zum Geburtstag ein. Wow, es scheint, in dieser Welt existieren noch Feste. Und ich kann losgehen und nach einem schönen Geschenk suchen. Wenn die Energie darauf gerichtet ist, anderen eine Freude zu machen, bekommt man bessere Laune.

Ich trank Cognac, aß leckeres Essen, unterhielt mich und wurde fröhlicher. Obwohl die Gespräche sich zum größten Teil um den Krieg drehten. Der 90 Jahre alte Vater der Schwiegertochter erinnerte sich, wie ein deutscher Soldat ihm, als er klein war, Bonbons schenkte und ein Foto seines eigenen Sohnes zeigte. So was wie heute, sagt er, gab es damals nicht. Ich erinnere mich an das Denkmal in meinem Viertel in Tschernihiw, das am Massengrab errichtet wurde. Das gab es damals auch. Nun wiederholt es sich.

Sowohl damals als auch heute gibt es auf beiden Konfliktseiten verschiedene Menschen. Damals wie heute stellen sich Fragen der persönlichen und kollektiven Verantwortung für die Geschehnisse.

Ich mag es nicht, alle über einen Kamm zu scheren. Aber ich merke, wie bei mir und bei anderen Einwohnern der Ukraine, neben dem Hass auf Putins Besetzer, viel Misstrauen und Ablehnung gegenüber allem Russischen auftauchen. Noch vor zehn Jahren war in meinen Augen ,Russisches‘ auch das ,Unsere‘.“

"Ihre Eltern beerdigten die drei im Gemüsegarten"

Kriegstag 40: „40 Tage nach Ende des friedlichen Lebens. Ein Tag der Trauer für die Gefallenen im Krieg. Finster denke ich: Wahrscheinlich kann niemand mehr mein Gejammer hören. Ich habe etwas, wofür ich dankbar bin. Ich lebe und bin relativ gesund. Ich habe hier – in meiner Zuflucht bei Verwandten in der Nähe von Tschernihiw – ein Dach über dem Kopf, Wasser, Gas, Strom, Kanalisation, Heizung, Internet und Handynetz. Ich habe einen Kühlschrank mit Essen, ein bisschen Geld und viele tolle Menschen um mich herum. Eine Stadt, in der Frühling ist und nicht mehr geschossen wird – obwohl die Sirenen noch manchmal heulen. Man kann spazieren gehen, Blumen angucken und eine Katze finden, die sich streicheln lässt. Das alles habe ich, schätze ich und bin dankbar. Und ich würde liebend gerne all diese düsteren Geschichten vergessen, weiter im Internet Katzenbilder posten und Reime dichten. Aber so lange ich nicht alles aus mir herausschreibe, nicht alles entlade, klappt das nicht. Mein Herz schmerzt, in meiner Brust liegen schwere Steine.

Seit dem Morgen habe ich die Geschichte meiner Freundin Oksana im Kopf – und von der Mine: Oksana hatte versucht, mit ihren beiden Söhnen per Auto aus Krasne zu fahren, einem Dorf nicht weit von Tschernihiw, das an der Fernstraße nach Kiew liegt. Dabei wurden sie und ihre Söhne vor den Augen von Oksanas Vaters von einer Mine getötet. Ihre Eltern beerdigten die drei im Gemüsegarten. Und dieses Detail macht mich fertig. Niemand hat uns bei der Geburt versprochen, dass wir lange und glücklich leben werden, dass wir ein hohes Alter erreichen und alles bei uns gut und menschlich sein würde. Leider. Den ganzen Tag standen mir Tränen in den Augen, flossen aber nicht heraus.

Am Abend nahm ich an einem Online-Treffen von Tanztherapeuten teil, die Leiterin war Italienerin, und die Frauen kamen aus der Ukraine und aus anderen Ländern. Mir fiel auf, wie sehr sich die Gesichter der ukrainischen Frauen, mit einem Ausdruck von Schmerz, von den lächelnden, strahlenden Gesichtern der Frauen, die nicht direkt vom Krieg betroffen sind, unterschieden. Ich brachte Musik und Tanz wieder in mein Leben zurück, und es war gut, aber ich konnte noch immer nicht weinen. Und die Technik ’1000 Tränen’, die ich ausprobiert habe, funktionierte auch nicht, obwohl ich zwei Stunden lang tropfende Tränen gemalt habe. Traurigkeit, die Kunsttherapie hilft nicht mehr. Aber das ist okay. Wir leben. Wir wachsen. Wir halten durch.“

"Darf man schon zurück?"

Kriegstag 39: Zum ersten Mal seit mehreren Tagen erreiche ich Mama. Endlich gab es bei ihr wieder Strom und sie konnte ihr Telefon aufladen. Ich bin froh: In meinem geliebten Tschernihiw wurde die Belagerung aufgehoben, bald kann man zurückkehren…

Aber ich mache mir Sorgen: Darf man schon zurück? Es wird gesagt, es sei noch zu früh, die Außenbezirke wurden noch nicht von den Minen freigeräumt. Und wie lebt man in einer Stadt ohne Infrastruktur? Wie lebt man in einer Stadt, wenn man weiß, dass sie jederzeit wieder beschossen werden kann? Dennoch ist die Freude größer. Doch dann denke ich an die Fotos aus Bucha und Irpin.

Ich versuche, mich mit Hausarbeit abzulenken und in meinem Kopf ist nur ein Gedanke: Verdammt, wie kann sowas im 21. Jahrhundert möglich sein? Haben uns der vorangegangenen Krieg und die Qualen nichts gelehrt?

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Ich will das nicht sehen und daran glauben, dass so etwas möglich ist. Jemand entschied, dass er das Recht hatte, sich so zu verhalten oder erhielt die Erlaubnis seiner Vorgesetzten dazu. Und ließ seine Dämonen heraus. Finster denke ich: Wäre es nicht besser ohne Internet in Tschernihiw zu sein, Wasser zu schleppen und nichts zu wissen…

Und noch eine schlimme Nachricht: Meine Freundin aus dem Handarbeitsclub wurde bei dem Versuch, ein Dorf bei Tschernihiw zu verlassen, zusammen mit ihren Söhnen durch eine Mine getötet. Das ist der erste Todesfall unter meinen Freunden. Ich hoffe, auch der letzte.

Am Abend nehme ich an der Selbsthilfegruppe teil. Wir arbeiteten mit dem Gefühl Aggression. Schimpfen ist eine der Möglichkeiten, sie zu entschärfen. Danach fühlte ich mich leichter. Trotzdem sehr traurig, aber schon auszuhalten.

Viele Grüße von Nastia. Sie ist eine Heldin. Wir halten durch.

"Ich bin traurig beim Anblick des Schadens"

Kriegstag 37: „Der Tag ist vergleichsweise ruhig. Und er fühlt sich irgendwie leicht an. In dem Städtchen, in dem ich gerade lebe, wurden zwei Heizwerke durch Beschüsse beschädigt – die halbe Stadt ist ohne Heizung. Ich bedauere, dass ich keinen Kapuzenpullover mithabe, mein Kopf friert.

Seit dem Morgen regnet es, ich habe einen Druck auf dem Kopf, aber das sind Kleinigkeiten. Der Krieg verändert sogar die Verkehrsregeln: Wir schnallen uns im Auto nicht an, damit wir schnell herausspringen können, falls etwas passiert.

Ich helfe mit, Menschen mit lebensrettenden Medikamenten zu versorgen. Es muss beängstigend sein, keinen Zugang zu dem zu haben, das einen am Leben erhält. Ich gehe mit einem Mädchen spazieren. Sie ernennt mich zu ihrer Freundin.

Ich lese Nachrichten, freue mich über die Befreiung unserer Dörfer und bin traurig bei dem Anblick des Schadens, der von den Russen angerichtet wurde. In der Nacht wache ich auf. Gewitter. Unruhe. Sirenen. Ich stecke meinen Kopf unter die Decke. Dann ist es nicht so beängstigend.

Blick auf ein Kinderbett in einer Wohnung eines durch Beschuss beschädigten Wohngebäudes in Tschernihiw in der Ukraine.
Blick auf ein Kinderbett in einer Wohnung eines durch Beschuss beschädigten Wohngebäudes in Tschernihiw in der Ukraine.
Bild: Yuriy Vasilenko, dpa

Spazieren, um innere Spannungen abzubauen

Kriegstag 38: Stille. Die ganze Zeit über war ich besorgt, dass ich nicht zum Arbeiten zurückkehren könnte. Es gibt einen Laptop, es gibt einen Auftrag für ein Layout, das ich entwerfen soll. Es stellt sich heraus, dass es nur eine Bedingung braucht, um wieder mit der Arbeit beginnen zu können: Die Soldaten müssen aufhören zu schießen. Also öffne ich endlich den Laptop und beginne.

Danach besuche ich meine Verwandten, mache einen Spaziergang und fotografiere. Spazieren ist wichtig für mich, der Körper verlangt nach Bewegung, um innere Spannungen abzubauen.

Nach wie vor verbringe ich viel Zeit damit, die Nachrichten zu verfolgen. Ich schlafe die ganze Zeit in Kleidung, in der man rausrennen kann, falls etwas passiert.

Ich telefoniere mit Nastia. Sie hat es nicht leicht, aber sie hält durch. Und das bedeutet, dass wir es auch sollten.“

Das Geschenk des Krieges

Kriegstag 36: „Am Morgen gibt es einige Beschuss-Serien. Es regnet und ich habe Kopfschmerzen. Ich nehme eine Tablette, lege mich hin, unterhalte mich mit anderen. Die wichtigste Frage: Wie geht es dir? Zum ersten Mal seit vielen Tagen fühle ich mich stabil und vergleichsweise ruhig.

Im Krieg geht es um Tod, Angst, Verlust. Es gibt Hunderte tragischer Geschichten, eine schmerzhafter als die andere, und sie alle geschehen nicht im Kino oder irgendwo weit weg, sondern hier. Menschen werden getötet, verwundet, beschossen.

Und gleichzeitig geht es im Krieg um Liebe. Ich kann diesen Zustand nicht in Worte fassen – als würde sich das Herz erweitern und alles, was vorher war und jetzt ist, hat darin seinen Platz gefunden und einen großen Wert erlangt. Das ist das Geschenk des Krieges…

Ich koche Borschtsch, Kompott und backe einen Kuchen. Am Abend besprechen wir in der Selbsthilfegruppe, was uns geholfen hat, mit der Angst vor dem Beschuss umzugehen: Tiefe Atmung, Selbstmassage oder Streicheln, sich in eine Decke wie in einen Kokon wickeln, sein Haustier oder Kind umarmen, dem Brummen des Kühlschranks zuhören… Wir halten durch.“

"Die Nacht war fürchterlich, aber wir haben überlebt!"

Kriegstag 35: „Bleibt zu Hause, geht nicht raus. Wir haben eine Ausgangssperre für eineinhalb Tage, bis morgen früh. Niemand darf sein Haus verlassen.

Ich sehe im Netz neue Fotos und Videos von den Zerstörungen in der Innenstadt Tschernihiws. Es erfüllt mich mit Traurigkeit und Schmerz. Alles läuft nach dem Szenario: Wenn Putin Truppenabzug und Feuerpause ankündigt – erwarte Unglück.

Ich rufe Mama an. Eine Nachbarin, die bei ihr zu Besuch ist, ruft ins Telefon: „Die Nacht war fürchterlich, aber wir haben überlebt!“ Gott sei Dank.

Viele Gebäude wurden bei dem Angriff in Tschernihiw zerstört, das Einkaufszentrum, die Post. Auch die Zentralbibliothek: ein Gebäude, das Anfang des letzten Jahrhunderts erbaut wurde, eines der architektonischen Schätze der Stadt. Jetzt ist es ohne Fenster und Teile des Dachs.

Sogar Boldyna Gora wurde getroffen - ein Denkmal, an dessen Fuße ein ewiges Feuer für die gefallenen Helden des letzten Krieges brennt.

So vergeht der Tag in Trauer. Draußen wird immer wieder geschossen, es ist beängstigend. Ich rufe Nastia an. Sie hat Fieber, letzte Nacht konnte sie wegen Schmerzen im Bein nicht schlafen. Gedanklich umarme ich sie, puste ihr auf die Stirn.

Am Abend erinnere ich mich, dass ein Treffen von Kunsttherapeuten beginnt, ich schalte mich dazu und fange an zu malen – zwei spontane Bilder über meine Gefühle. Das erste ist gruselig, das zweite traurig. Aber was soll man machen, wie die Zeiten - so die Bilder. Ich fühle mich etwas leichter.“

"Wir sitzen in Decken gehüllt, singen und essen Schokolade"

Kriegstag 34: „Wie auch viele andere Landsleute weiß ich nicht mehr, welches Datum und welcher Wochentag heute ist. Aber ich weiß welcher Kriegstag ist.

Ich versuche, mich als Geflüchtete registrieren zu lassen und werde für eine Kontoeröffnung zu einer Bank geschickt. Ich schaue auf die kilometerlange Schlange – nicht heute… Ich verstehe nicht, warum man für Auszahlungen nicht die Bankkarte verwenden kann, die man schon besitzt und warum man viele Menschen an einem Ort in der Stadt versammelt, die unter Beschuss ist.

Ich besuche eine Freundin, beschäftige meinen Kopf und Hände. Ich fühle mich ruhiger und fröhlicher und kann sogar wieder lächeln. Wir setzen uns zum Mittagessen, als der erste Knall erklingt… Dann der zweite…

Wegen mehrerer Explosionen verstecken wir uns daraufhin mit der ganzen Gruppe – Kinder, Großmutter, Katzen, ein Hund und andere Gäste - im Keller. Wir sitzen in Decken gehüllt, zeichnen, singen die Hymne der Ukraine, essen Schokolade.

Auf dem Rückweg fährt mich ein Soldat nach Hause. Er sagt, dass Bomben an Fallschirmen aus großer Höhe heruntergeworfen werden. Sie hätten Angst, dass ihr Flugzeug abgeschossen wird.“

Kriegstag 33: Ich wache früh auf, noch vor dem Sonnenaufgang. In der Wohnung ist es kalt, man will den Kopf unter die Decke stecken.

Ich höre einige Abfolgen von Salven. Wieder steigt die Unruhe. Ein Anruf bei Mama, drei Hauptfragen: Bist du heile? Ist das Haus ganz? Und die Kätzchen? Puh, alle am Leben!

Wie viele unversehrte Häuser wird es am Ende des Krieges wohl geben? Heute gibt es wieder Beschuss, es brennen Viertel unweit meines Hauses. Das ist keine Befreiung und keine Besetzung (sogenannte „Spezialoperation“). Das ist die Verwandlung warmer, gemütlicher Städte in eine Wüste.

Krieg ist Krieg, aber es gibt auf dieser Welt Dinge, die sich nie ändern: Die Waschmaschine hat die zweite Socke gefressen. Schade, dass es die neue war, mit den Kätzchen drauf. Ich backe einen Kuchen mit Kirschen. Eine kleine Feier des Lebens. Nastia geht es mit jedem Tag ein kleines bisschen besser. Wir halten durch.“

Kriegstag 32: „In der Nacht und am Morgen Salven. Ich träume davon, wie ich weglaufe.

Ich will heute Wäsche waschen, aber der Strom fällt aus. Ich sage mir: Keine Panik, beim Sturm wurde einfach die Leitung durchtrennt. Und das Donnern vor dem Fenster sind keine Explosionen, sondern ein Fensterbrett aus Blech, das vom Wind geschüttelt wird.

Als es wieder Strom gibt, mache ich die Wäsche. Ich hänge alles über die kalte Heizung – in der Hoffnung, dass sie bis zur Nacht angestellt wird. Ich weiche meine Jacke ein – und werde unruhig: Was wenn ich fliehen muss und keine Jacke habe?

Mit jemandem sprechen

Am Abend telefoniere ich mit meiner Freundin, die Psychologin ist. Sie musste auch mit ihrer Familie ihr Haus zurücklassen. Es ist wichtig für mich, mit jemandem zu sprechen, der sich in einer ähnlichen Situation befindet. Sie kann nachvollziehen, wie es ist, Angst zu haben, sich zu verstecken, Schrecklichem zu begegnen.

Kriegstag 31: Wie auch viele andere zurzeit, lebe ich in zwei Welten. In der einen ist der Frühling angebrochen und ich führe ein relativ friedliches Leben, genieße Sonne, Blumen und erledige Einkäufe. In der anderen Welt - das Gefühl, dass es nirgendwo einen sicheren Ort gibt, nächtliche Kanonaden, Nachrichten über neue Beschüsse, Zerstörungen und Opfer.

Eine Nachbarin sagte, dass letzte Nacht unweit des Hauses wieder etwas passiert ist, sie hätte eine Feuersäule gesehen und es habe nach Verbranntem gerochen… Ich denke darüber nach, dass Krieg vieles zurücksetzt. Was über Jahre, Jahrzehnte von Generationen geschaffen wurde - kann in weniger als einem Monat zerstört werden.

Frühling im Kriegsgebiet

Kriegstag 30: Frühling. Unter meinem Fenster schnurrt eine Katze. Seit heute morgen sind Salven zu hören - die Einheimischen haben Angst, ich bin nur leicht besorgt. Wenn man erlebt, wie ein Flugzeug 500 Kilogramm schwere Bomben abwirft, von denen die Erde bebt und stundenlanges Artillerieggeschütz, ist seltenes Knallen in der Ferne nicht viel.

Ich lese Nachrichten von Bekannten. Häuser werden zerstört, Blumenbeete, Gärten und Felder werden nicht mit Samen, sondern mit Glasscherben, Splittern und Minen besät. Wie sind wir in diese Realität geraten? Vor einem Monat machte ich mir Sorgen über geringes Einkommen und einen verzerrten Geruchssinn nach Covid. Es stellt sich heraus, dass das überhaupt keine Probleme waren.

Ich telefoniere mit Mama. Das Haus steht, allen geht es gut. Mama bekam humanitäre Hilfe - eine Packung Milch und eine Packung Saft.

Mit Nastia arbeiten jetzt Rehabilitationsärzte, sie setzen sie langsam auf, bewegen ihre Arme und Beine. Ich freue mich: Bewegung ist Leben.

Am Abend heult ein paar Mal eine Sirene - deswegen nehme ich mir ein Kissen und verstecke mich im Badezimmer. Als alles zu Ende ist, kehre ich zurück nach Hause, ziehe mir Handschuhe an und gehe die Glassscherben von der Erde aufsammeln.

Ein Blick auf das beschädigte Tschernihiw, die Heimatstadt von Tetiana Kuzyk.
Ein Blick auf das beschädigte Tschernihiw, die Heimatstadt von Tetiana Kuzyk.
Bild: Dmytro Kumaka, dpa

Apokalyptische Bilder aus Tschernihiw

Kriegstag 29: „Tschernihiw wurde letzte Nacht stark getroffen. Artilleriebeschüsse, sechs Luftangriffe. Meine Freundin, die dort geblieben ist, schickt ein apokalyptisches Foto des brennenden Himmels über der Stadt. Ich bete, dass diese Nacht ruhig wird.

Meine Taschen sind zur Hälfte ausgepackt. Ich erstarre noch immer und lausche allen verdächtigen Geräuschen. Die Front ist nirgendwohin verschwunden, sie hat sich nur entfernt.

Ich denke darüber nach, wie Teile der Familiengeschichte sich wiederholen. Mein Opa kämpfte im Zweiten Weltkrieg, war verwundet - Schädel-Hirn-Trauma und Teile der Füße wurden wegen Erfrierungen amputiert.

Jetzt verliert seine Urenkelin Nastia einen Teil ihres Beins durch eine Explosion im neuen Krieg. Jeden Tag erträgt sie zweistündige Verbandwechsel unter Narkose. Ich bewundere Nastias geistige Stärke. Ich wünsche uns allen die gleiche Kraft.

Die Bombardierung in Tschernihiw geht weiter

Kriegstag 28: „Kümmere dich, ohne dir Sorgen zu machen. Genau dieser Spruch auf einer Karte hat mir bei der Entscheidung geholfen, wegzufahren. Aber sich keine Sorgen zu machen, klappt schlecht. Der Tag fing mit einer schlechten Nachricht über eine gesprengte Brücke an. Was ist jetzt mit Evakuierungen und was mit den Lieferungen von Hilfsgütern? Dann schüttele ich mich: Unsere Leute sind schlau, sie werden sich etwas einfallen lassen, und es gibt Boote…

Ich bereite Essen zu. Gehe einkaufen. Die Regale in den Läden sind fast leer und für manche Produkte sind die Preise höher als im belagerten Tschernihiw. Besuche Verwandte. Sie verpflegen mich mit Mittagessen.

Telefoniere mit der Familie. Mama geht es gut, ihr wurde Katzenfutter gebracht. Meine Nichte Nastia ist stabil, wir beten um schnelle Genesung.

Arbeiten klappt vorläufig nicht. Ich schaue auf die heilen Häuser ringsum – und ein Bild mit anderen, zerstörten Gebäuden legt sich darüber. Es sieht so aus, als wäre es an der Zeit, einen Psychologen zu konsultieren.

Als ich mich in Tschernihiw aufgehalten habe, war ich wütend, als andere wegfuhren und mich überredeten, auch wegzufahren. Jetzt verstehe ich sie – ich möchte auch alle herausholen, die ich liebe und die dort geblieben sind.

Eine Klassenkameradin schrieb mir über die Bombardierung eines Lebensmittelunternehmens in Tschernihiw. Es liegt in der gleichen Straße wie mein Haus. Ich mache mir Sorgen. Ich kann mich kaum zurückhalten, Mama nicht anzurufen – sie schläft mit Mütze und mit einer dicken Decke – umgeben von Katzen, und könnte nichts gehört haben, wie so oft. Aber ich will sie nicht erschrecken. Ich weiß nicht, ob ich wieder einschlafen kann. Wir halten durch, natürlich, was bleibt uns übrig.“

Mittwoch, 30. März. Neben heftigem Beschuss und der Belagerung von Tschernihiw passiert derzeit noch etwas in Memmingens ukrainischer Partnerstadt: Einige russische Einheiten ziehen sich zurück. Die ukrainische Militärführung sieht darin allerdings nur eine Umgruppierung und keinen dauerhaften Abzug. Wie sich diese militärischen Aktivitäten auf das Leben von Tetiana Kuzyk auswirken, wissen wir aktuell noch nicht. Die 45-jährige selbstständige Künstlerin kommt aus Tschernihiw und schreibt für uns über den Kriegsalltag. Ihre Texte werden für uns von einer Freundin von Tetiana Kuzyk übersetzt, die in Deutschland lebt.

Flucht aus Tschernihiw

Kriegstag 26: Tetiana Kuzyk wird an diesem Tag mit Hilfe anderer Menschen Tschernihiw verlassen. „Am Morgen packe ich meine Tasche fertig und laufe zum Sammelplatz. Nach sechs Stunden und 40 Minuten Stehzeit in der heißen Sonne fahren wir endlich los. Wie, mit wem und wohin, dass schreibe ich irgendwann später, um die hilfsbereiten Menschen nicht zu verraten. Nach zwei Stunden kommen wir an. Es gibt Handy-Netz und Internet, meine Verwandten empfangen mich, lassen mich in ihre Wohnung ziehen - mit Wasser, Strom und Heizung, verpflegen mich. Fast weine ich, weil irgendwo auf der Welt alles so läuft, wie es sein soll – und es keinen Wahnsinn gibt, wie in meinem geliebten Tschernihiw.

Ich schaffe es, meinen Bruder per Telefon zu erreichen. Seine Tochter Anastasia wurde in eine andere Klinik gebracht. Aber die Ärzte sagen, dass ihr Bein nicht gerettet werden kann. Ich heule den ganzen Abend. Vor einigen Tagen war sie unter Beschuss geraten und schwer verletzt worden. Unsere Nastia, eine Kluge, eine Schönheit, gutherzig, leicht und fröhlich. Ich hoffe, dass die nächste Operation die letzte ist und Nastia gesund wird. Danach werden wir mit der ganzen Welt fertig werden. Ich bete, dass Gott ihr und ihrer Familie Kraft gibt.

So eines bist du also, Schuld-Syndrom des Überlebenden.

Ich danke allen, die mir und meiner Familie mit Geld helfen. Der Fall meiner Nichte kann zwar nicht mehr rückgängig gemacht werden, doch können seine Folgen vielleicht irgendwie durch die Hilfe gemildert werden.“

„Begreife, dass ich ohne Mama fahren muss“

Kriegstag 25: „Allmählich reift in mir der Entschluss, Tschernihiw zu verlassen. In der Stadt herrscht eine humanitäre Katastrophe. Ich fahre mit dem Rad zu meiner Wohnung, muss dabei der herunterhängenden Oberleitung der Trolleybusse ausweichen. Ich sehe zwei neue Bombentrichter. In den Häusern daneben klaffen Löcher, Fassaden sind heruntergerissen. Vor einem Geschäft eine lange Warteschlange, die Leute warten, dass Brot gebracht wird. Lange Schlangen auch an den Wasserpumpen. Jemand holt Wasser aus dem Fluss. Irgendwer hat sogar in einen Baum im Hof zwei Löcher gebohrt und Flaschen druntergestellt. Die Müllberge wachsen, das ist aus epidemischer Sicht gar nicht gut. Ich nähere mich meiner Wohnung. Dann ein neuer Schock: eine Rakete ist im Nachbarhaus eingeschlagen. Im zweiten Stock. Wer also denkt, die unteren Stockwerke wären sicherer, irrt sich.

Gedankenverloren irre ich durch die Wohnung, überlege, welche Dinge ich benötige, wenn ich die Stadt verlasse. Ich begreife, dass ich ohne Mama fahren muss. Das ist eine schwierige Entscheidung, denn meine Mutter lebt mit zunehmendem Alter immer mehr in ihrer eigenen Welt. Ich schreibe für Mama Anweisungen, versuche am Abend bei Kerzenlicht meinen Koffer zu packen. Das wehmütigste Packen meines Lebens. Obwohl ich nicht weit fahre, in die Kreisstadt zu Verwandten, ist die Front auch dort in der Nähe. Es gibt keine Garantie, dass ich nicht noch weiter fahren muss. Also versuche ich, mich für alle Fälle des Lebens vorzubereiten. In der Nacht weine ich. Meine Katze ist bei mir. Wir halten immer noch durch.“

Tag der Hoffnung

Kriegstag 24: "Der Abend und die Nacht vergingen ruhig. Ich dachte sogar: 'Was, wenn der Krieg auf einmal zu Ende ist?' Aber um sechs Uhr am Morgen fing der Beschuss wieder an. Ich telefonierte mit meinem Bruder. Meine Nichte Anastasia ist auf der Intensivstation, nach zwei Operationen ist ihr Zustand kritisch, aber stabil. Die Ärzte sind Helden, operieren unter solchen Bedingungen. Das Krankenhaus ist halb zerstört, ohne Strom und Wasser. Am meisten will ich, dass es klappt, Nastia an einen sichereren Ort zu bringen und sie zu heilen. Wir werden alle keine Ruhe finden, solange sie nicht an einem Ort ist, an dem nicht geschossen wird.

Ich verspüre in mir einen starken Zorn. Auf Anraten des Coaches, bei dem ich in Lehre bin, mache ich eine Karma-Management-Übung zur Verbesserung von Nastias Gesundheit. Das Schwierigste ist, in mir einen freudigen Zustand für sie zu erschaffen.

Heute ist wieder der halbe Himmel über der Stadt von drei Rauchsäulen erfüllt. Strom, Wasser, Heizung und Internet gibt es nach wie vor nicht, die Handy-Verbindung ist sehr schlecht. Gott sei Dank gibt es Gas und einen Ort, an dem man Wasser abfüllen kann - mit langen Warteschlangen, aber die kann man überleben. Und es gibt Essen.

Meine Nerven liegen blank, ich schreie und schimpfe - hauptsächlich auf Mama wegen ihrer Sturheit. Sie will nicht wegfahren. Die Anspannung braucht ein Ventil.

Mama bekam eine zehn Jahre alte Frauenzeitschrift zum Lesen. Die Schlagzeilen sind typisch für so ein Magazin: Beziehungen, Mode, Sex, Tourismus. Düster male ich mir aus, wie die Schlagzeilen jetzt sein könnten: wie man eine Aderpresse, ein Tourniquet, richtig an ein verwundetes Gliedmaß anlegt wird, wie der Inhalt eines Notfallkoffers aussehen sollte, wie man einen Filter für Flusswasser baut, die besten Evakuierungsrouten, fünf Möglichkeiten, einen feindlichen Saboteur zu erkennen.

Wir halten durch."

Tetiana Kuzyk aus Tschernihiw schreibt für die Memminger Zeitung ein Tagebuch aus dem Ukraine-Krieg.
Tetiana Kuzyk aus Tschernihiw schreibt für die Memminger Zeitung ein Tagebuch aus dem Ukraine-Krieg.
Bild: privat

Tag der Tränen

Kriegstag 23: "Ich kann nichts schreiben. Vielleicht würde es mir dann besser gehen, aber das Geschehene ist derart ungeheuerlich, dass ich immer noch nicht daran glauben kann. Meine Nichte Anastasia ist unter Beschuss geraten. Sie ist schwer verletzt. Ich bitte alle, für ihre Heilung zu beten. Herr, erbarme dich."

Krieg ist zur Routine geworden

Kriegstag 22: „Wegen der vorangegangenen schlaflosen Nacht gehe ich früh schlafen. Mein Kopf schmerzt. Um Mitternacht wache ich auf, merke, dass ich essen möchte. Ich finde einen Snack, setze mich ans Fenster, schiebe die Verdunkelung zurück. Ich bewundere den Vollmond, die Sterne, orangefarbenes Leuchten von fernen Salven. Am Hauseingang ein Igel. Anscheinend ist er gekommen, um etwas von dem Futter zu fressen, das für die Katzen herausgestellt wird. Frühling, die Igel sind aufgewacht.

Der Krieg ist zur Routine geworden: die üblichen Warteschlangen für Brot und Lebensmittel, Suche nach Wasser - eine Freundin hat heute welches gebracht, hurra! Rettung von Lebensmitteln aus der schmelzenden Gefriertruhe, die übliche Flucht zum Unterschlupf, wenn es in der Nähe knallt oder ein Flugzeug zu hören ist. Tausch von Lebensmitteln und fertigen Gerichten mit Nachbarn am Hauseingang. Ich durchwühle die Tüten mit Gemüse, finde gekeimten Knoblauch, pflanze ihn in ein Beet. Wenn er nicht einfriert, wird es Knoblauchgrün geben. Am Mittag gehe ich Radfahren. An der Tankstelle ist die Warteschlange einen Häuserblock lang. Das Lager, in dem ich zuletzt eingekauft habe, ist geschlossen. Wie fast alle Geschäfte.

Es gibt keinen Strom. Mir ist kalt, ich setze mich auf den Balkon. Es ist zwar gefährlich, in der Nähe von Glasscheiben zu sitzen, aber an der Sonne ist es so warm. Ich zeichne. Später, bei Kerzenschein, lege ich die Affirmationskarten aus, zum Thema, was mich hier festhält und was der Sinn der Situation ist. Und bald geschieht eine Transformation: Ich verstehe, dass ich bereit bin, wegzufahren. Nur noch Mama überzeugen.

Am Abend laute Salven. Ich halte es nicht aus und setze mich in den Flur. Zwei Stunden lang Beschuss. Ein Flugzeug, aber kein Raketenbeschuss. Dann die lang ersehnte Stille. Wir halten durch.“

Der Krieg ist ganz nah

Kriegstag 21: "Der Abend ist laut. Das Donnern von Salven aus verschiedenen Waffen dringt durch - trotz des Radios in meinen Kopfhörern und zwei Kapuzen. Ich habe immer noch nicht gelernt, zu unterscheiden, wer woraus schießt, aber es ist mir auch egal. Ich zittere unter der Decke und umarme Katze Motya. In der Wohnung ist es kalt. Schon seit drei Wochen lege ich mich in fünf Lagen Kleidung mit über den Kopf gezogener Kapuze und zwei Decken hin. Diese Nacht jedoch vergeht ohne Schlaf, in Unruhe. Am Morgen ist es überraschenderweise ruhig und ich schlafe endlich für ein paar Stunden ein.

Mama hat zum Frühstück Kartoffelpüree gekocht, ich schneide den Salat und teile den restlichen halben Kopf des Chinakohls entzwei - er wird noch für ein weiteres Mahl reichen. Mit Gemüse ist es momentan nicht einfach. Am Tag ist es sonning. Die Leute kriechen hinaus, um sich zu wärmen. Plötzlich ganz nah eine starke Explosion, die Fensterscheiben zittern. Ich schneide gerade ein Stück Kuchen ab - und renne damit in den Flur, stehe mit klopfendem Herzen an der dicken Wand. Ich nehme ein Beruhigungsmittel ein.

Am Abend erfahre ich, dass ein Freund der Nachbarn mit dem Fahrrad unterwegs war, als drei Raketen direkt über ihn hinweggeflogen sind. Eine schlug ein paar Häuser von meinem entfernt ein. Ich sehe eine Nachbarin mit Wasserflaschen, finde heraus, wo sie das Wasser bekommen hat und gehe ebenfalls zu dieser Pumpe. Ich stehe lange in der Schlange. Währenddessen erkundige ich mich bei anderen Wartenden nach Nachrichten. Es soll bei uns eine Verschärfung der Lage geben, weil die russischen Truppen unbedingt in den nächsten Tagen Kiew erobern wollen.

Ich gehe mit dem Wasser zurück - und plötzlich ein lauter Knall irgendwo über mir. Ich werfe die Flaschen hin, springe an den Zaun und bedecke mit den Händen meinen Kopf. Ich schaue mich um - nichts zu sehen, atme aus und gehe weiter. Männer bauen im Hof eine Toilette. Krieg ist für die Einwohner, die nichts mit dem Militärwesen zu tun haben, im Wesentlichen nur eine ständige Angst und Unannehmlichkeit. Fast alle sind arbeitslos und mit der Suche nach Wasser, Essen, einem Telefonladegerät und einer Schutzunterkunft beschäftigt.

Eine Freundin kommt zum Tee - sie ist auch auf der Suche nach Wasser durch die Stadt gewandert. In Eile, um es vor der Ausgangssperre zum Luftschutzkeller zu schaffen. Was für wilde Worte - Luftschutzkeller, Ausgangssperre. Ich hatte nicht gedacht, dass ich mit ihnen etwas zu tun haben werde.

Herr, lass diesen Sch...kerl seinen 70 Prozent, die dem Fernsehen glauben, verkünden, dass sie gewonnen haben und seine Truppen aus unserem Land nehmen. Wie viel mehr Menschen, Technik und Wirtschaft muss er vernichten, damit es für sie greifbar wird? Dieser Slogan - wir können es wiederholen - worum geht es? Warum wiederholt ihr es nicht auf der anderen Seite? Verhaltet euch dort wie Faschisten und Terroristen?

Heute schlug es in meiner Stadt in einen Laden ein, vor dem eine Menschenschlange für Brot anstand. 14 Tote. Auch die Außenbezirke mit Privatgebäuden werden beschossen. Gegen wen kämpft ihr? Gegen Frauen und Kinder, von denen es noch viele in der Stadt gibt? Ich sehe sie auf den Spielplätzen - fröhliche Menschlein mit rosa Mützen, die von ihren Müttern an die Sonne gebracht werden, weil es unmöglich ist, die ganze Zeit in feuchten Kellern zu sitzen. Ich sehe sie und möchte weinen und beten - sie müssen zuallererst rausgefahren werden, sie.

Wir werden uns hier definitiv darüber in den Haaren liegen, was und in welcher Form an der Stelle der zerstörten Gebäude gebaut werden soll - aber das kommt später. Nach dem Sieg. Wir müssen glauben, dass wir bis dahin leben. Wir stehen."

„Ich bin müde. Wir sind alle müde“

Kriegstag 20: „Die Nacht verlief schlecht: die Bombenbeschüsse sind jetzt nicht nur im wirklichen Leben, ich träume von ihnen auch die ganze Nacht. Davor waren die Träume eher angenehm: zum Beispiel, dass der Strom eingeschaltet wurde. In Wirklichkeit gab es nur sporadisch Strom. Irgendwann blieb er endgültig aus. Mit dem Trolley meiner Mutter fuhr ich zu meiner Wohnung. Unterwegs erstarrte ich vor dem Anblick der blühenden Schneeglocken und Krokusse mit den Bienen darin. Einen echten, unumkehrbaren Neuanfang schafft nur der Frühling.

Neben dem Haus kochten Leute auf dem offenen Feuer Essen. Es sieht so aus, als hätte dieses Viertel noch mehr abbekommen, hier gibt es nicht einmal Gas. Ich nahm einen Teil der Buntglasfarben mit – nicht, dass ich vor hatte zu malen, sie sind mir einfach sehr wichtig. Ich wischte die Pfütze auf, die sich vor dem Kühlschrank gesammelt hat, nahm Streichhölzer und saubere Kleidung. Ich entdeckte Reste eines drei Wochen alten Kefirs – wunderbar, es wird Kuchen geben. Am Abend kam eine Freundin vorbei, sagte, dass es in der ganzen Stadt kein Wasser und keinen Strom mehr gibt. Irgendwie machte mir das Sorgen: ohne Wärme, Strom, Verbindung kann man noch mehr schlecht als recht leben, aber ohne Wasser? Meine Vorräte reichten noch für ein paar Tage, und dann? Trotz der Wasserknappheit teilte ich mir am Abend ein paar Liter Wasser ein, um mich zu waschen und ein Minimum an Wäsche einzuweichen.

Eimer und Tüten als Toilette

Um den Abwasserkanal nicht zu verstopfen, der durch die Wasserknappheit kaum noch durchgespült wird, benutzen wir Eimer und Tüten als Toilette. Im benachbarten Hof soll eine Toilette aus Sperrholz gebaut worden sein.

Das Mobilfunknetz brach wieder einmal zusammen. Am Morgen schaffte ich es noch, einige Bekannte zu erreichen, ab dem Abend funktionierte dann kein Anbieter mehr.

Ich bin müde. Wir sind alle müde. Von den Kanonaden, Unbequemlichkeiten, von der Angst um geliebte Menschen. Aber jetzt müssen wir durchhalten, denn wenn wir jetzt aufgeben, wird es wie in Donbass in der Ostukraine sein: russische Besetzung, nicht anerkannte Gebiete mit Banditen an der Macht, Aufpumpen der Region mit Waffen und Truppen unter dem Deckmantel der Verteidigung.

Und nach acht Jahren, wenn neue Wehrpflichtige herangewachsen und neue Waffen gebaut sind, wird wieder irgendeine neue Spezialoperation zur Bekämpfung mythischer Nazis verkündet, und dann ziehen sie los, um sich neue Teile der Ukraine einzuverleiben. Und es wird niemals Frieden für uns in unserem Land geben. Wir stehen das durch.“

„Tag der Wunder – und einer Tragödie“

Kriegstag 19: „Den ganzen Tag wurde geschossen wie noch nie, fast ununterbrochen, die Fensterscheiben zitterten. Wahrscheinlich anlässlich der Verhandlungen. Ich nahm die aufgetauten Beeren aus der Gefriertruhe und kochte Marmelade. So ist der endlose Tag des Murmeltiers: Ich koche etwas unter dem Hall des Beschusses – und Gas ist das einzige, was uns noch geblieben ist. Mama stand anderthalb Stunden in einer Schlange, um Weißbrot zu kaufen. Es ist immer noch warm. Mit Erdbeermarmelade – pure Glückseligkeit. Am Nachmittag geschah das erste Wunder – es gab humanitäre Hilfe: hauptsächlich Gläser mit Pasteten.

Eine Nachbarin bat, dass sie bei uns übernachten darf. Sie hatte sich bisher bei Verwandten in einem Privathaus versteckt und bei Alarm ständig in den Keller laufen müssen, seit Kriegsbeginn hat sie kein einziges Mal richtig geschlafen. Sie ging zu Bett, sobald die Ausgangssperre begann, glücklicherweise hörten der Beschuss am Abend auf. Lange und mühsam spülte ich mit Mama das Geschirr im Schein einer Laterne mit zwei Tassen Wasser. Die Versuchung war groß, die Behälter von den Beeren einfach wegzuwerfen und mir keinen Kopf darüber zu machen, aber ich bin wirtschaftlich und glaube an die Zukunft.

Und plötzlich ein Brummen

Dann setzten wir uns hin, um Tee zu trinken – und plötzlich: Nach fünf Tagen der Stille stellte sich heraus, dass das schönste Geräusch der Welt ein brummender Kühlschrank ist. Der Strom war wieder da. Das zweite Wunder des Tages, und ich habe sogar mit meinem Computer Internetempfang. Und dann – das dritte Wunder: Kater Bonifatius ist wieder zurück. Zwei Wochen war er nicht da. Als die Nachbarin rausging, um ihre Katze zu rufen, stürmte Boni durch die Tür. Abgemagert, erschöpft, er trank lange Wasser. Er konnte nicht von selbst auf das Sofa springen. Ich half ihm hinauf.

Ich würde den Text gern mit dieser glücklichen Nachricht enden lassen, aber dann sehe ich auf Facebook den Beitrag eines Freundes: Beim Versuch, die belagerte Stadt zu Fuß zu verlassen, wurde sein 13-jähriger Sohn bei einem Beschuss getötet. Tragödien sind immer unwirklich, bis sie dich persönlich oder deine Bekannten treffen. Ich wünsche das Himmelreich diesem Jungen und allen, die Opfer dieses ungeheuerlichen Krieges geworden sind. Wir halten durch.“

Kriegstag 18: „Heute schaue ich mir die Zerstörung im Zentrum an. Zerbrochenes Fensterglas knirscht unter den Füßen. Meine Kehle verkrampft sich, ein Knoten im Bauch, ich schluchze. Was habt ihr in meiner lieben, gemütlichen Stadt angerichtet? Die Fotos, die ich vorher gesehen habe, lösen nicht einmal einen Bruchteil des Schocks aus, der durch die Realität entsteht, die man mit eigenen Augen sieht.

Anstelle von Fenstern klaffen Löcher ohne Rahmen. Zerfetzte Dächer, Wände mit Rissen und Brüchen. Ein Geschosstrichter im Boden zwischen den Häusern. In der Nähe die Überreste eines Baumes. Wo einst Geschäfte, Cafés, die Bibliothek, eine Zahnarztpraxis, Wohnhäuser waren, nur noch zerstörte Hüllen. Vom Kinozentrum ist allein die Fassade geblieben. Ein in der Mitte eingestürztes Hotel, eines der berühmtesten Gebäude der Stadt. Ich will meinen Augen nicht trauen, will aus diesem Albtraum erwachen. (Lesen Sie auch: Krieg in der Ukraine - so ist die aktuelle Lage)

Verbogene Balkonrahmen, als wären sie aus Streichhölzern, verdrehte Metallzäune, tote Vögel. Früher habe ich gern Katastrophenfilme geschaut. Jetzt ist es, als wäre ich Teil eines solchen Films. Nur ohne Bruce Willis, sondern mit finsteren, unrasierten Männern mit Waffen und mit Frauen, die noch drei Wochen zuvor mit einem Lächeln auf gepflegten Gesichtern strahlten. Und jetzt haben sie Augenringe und Falten von Stress und Schlaflosigkeit.

Viele haben ihr Zuhause verloren oder sitzen mit ihren Kindern in Kellern, beruhigen sie und erzählen ihnen Märchen. Es gibt vermisste Menschen, Menschen, die sich im Epizentrum der Bombenexplosionen befanden, die einfach verdampften. Dieses Bild schwirrt seit Tagen in meinem Kopf herum. Ich bin heute sehr, sehr wütend.“

Kriegstag 17: "Der Strom ist nach wie vor weg, Wasser und Mobilfunknetz sind es ebenso. Also schaute ich nach dem Aufwachen nach den Lebensmitteln im Gefrierfach. Pelmeni, das sind Teigtaschen, und den größten Teil der Chicken Nuggets habe ich gerettet. Die Nachbarin bekam Hühnerleber und brachte sie rüber. Sie brachte auch ein Fläschchen Cognac, eingelegte Tomaten und Paprika mit. Zusammen aßen wir zu Mittag, mit Cognac, Pelmeni und Tomaten. Abends kochten wir Buchweizen und brieten die Leber.

Nach dem Mittagessen fuhr ich mit dem Rad los und guckte, wo ich Wasser für Reinigungszwecke herbekomme. Ohne Erfolg. Auf dem Weg kaufte ich Rote Bete, Orangen und Äpfel. Später ging ich noch spazieren. Ich entdeckte eine Halle, wo Lebensmittel verkauft werden. Ich holte Lebensmittel, die nicht im Kühlschrank gelagert werden müssen. Auch ein großes Stück Speck nahm ich mit.

Abends gab es wieder Wasser - im dünnen Strahl und rostig, aber wenigstens etwas. Ich füllte alle leeren Behälter auf, die mehr als ein Liter fassten, wärmte einen Topf Wasser auf, wusch mich, wusch die Haare und weichte im selben Wasser Wäsche ein. Und sogar eine Pediküre gönnte ich mir, zusammengekrümmt auf dem Flurboden, um mich vor den Geräuschen der lauten Schüsse zu verstecken.

Krieg in Tschernihiw: Hauptsache überleben

Im Grunde hat sich das Leben auf die Erfüllung der Grundbedürfnisse reduziert: essen, trinken, schlafen, Hygiene. Hauptsache überleben.

Mit dem Trinkwasser gibt es ein Problem: Schon immer trinke ich Leitungswasser, da ich aber die Wasservorräte in den ersten Tagen des Kriegs anlegte, ist es mittlerweile schal geworden, ich muss es abkochen. Dennoch bekomme ich davon Verdauungsprobleme.

Es gibt zu wenig Informationen über das Geschehen in der Stadt, im Land und an der Front. Zwar nutze ich das Handyradio, aber nur vor dem Schlafengehen, um Akku zu sparen. Es gab den ganzen Tag Schießereien in verschiedenen Stärken und Arten. Am Abend heftiges Artilleriefeuer. Frühmorgens um halb fünf: Grollen von Flugzeugen, drei Explosionen. Ich greife nach Brille, Katze, Bettdecke und renne in den Flur. Fünf Uhr: zwei starke Salvenserien. Schlafen werde ich dann wohl tagsüber. Lieber Gott, wann ist das alles zu Ende?

Meine kleine Welt ist noch heil. Die Unbequemlichkeiten sind belanglos. Wir stehen."

Bilderstrecke

Unter russischem Beschuss: Tote und schwere Schäden in Memmingens Partnerstadt Tschernihiw

Kriegstage 15 und 16

„Eine neue Erfahrung: den dritten Tag ohne Heizung, den zweiten ohne Wasser, Elektrizität und Internet. Am Donnerstag ging ich unter dem Geräusch von donnerndem Artilleriefeuer in meine Wohnung. Ich fixierte die Fensterscheiben mit Klebeband in der Hoffnung, dass sie so Druckwellen von Bombeneinschlägen besser standhalten. Dann packte ich eine Wolldecke, Jacke, Streichhölzer und einen Zeichenblock mit schwarzem Papier ein, der Situation entsprechend.

Wieder zurück bei meiner Mutter. Es gab keinen Strom und auch keine Telefonverbindung. Aus Angst, dass es bald auch kein Gas mehr geben wird, eilte ich in die Küche, um vorzukochen – trotz enormer Müdigkeit, ich konnte meine Arme kaum noch heben. Dennoch kochte ich bei Kerzenlicht Suppe, dünstete Gemüse, backte Pfannkuchen. Wie zu erwarten, verbrannte die Hälfte. Ich trank mit Mama Tee und wir sangen ukrainische Lieder. Anschließend legten wir Karten. Das hilft gerade erstaunlich gut: Dadurch kann ich analysieren, welche Bedeutung die ganze Situation des Krieges für mich hat. Diesen Tagebucheintrag musste ich auf Papier schreiben, denn für den Laptop gab es keinen Strom. Aber es half mir, einzuschlafen.

Um halb vier am Morgen fing eine meiner Katzen an, mit den Krallen am Bett zu kratzen und weckte mich. Ich horchte hin: Getöse eines Flugzeugs, anschließend Explosionen. Ich sprang auf, ergriff die Decke, die Katzen - und ab in den Flur. Mehr Flieger kamen nicht. Aber einschlafen konnte ich auch nicht mehr. So begann der 16. Tag des Krieges. Im Ganzen verlief er gut. Weil es noch immer keine Telefonverbindung gab, gingen die Leute einander besuchen. Zuerst kam die Mutter meines Patenkindes mit dem Fahrrad. Wir legten Karten und stärkten uns gegenseitig den Kampfgeist. Als sie die Karte zog „Wenn du müde von der endlosen Selbstanalyse bist, ruf mich an – wir tanzen“, sagte ich: verstanden. Wir begannen zu tanzen, sogar etwas Schnelles, mit den Hausschuhen munter auf den Boden trommelnd, und trieben uns den Stress aus den Körpern. Wenig später ging ich mit einer Freundin los, um Wasser zu suchen. Wir fanden keines. Wenigstens machten wir so einen Spaziergang. Später kamen mein Bruder und seine Familie. Wir tranken Tee, aßen Süßigkeiten. Er brachte uns Buchweizen mit. Und über seinen Telegram-Kanal erfuhren wir einige lokale Nachrichten.“

Selbstständige Künstlerin und die Übersetzerin

Die Texte von Tetiana Kuzyk werden für uns übersetzt von Olena Brandes. Sie stammt gebürtig auch aus der Ukraine, studiert derzeit in Göttingen, Niedersachsen, und ist die Tochter einer guten Freundin von Tetiana Kuzyk: Tetyana Brandes. Die beiden Frauen kennen sich von früher: Beide haben zehn Jahre bei der Zeitung Gart in Tschernihiw zusammengearbeitet.

Bis zu Kriegsbeginn am 24. Februar ging Tetiana Kuzyk verschiedenen Aufgaben nach: „Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf Glasmalerei, ich bemale Geschirr nach Auftrag und verkaufe es auch weltweit im Internet über die Plattform Etsy. Zudem biete ich Workshops zu diesem Thema an. Vor kurzem ließ ich mich zur psychologischen Beraterin nach der Methode der Positiven Psychotherapie von Peseschkian ausbilden, einer Art der Tiefenpsychologie. Als ich zu beraten anfing, brach der Krieg diese Tätigkeit ab.“

Die 45-Jährige lebte bis Kriegsbeginn mit ihren beiden Katzen allein in einer Wohnung, ging gern spazieren, tanzte mit Leidenschaft Zumba. Nun aber ist sie zu ihrer 76-jährigen Mutter gezogen, um ihr durch die Kriegszeiten zu helfen. Auch ihr Bruder lebt in Tschernihiw, er ist verheiratet und hat zwei Kinder, die schon erwachsen sind. „Sie alle übernachten schon seit zwei Wochen in Luftschutzkellern, nachdem nahe ihres Hauses Geschosse eingeschlagen sind.“

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